Der Puma in Puma
Im Labor der Kreuzberger Theorie-Buchhandlung b_books entstehen auch Filme, die die weitgefächerten Interessen der Betreiber dramatisch verfolgen. Im Werbeagenturmilieu des neuen Berlin hat b_books-Gründer Stephan Geene seinen Spielfilm After Effect angesiedelt, in dem nicht nur Sabine Timoteo (Foto, mit Annika Blendl) als begehrter Kreativkopf Talent zur gesunden Arroganz beweist, sondern auch Warenfetischismus ziemlich lebendig verkörpert wird. Ein Männer-Modell erweist sich im Kreativkreislauf als widerspenstig, polysexuelles Begehren sucht den Weg in hübsche Körper, während sich die Kreativ-Dienstleister den Kopf zerbrechen über "Tiere, die in Logos wohnen, wie der Puma in PUMA". Dass diese Welt selbst unaufhörlich in den Bildern des Films fetischisiert wird, ist kokette Subversion und geschicktes Selbstmarketing zugleich. Fürs Erste einmalig zu sehen in der Preview-Reihe Neuer Deutscher FIlm im Babylon-Mitte. (Robert Weixlbaumer, Tip Berlin 15-07)

besprechungen von 2008
intro (tim stüttgen)
taz (kirsten riesselmann)
schnitt (sascha ormanns)
freitag (simon rothöhler)
tip portrait (dietmar kammerer)
tip (robert weixlbaumer)
zitti (martin schwarz)
fluter (cristina moles kaupp)
de-bug (.)
perlentaucher
(ekkehard knoerer)

filmbeitrag 3sat kulturzeit


Gast im eigenen Leben

Kunst, Kampagnen, irgendwas soll entwickelt werden über den Dächern der Stadt. Stephan Geenes Film "After effect" porträtiert die jungen Kreativen unprätentiös

Im Babylon-Mitte gibt es schöne Reihen: das "Kinderwagenkino" mit Wickelmöglichkeit, die "schrägen Filme", sowie die Reihe "Neuer Deutscher Film" (jeden Donnerstag um 21.15 Uhr), bei der neue Werke vorgestellt werden. An diesem Donnerstag wurde "After Effect" von Stephan Geene gezeigt, eine im September 2005 gedrehte Low-Buget-Produktion (die Filmförderung gab 40.000 Euro).

Geene ist als Mitbegründer von b-books, Publizist, Kurator und Vortragsredner in Sachen Sex, Kapital, Multitude, Kollektiv berühmt geworden. Seine wortreiche Intellektuellen-WG-Soap "Ping-Pong-d'Amour" hatte den Charme des Unfertigen. Eine Bartleby-Adaption war danach etwas kurz geraten. "After Effect" nun ist sozusagen sein erster richtiger Langfilm mit Anfang, Ende, einem stimmigen Sounddesign mit Musik von "International Pony", einer unaufdringlichen Kamera, professionellen Schauspielern usw.

Es geht um ein Institut über den Dächern der Stadt - "Carl Celler Culture" - dessen Aufgaben unbestimmt sind. Kunst, Kampagnen, irgendwas soll entwickelt werden und die Stadt soll darauf antworten. Dies und das ist möglicherweise auch politisch.

Der Film überzeugt trotz seiner distanziert melancholischen Vagheit. Es gibt immer eine winzige Distanz zwischen Darstellung und Dargestelltem. Wie bei Hal Hartley hat man oft den Eindruck, die Helden des Films seien nur zu Gast in ihrem eigenen Leben, in unklaren Beschäftigungen und libidinösen Interessen. Sie nehmen sich wichtig, arbeiten am Thema Logo und Tiere und kennen sich von Ausstellungen in Stockholm oder Barcelona. Manchmal präsentiert irgendjemand irgendetwas. "Geld spielt keine Rolle", sagt Knarf Rellöm in einer der Rollen.

Manchmal gibt es schöne Wortspiele zwischen "animal" und "any male" oder jemand hat schöne Einfälle, wie, dass Tiere von der "Red Animal Fiction" den amerikanischen Präsidenten entführen und Videos mit Lösegeldforderungen veröffentlichen. Die schöne, erfolgreiche, irgendwie auch spröde Rena Yazka (Sabine Timoteo) trifft auf den Slacker Kai Starel (Aljoscha Wescott), der für die Agentur modelt. Eine Liebesgeschichte wird angedeutet, wieder zurückgenommen, entwickelt sich im unverbindlich Verbindlichen.

Am Ende gibt es einen sehr schönen Abschiedsblick, man weiß nicht so recht, es ist vor allem eine angenehme, intelligente, leicht melancholische Melodie, die im Kopf nachklingt. Vielleicht könnte man "After Effect" auch als "Nachglühen" übersetzen. DETLEF KUHLBRODT taz 14.7.2007


Programmheft:
In einer Berliner Kunst- und Werbeagentur tummelt sich ein Haufen junger, kreativer und von sich selbst überzeugter Menschen. In staubfreien Ateliers erschaffen sie Kunst und Werbung. Für die Entwicklung ihrer Kampagnen speisen sie alles an Material ein, was möglich ist: Videos, Tiere, Menschen. Nie geht es dabei jedoch um die Inhalte, alles spielt sich in einer Sphäre der Unentschiedenheit und Distanz ab. Für die Nachwuchs- Designer gibt es keinen leidenschaftlichen Schöpfergeist. Im neuen Berlin hat sich eine wirtschaftlich gesicherte Kreativgeneration herausgebildet, die keinen Kampf mehr zu kämpfen hat. Nicht mehr ganz so brotlos, ist ihre Kunst von Marketing nicht mehr zu unterscheiden.Doch als sich zwischen der Fotografi n Rena und dem Model Kai eine Liebesgeschichte anbahnt, gerät das coole Umwelt-Design ins Wanken. Mit dieser konsequenten Milieustudie leistet Stephan Geene Pionierarbeit. Mit ebenso sensibler Skepsis wie melancholischer Trauer um seine Figuren wirft er einen ungewohnten Blick auf eine sich neu formierende Stadt.

Link: über den Regisseur

 

 

 

Berlin im neuen Jahrtausend: Einige schrecklich kreative junge Leute tummeln sich in kahlen Räumen und denken über Firmenlogos mit Tieren nach. Und so nebenbei entwickelt sich eine Liaison zwischen einer Designerin und einem männlichen Model. Ganz sicher ist man sich nie, ob Regisseur Stephan Geene das Ganze nun satirisch meint oder nicht. Er wirft einen kenntnisreichen Blick auf das ganz neue, ziemlich sterile Berlin. Mit dabei: die wunderbare Sabine Timoteo (Foto). (Martin Schwarz, tagesspiegel 10.7.2007)


A summertime question for Stephan Geene.

How refreshing it is to see a new film made in Berlin, a film that is even somewhat about Berlin, that has next to nothing to do with the Berliner Schule other than that the lead's played by Sabine Timoteo (probably best known for her roles in Christian Petzold's Gespenster [Ghosts] and Matthias Glasner's Der Freie Wille [The Free Will]). Not that the Berliner Schule, a school with pretty porous walls in the first place, isn't still a source of fresh and invigorating work, but Stephan Geene's After Effect reminds us that there's more than one way to tell an unconventional tale in this city.

I'd run through a plot outline, but fortunately, German Films has already seen to that. I'll just add that, at the bottom of that page, you'll find Stephan's bio, one line of which reads, "In the 1980s, he was active in the theater group 'Minimal Club' in Munich." I was, too, from 1985 through 1991. But there's a gaping chasm of difference between our levels of activity. Stephan wrote many of the texts we performed and directed each production. It was a collective to varying degrees, but the overriding aesthetic, as the work evolved away from theater and towards installation, was his; it was as if notes taken during a furious yet rigorously disciplined bout with theory (and it would always be chunkier theory that I could ever grapple with head-on, but Stephan's never been one to be intimidated by such things) were rendered in three dimensions and then placed and replaced in a meticulously mapped spatial and temporal order.

While not as breezy as Minimal Club's soap-like serial of 2002 to 2004, Le Ping Pong d'Amour, After Effect is nevertheless light-footed and walks a slightly straighter line in comparison with the work of the Munich period. Even so, it's no less stimulating.


Stephan, even though you shot After Effect two years ago, I think it's a happy coincidence - and maybe you do, too - that it's seen its premiere in what the papers are calling "Art Summer 2007," a season of a highly unusual alignment of major art events: Venice and Basel, Kassel and Münster. Each of these shows has its own brand identity which takes over its respective city and overwhelms it for the duration. Among the many other things going on in After Effect, Carl Celler Culture, an agency of sorts, commissions creative types to do more or less the opposite: to absorb a city's identity into a campaign - though the nature of that campaign is an impossible-to-define fusion of marketing and art. To what extent is Berlin, if maybe not perfect, at least very, very good in its role?

I wasn't really trying to keep the film focused specifically on Berlin, although, arriving in 1991, I did find the Berlin mix of this deluge of freelancers from all over, a temporarily undefined public space, a real estate vacuum, empty buildings everywhere as an echo of the expulsion of the city's Jews - it all struck me as quite unique, and this may have been the spark of the film, a deep-set feeling and a concrete experience that work is not the be all and end all and that everyone involved is a producer and consumer (of his/herself). You wouldn't have had this experience in Munich - and not in Paris, either. Other than that, with After Effect, I wanted to create something, an artificial space that would accentuate this odd liveliness of the characters. Their unlimited matter-of-factness when it comes to the projects they're working on. And the extent to which this idea of animals is an indication of a certain discomfort that undercuts their confidence without their actually being aware of it.

But sure, for me, this culture-saturated summer makes for a pretty good background, especially since I'm in Kassel right now: b_books and Pro qm are running the Documenta Bookshop. This allows for an amusing angle on all the brouhaha. It may be the first time in my life I'm doing something that might be called "business." But at the same time, it's also very much a "collective."

Posted by dwhudson at July 23, 2007 12:34 AM