Geschichte
und
Theorie
des
Fernsehens
Stephan
Geene WS 10/11
Das golden
age
des TV, die Familie

Eine amerikanische Familie beim Fernsehen, ca. 1958
Übersicht:
Bis Fernsehen ein Massenmedium werden konnte, musste in Deutschland --
auch wegen der notwendigen Zustimmung durch die Besatzungsmächte
-- einige Zeit vergehen. Erst am Ende der 50er Jahre ist Fernsehen
nicht nur ein Spielzeug für wenige Reiche. Die Familie wird vom
Fernsehen nicht nur vorausgesetzt, sie wird auch von ihm durchgesetzt.
Materialien:
"Im Dezember 1949 wurde die beliebte Radio-Comedy-Show >Easy Aces< zum erstenmal als TV-Show auf dem Kanal Du Mont network ausgestrahlt. Die Episode bestand vollständig aus Goodman Ace und seiner Frau Jane, die in ihrem Wohnzimmer sitzen und fernsehen. Das Interessante kam ausschliesslich aus den witzigen Kommentaren zu den Programmen, die sie schauten. Abgesehen davon gab es keine Handlung. Das war Fernsehen, rein und einfach. Es war einfach das Gefühl, mit den Aces zusammen zu sein, ihnen zuzuschauen, wie sie schauen, aber auch mit ihnen zusammen fernzusehen, das dieser Sendung ihre besonderen Stil gab."Als
der
NWDR
Weihnachten
1952
ganz
offiziell
den
Fernsehbetrieb
aufnahm,
verbindet
sich
Enthusiasmus
bereits mit familiären Gefühlen
und Kaufinteressen:
„Wir
versprechen
Ihnen,
uns
zu
bemühen,
das
neue
geheimnisvolle
Fenster in ihrer Wohnung, das Fenster zur Welt, Ihren
Fernsehempfänger, mit dem zu erfüllen, was Sie
interessiert, Sie erfreut und Ihr Leben schöner macht... Es
kommt auf uns an, ob dieses technische Mittel schadet oder nützt.
Ich meine, wir könnten mit ihm die Ausdrucksmöglichkeiten
des Menschen vermehren, und wir sollten es dazu benutzen, das grosse
Wunder des Lebens im Reichtum seiner Formen und Inhalte anzuschauen
und zu erkennen... Das Fernsehen schlägt Brücken von Mensch
zu Mensch, von Völkern zu Völkern. So ist es wohl wirklch
das richtige Geschenk, gerade zu Weihnachten...“ Ansprache des
Intendanten Werner Pleister. (in TvS, S.33)
Der
BR
führte
als
erster
Sender
1956
Werbung
ein.
Erste
Werbung, Persil mit Liesl Karlstadt und Beppo Brehm:
http://www.youtube.com/watch?v=s2iVRi0_EDg

Die
erste Familienserie, die im deutschen Fernsehen lief, hieß
"Unsere
Nachbarn heute Abend: Familie Schölermann" und sorgte von Beginn
an für
öffentliche Diskussionen. Von 1954 bis 1960 lief die Serie jede
zweite
Woche und sollte das Leben einer deutschen Durchschnittsfamilie so
realistisch wie möglich zeigen. Demnach drehte sich das Leben der
Schölermanns um Alltagsfragen und -probleme im
Wirtschaftswunderland
wie Arbeitsplatzwechsel, Umzug oder den Kauf eines neuen Fernsehers.
Angeregt diskutierten die Zuschauer damals darüber, ob so wirklich
die
normale deutsche Familie aussehe.
Die Serie war für damalige Verhältnisse sehr erfolgreich.
Rund 50.000
Fernsehgeräte wurden pro Folge eingeschaltet. Viel mehr
Fernsehgeräte
gab es Mitte der 50er Jahre nicht. Schätzungsweise versammelten
sich
rund 500.000 Menschen vor den Fernsehern, wenn eine Folge lief. Und
immer am Ausstrahlungstag stieg die Zahl der verkauften Fernseher
auffallend an.

Married....with
Children
(Fox,
1987-1997)
dt.:
Eine
schrecklich
nette
Familie
Intro
Folge:
Die Sat-Schüssel
FAMILIE/NÄHE
“Jene
fatale
,Nähe'
des
Fernsehens,
Ursache
aus
der
angeblich
gemeinschaftsbildenden
Wirkung
der Apparate, um die
Familienangehörige und Freunde, die sich sonst nichts zu sagen
wüßten, stumpfsinnig sich versammeln, befriedigt nicht nur
eine Begierde, vor der nichts Geistiges bestehen darf, wenn es nicht
in Besitz verwandelt, sondern vernebelt obendrein die reale
Entfremdung zwischen Menschen und zwischen Menschen und Dingen.”
Adorno, Prolog fürs
Fernsehen 1952/53
Nicholas Ray, Rebel without a cause (USA 1955) mit James Dean und Natalie Wood

Literatur: Geschichte der Kindheit, Philippe Ariès,
München 1975 (Original 1960)
Fernsehen
"Ähnliche Beispiele gibt es auch im Fernsehen, beginnend bei Frank
Lloyd Wright, bis zu TV-Serien über Architektur und dem Einsatz
des modernen Hauses als Schauplatz häuslicher Dramen. Wieder
einmal war es das Museum of Modern Art, das sich speziell für das
Fernsehen interessierte. In Zusammenhang mit dem »Good Design
Program« war Edgar Kaufman Jr. 1954 zwei Wochen lang täglich
Gast in Margaret Arlens »Morning Show«. Außerdem
plante das Museum mit Hilfe einer Produktionsfirma eine Game-Show mit
dem Titel »Good Design at the Table«.
Die Medien im Haus Die Art, wie das Haus die Medien besetzt, steht in
direktem Zusammenhang damit, wie die Medien das Haus besetzen. Auf der
einen Ebene wurde die Architektur des 20. Jahrhunderts durch die
medialen Formen, in denen sie präsentiert wurde, transformiert.
Auf einer anderen Ebene betrifft das Design des Hauses die Medien
selbst. Es ist kein Zufall, daß Peter Blake sein »Pinwheel
House« von 1954 als eine Kamera beschreibt: »Die meisten
Wohnhäuser sind so gestaltet, daß sie wie eine Kamera
funktionieren: eine Schachtel, die auf einer Seite verglast ist, die
Glaswand auf die Aussicht gerichtet.« Der Designer glaubte,
daß er das Projekt interessanter machen könne, wenn er eine
Möglichkeit fände, das Haus für mehr Aussichten zu
öffnen und wieder zu schließen. »Denn dieses Haus kann
jeder Orientierung angepaßt werden und jeder Aussicht oder einer
Kombination von Aussichten, es ist ein universelles Sommerhaus für
fast jede Umgebung.« Diese Vorstellung hatte schon Le Corbusier,
der das Fenster mit der Kamera gleichstellte und argumentierte,
daß man das Haus wie eine Kamera überallhin mitnehmen
könne. Le Corbusiers Kamera ist letztlich cinematographisch. Die
»Promenade architecturale«, die er für jedes Haus als
eine Abfolge von Auf- und Abgängen und verknüpften
Räumen choreographierte, hat filmischen Charakter. Auch
spezifische Details, wie das horizontale Fenster, sind außerhalb
des Kinos undenkbar. Es herrscht ein sehr enges Verhältnis
zwischen dem Medienequipment im modernen Haus und dem Haus selbst. Nach
einiger Zeit absorbiert die Architektur die Eigenschaften der Medien.
Es tauchen Projekte auf, die stark durch die neuen Technologien geformt
sind, auch wenn diese Technologien noch nicht installiert sind. Dieses
Muster zeichnet sich mit jeder Einführung eines neuen Mediums ab.
Nehmen wir das Fernsehen: Buckminster Fuller sagte 1929, sein Haus sei
mit den neuesten Entwicklungen der Medientechnologie ausgestattet wie
Telefon, Radio, Fernsehen, Plattenspieler, Diktaphon, Lautsprecher,
Mikrophone. Das Fernsehen wurde in den USA allerdings erst nach dem
Krieg eingeführt. Du Mont und RCA boten ihre ersten Fernseher ab
1946 an, und zwischen 1948 und 1955 kauften fast zwei Drittel der
amerikanischen Familien ein Fernsehgerät. Aber im Jahr 1927, dem
Jahr, in dem Fuller das Haus entworfen hatte, war der Fernseher zum
ersten Mal öffentlich demonstriert worden. Im »Land of
Tomorrow« der New York World's Fair 1939 bestaunten die
BesucherInnen die übertragenen Bilder des neuen RCA
Fernsehempfängers. Die Eröffnung des Pavillons war das erste
Nachrichtenereignis, das in den USA vom Fernsehen aufgezeichnet wurde.
Zehn Tage später, bei den Eröffnungszeremonien der Messe,
hielt Franklin D. Roosevelt als erster amerikanischer Präsident
eine vom Fernsehen aufgenommene Ansprache. Im Jahr 1950 wurden in
Levittown in Long Island, der berühmtesten industriell gefertigten
Vorortesiedlung, die Fernsehgeräte bereits eingebaut angeboten,
sie waren in der Wand des vorgefertigten »Cape Cod«-Hauses
fix montiert. Das Fernsehen war zum Bestandteil der Architektur des
amerikanischen Hauses geworden. Die Einführung des Fernsehers im
Haus brachte Unmengen an Literatur und an Diskussionen in der
populären Presse über die Reorganisation von Raum innerhalb
des Hauses hervor. Heimmagazine gaben endlose Hinweise, wie der
Fernseher zu plazieren und wie das Haus in ein »Heimkino«
zu verwandeln sei. Zur Diskussion stand die Relation zwischen offenem
Kamin, Fernseher und dem Aussichtsfenster - drei Fenster, die
miteinander konkurrierten. Der Fernseher hatte den Kamin als
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ersetzt und wurde als Konflikt zum
Aussichtsfenster gesehen. Es wurde empfohlen, den Fernseher vom Fenster
wegzustellen, um Einblicke zu verhindern und Privatheit zu garantieren.
Ob jemand fernsieht oder nicht und welches Programm, wurde als absolut
private Sache betrachtet. Das Haus in ein Kino zu verwandeln war eine
Möglichkeit der Auseinandersetzung mit der anfänglichen Angst
und Unsicherheit über die Grenzziehung zwischen dem televisuellen
Raum und dem häuslichen Raum, die auch in populären Magazinen
und Filmen thematisiert wurde. Diese Verwandlung des Hauses etablierte
eine neue Linie zwischen Öffentlichkeit und Privatheit.
Zeitgenössische ArchitektInnen arbeiten noch immer mit Fernsehen
und seinem Ableger Video; zum Beispiel die Wohnung von Donna Robertson
und Robert McAnulty für die Ausstellung »Room in the
City« in der City Gallery, New York, im Jahr 1987. In diesem
Projekt wird der Blick des Flaneurs in der Stadt des neunzehnten
Jahrhunderts durch das wahllose Zappen durch die Fernsehkanäle
ersetzt. Das Fernsehen ist ein Fenster, durch das das Spektakel der
Stadt in entspanntem Zustand betrachtet werden kann. Aber in diesem
Fenster geht es nicht nur darum, eine Aussicht zu empfangen. Die
Satellitenschüssel ermöglicht es dem Haus, seine
Intimität nach außen zu übertragen. Ein Heimvideo ist
nicht länger ein Video, das man sich zu Hause ansieht, sondern
auch ein Video des Hauses, das in der Öffentlichkeit gesehen
werden kann. Das Fernsehen bringt nicht nur das Öffentliche ins
Private, es überträgt auch das Private in den
öffentlichen Raum. Einige ArchitektInnen überdenken das Haus
als Teil moderner Technologien, beginnend mit dem Auto. Beim
»Slow House« untersuchen Diller+Scofidio die
Übergänge von der Windschutzscheibe zum Fernseher und dem
Aussichtsfenster. Die Windschutzscheibe und der Bildschirm sind wie
Blenden; auch das Fenster. Aber im Gegensatz zu den beiden anderen ist
das Fenster unproblematisch, weil architektonisch. Im »Slow
House« ist die Unterscheidung von Architektur und
Kommunikationssystemen verwischt. Das Haus ist als räumliche
Überleitung zwischen dem Auto und der Aussicht konzipiert. Die
Struktur der Einfahrtstraße ist zur Garage transformiert,
sodaß man nicht einfach von der Straße auf ein traditionell
umzäuntes Grundstück gelangt. Windschutzscheibe und Fenster
sind ineinander geschoben, neben der Sicht auf den Ozean steht ein
Monitor mit der elektronischen Übertragung der Aussicht. Der
Status der Aussicht, und somit des Hauses, das sie produziert, wird
über die neuen Technologien thematisiert."
aus: Beatriz Colomina, The Media House