Geschichte und Theorie des Fernsehens
Stephan Geene SS 11

S9
Kritik und Gegenkritik 

Ideologie, Adorno (Prolog zum Fernsehen)
Bewusstseinsindustrie


Rückkehr der frankfurter Schule
http://www.zeit.de/2009/45/Frankfurter-Schule?page=1
fs
v.l.n.r.: Heinrich Böll, T.W. Adorno, Siegfried Unseld (Suhrkamp Verlag), ca. 1967


T.W. Adorno, Prolog zum Fernsehen, 1953:

"...Euphorie im Unglück. Die meisten der herrschenden Bedürfnisse, sich im Einklang mit der Reklame zu entspannen, zu vergnügen, zu benehmen und zu konsumieren, zu hassen und zu lieben, was andere hassen und lieben, gehören in diese Kategorie falscher Bedürfnisse." Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, 1965 (S.25)

Erst das Zusammenspiel all der aufeinander abgestimmten und dennoch nach technik und Effekt voneinander abweichenden Verfahren macht das Klima der Kulturindustrie aus. Daher fällt es den Soziologen auch so schwer zu sagen, what television does to people.“ (70)

Eher werden die Menschen ans Unvermeidliche fixiert als verändert. Vermutlich macht das Fernsehen sie nochmal zu dem, was sie ohnehin sind. Das entspräche der wirtschaftlich begründeteten Gesamttendenz der gegenwärtigen Gesellschaft, in ihren Bewusstseinsformen nicht länger über sich selber, den status quo hinauszugehen, sondern diesen unablässig zu bekräftigen und, wo er etwa bedroht dünkt, wiederherzustellen. Der Druck, unter dem die Menschen leben, ist derart angewaychsen, dass sie ihn nicht ertrügen, wenn ihnen nicht die prekären Leistungen der Anpassung, die sie einmal vollbracht haben, immer aufs neue vorgemacht und in ihnen selber wiederholt würden.“ (70)

Heimkino(s). Auch sie wird eine Tendenz der gesamten Kulturindustrie verstärken: die zur Herabsetzung der Distanz von Produkt und Betrachter, im wörtlichen und übertragenen Sinn. Sie ist wiederum ökonomisch vorgezeichnet. Was die Kulturindustrie liefert, empfiehlt sich allein schon durch die in Amerika eingestandene Reklamefunktion als Ware, als Kunst für den Konsumenten; wahrscheinlich in geradem Verhältnis zu dem Mass, in dem sie duch Zentralisierung und Standardisierung dem Konsumenten aufgezwungen ist. (..) als eine Gefälligkeit (..) Sie sollen seinem grauen Alltag Glanz spenden und doch ihm selber wesentlich gleichen: sie sind so vorweg vergeblich. Was anders wäre, ist unerträglich, weil es an das erinnert, was ihm versagt ist. Alles erscheint, als gehöre es ihm, weil er selber sich nicht gehört. er muss sich nicht einmal mehr fortbewegen, um ins Kino zu kommen (..) Die bedrohlich erkaltete Welt kommt zutraulich zu ihm, als wäre sie ihm auf den Leib geschrieben: er verachtet sich in ihr. Distanzlosigkeit, die Parodie auf Brüderlichkeit und Solidarität, hat dem neuen Medium sicherlich zu seiner unbeschreiblichen Popularität mitverholfen.“ (72f)

Die Grenze zwischen Reallität und Gebilde wird fürs Bewusstsein herabgemildert. Das Gebilde wird für ein Stück Realität, eine Art Wohnungszubehör genommen, das man mit dem Apparat sich gekauft hat, dessen Besitz ohnehin unter Kindern das Prestige erhöht. Schwerlich ist es zu weit hergeholt, dass umgekehrt die Realität durch die Fernsehbrille angeschaut, dass der unterschobene Sinn des Alltags auf diesen zurückgespiegelt wird.“ (73f)


T.W.Adorno, Fernsehen als Ideologie, 1953:

Der Pseudorealismus des Spiels ist nicht so so einfacher Art, dass die Konterbande wie die Selbstverständlichkeit des Verbrechens ins Bewusstsein des Publikums geschmuggelt würde. Pseudorealistisch ist vielmehr die inwendige Konstruktion der Handlung. Der psychologische Prozess der vor Augen gestellt wird, ist erschwindelt – phony. mit einem Wort, für das es schlechterdings kein deutsches Äquivalent gibt.“ (91)

Denn dass nichts von ihren Erzeugnissen ernst, alles bloss Ware und Unterhaltung sei, schreckt die Kulturindustrie nicht. Sie hat daraus längst ein Stück der eigenen Ideologie gemacht. Unter den analysierte Manuskripten finden sich nicht wenige, die mit dem Bewusstsein spielen, Kitsch zu sein, und dem unnaiveren Betrachter zuzublinzeln, sie glaubten sich selber nicht, sie seien selber nicht so dumm; ihn gewissermassen ins Vertrauen ziehen, indem sie seiner intellektuellen Eitelkeit schmeicheln. Aber eine Schandtat wird dadurch nicht besser, dass sie sich als solche deklariert, und so muss man schon dem Unfug die Ehre antun, die er sich selbst verweigert, und ihn bei dem Wort nehmen, das in die Zuhörer einsickert.“ (95)

Es liesse sich eine Art von Impfung des Publikums gegen die vom Fernsehen verbreitete Ideologie und die ihr verwandten denken.“ (97)



Hans Weingartner
Free Rainer – Dein Fernseher lügt (2007), engl Titel: Reclaim your brain
Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=9eO6R5un9Yk

free rainer rainer


DIedrich Diedrichsens Kritik  an Free Rainer http://www.filmzentrale.com/rezis/freerainerdd.htm


Hans Magnus Enzensberger,
Baukasten zu einer Theorie der Medien (1970)
[Auszug] http://www.medienkunstnetz.de/quellentext/51/





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