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18. - 20. 1. 2007


 

Intelligenz

von Tom Holert

 
ABSTRACTS
PROGRAMM
Archiv des Projektes an der JAN VAN EYCK

 



aus: Glossar der Gegenwart, hg. von Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann und Thomas Lemke, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004, S. 125-131

„Schlau sein, dabei sein“, so bewirbt die Deutsche Telekom ihr T-DSL-Angebot, den „Turbo fürs Internet“. Der suggerierte Zusammenhang von individueller Intelligenz, kollektiver Teilhabe und Geschwindigkeitsversprechen eines Internetzugangs kann auf allgemeines Verständnis rechnen. Nicht nur, weil die Telekom ihn sonst kaum auf die Briefumschläge ihrer Telefonrechnungen im Jahr 2002 hätte drucken lassen. Sondern vor allem, weil das implizierte Profil des schlauen Subjekts des produktiven Konsums für die Individualtypologien der gegenwärtigen Formen der Regierung essentiell ist.

„Schlau“ ist in diesem wie in vielen anderen aktuellen Fällen der Verwendung des Wortes auch eine Übersetzung des englischen „smart“. Dessen Bedeutung reicht von „mentally alert“, „clever“ über „stylish in dress or appearance“ bis zu „forceful“ und „vigorous“, verläuft mithin zwischen geistiger Reaktionsschnelligkeit, gesteigertem Modebewusstsein und Kraftentfaltung. Freilich birgt sie auch einen aufschlussreichen etymologischen Kern, der „smart“ auf den deutschen „Schmerz“ zurückführbar macht.

Von letzterer Bedeutungsdimension nur vermeintlich weit entfernt, weil an bisweilen durchaus schmerzhafte Zumutungen an Anpassungs-, Lern- und Leidensfähigkeit gekoppelt, heißen heute Autos und Mondsonden „Smart“; regeln sogenannte Smartcards Konsum und Identifikation (sowie Identifikation durch Konsum); telefoniert man mit Smartphones; entdecken Trendforscher „smart capitalism“, „smart globalization“ oder „smart mobs“; entwickelt das Fraunhofer Institut „smart environments“; baut sich Bill Gates ein „smart house“; fallen „smart bombs“ auf Bagdad.

Analog grassiert im deutschen Sprachraum die Rede vom Schlausein und eine medial kommunizierte Aufforderung zur Steigerung der eigenen Intelligenz-Performance (vgl. Holert 2003). Nachdem um das Jahr 2000 herum, angestoßen durch entsprechende Sendeformate in den USA (u.a. „Who Wants to Be a Millionaire“, „Challenge of the Child Geniuses“), eine Renaissance von TV-Wissens-Quizshows und öffentlicher Intelligenztests einsetzte, stand durch die Bildungsdebatte um die OECD-Studie PISA von 2001 auch die Nation auf dem Prüfstand. Keine bloße Ironie der Geschichte dürfte es gewesen sein, dass wenige Wochen vor der Publikation der Ergebnisse der PISA-Studie durchschnittlich 9,76 Millionen Zuschauer das Quiz „Der große IQ-Test“ sahen, in dem sich Prominente und Nicht-Prominente einer Prüfung ihrer kognitiven Fähigkeiten unterzogen. Der Fernsehsender RTL bewarb das Spektakel mit der Frage: „Wie schlau ist Deutschland?“

Die massenmediale Verbreitung und Inszenierung letztlich personenbezogener Daten zu Intelligenz, Gedächtnisleistung und Allgemeinwissen findet nicht nur im Fernsehen statt, sondern treibt zu verschiedenen Anlässen (und häufig im Interesse intermedialer Synergien) auch den Printjournalismus um. Mit der Headline „IQ – Wie Sie Ihre Intelligenz erfolgreich nutzen“ lädt das Nachrichtenmagazin Focus (Ausgabe 3/1999) zum Intelligenztest ein, nachdem es seit den siebziger Jahren etwas ruhiger geworden war um diese Art der populären „Erweiterung des Feldes des Testierbaren“ (Walter Benjamin). Als im Zuge der von Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffneten Diskussion um die „Green Card“, einer begrenzten Aufenthaltserlaubnis für IT-Experten aus Nicht-EU-Ländern, im Frühjahr 2000 ein Mangel an deutschen Fachkräften in der Computerindustrie offenkundig wurde, titelte die Illustrierte Stern (Ausgabe 13/2000): „Indische Gastarbeiter müssen helfen – Sind die Deutschen zu doof für Computer?“ Etwa zur gleichen Zeit meldet die Frauenzeitschrift Cosmopolitan (Ausgabe 7/2000) einen „Trend zum Intellekt“ und stellt fest: „Wer schlau ist, bildet sich“. Die Illustrierte Max (Ausgabe 24/2002) berichtet umfassend zum Thema „Genie kann jeder“ bzw. „Schlaues Deutschland“. Und auch die Fernsehzeitschrift Hörzu (Ausgabe 38/2003) fragt vom Cover herunter: „Wie schlau sind die Deutschen?“

Intelligenz wird ständig neu definiert und bewertet – genauso die Methoden, das Attribut „intelligent“ zu verteilen. Somit ist Intelligenz nicht als ein empirisch nachweisbares Objekt wissenschaftlicher Forschung zu verstehen. Vielmehr handelt es sich um eine in institutionellen Kontexten und diskursiven Praktiken hergestellte und modulierte Kategorie, deren Realitätseffekte in der Geschichte ihrer sozialen und kulturellen Einsätze stark variieren. Unter anderem diente der Begriff (nicht selten pejorativ) als Name einer ganzen gesellschaftlichen Gruppe, der intellektuellen und kulturproduzierenden Elite.

Und so ist auch die Assoziation des und der Deutschen mit der Vokabel „schlau“ alles andere als selbstverständlich und sogar durchaus prekär, wie ein Blick auf den antisemitischen Hintergrund der Wortgeschichte von „schlau“ und „Schläue“ verdeutlicht. Sander L. Gilman hat nachgezeichnet, wie das Bild der überlegenen jüdischen Intelligenz konstruiert wurde. Die Definition des „jüdischen Intellektuellen“ als „schlauer Jude“ in der westeuropäischen und US-amerikanischen Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts diente nicht zuletzt dem Zweck, auf pseudowissenschaftlicher Basis zwischen einer moralischen und einer a-moralischen „Intelligenz“ zu unterscheiden (Gilman 1998).

Diese Wortgeschichte scheint in der aktuellen Konjunktur von „schlau“, „smart“ und „intelligent“ kaum mehr nachweisbar zu sein. Aber es empfiehlt sich, die historische Semantik dieser und anderer, eng verwandter Begriffe wie „klug“, „gewitzt“, „pfiffig“ usw. im Blick zu behalten, um die gegenwärtigen Konjunkturen und Anwendungen von „Intelligenz“ auf ihre Charakteristik hin zu untersuchen. So ließe sich in ihnen das mehrdeutige Symptom einer Krise eines nationalen Bildungssystems und der Selbstverständigung der bundesdeutschen Gesellschaft in Zeiten der Globalisierung und demografischer Veränderungen ausmachen, aber auch das eines normalisierenden, semantisch bereinigten bzw. bereinigenden Umgehens mit den erwähnten Kategorien und Terminologien.

Obwohl es sich bei ihr um eine exemplarische diskursive und soziale Konstruktion handelt, wird „Intelligenz“ immer noch als angeboren und damit als genetisch bestimmte kognitive Kapazität des einzelnen Menschen angesehen. In Folge der Phrenologie im späten 18. und des Aufkommens der Psychometrie im späten 19. Jahrhundert wurde Intelligenz als quantifizierbare, wissenschaftlich messbare Größe konzipiert. In den Einschließungsmilieus der Disziplinargesellschaft und den tayloristisch-fordistisch organisierten Produktionsumgebungen des 20. Jahrhunderts gehörten Intelligenztests zum Bestand der Dispositive der Prüfung von Eignung und Effizienz. „Intelligenz“ und die Instrumente ihrer Sichtbarmachung und Prüfung übernehmen wichtige Funktionen als weiche Faktoren bzw. „leichte Artillerie“ (Tort 1974, 183) in den Kämpfen um die Durchsetzung von Rationalitäten der Macht und der Ökonomisierung der Gesellschaft.

Inzwischen hat der Diskurs der Intelligenz, also die Bewegung der Begriffe ihrer Erforschung und das Fortschreiten der Techniken ihrer Messung, eine andere semantische Färbung angenommen: Im „kognitiven Kapitalismus“ einer auf Wissensproduktion und -konsumtion, auf Kreativität und immaterieller Arbeit basierenden Ökonomie des Postfordismus, erscheint die traditionelle, „harte“ Sicht auf die Intelligenz als Fähigkeit zum rationalen Denken zu beschränkt. Allenthalben bemühen sich Psychologen und Hirnforscher, aber auch Sozialtheoretiker und Bildungspolitiker, mit den unterschiedlichsten Argumenten darum, die Intelligenzkategorie zu relativieren und zu rekontextualisieren.

Eine Lösung wird darin gesehen, Intelligenz zu einer Pluralität der „Intelligenzen“ aufzufächern – von der „sozialen“ bis zur „emotionalen“ Intelligenz. Der womöglich entscheidende Paradigmenwechsel, der hiermit verbunden ist: Intelligenz wird nicht mehr ausschließlich als durch genetische Anlagen bedingtes Schicksal konstruiert, sondern als in mancher Hinsicht veränderbar, das heißt: als steigerungsfähig betrachtet. Diese Optimierung kann eigenverantwortlich durch die Subjekte erfolgen, durch gezielte Übung („Gehirn-Jogging“), durch die Umstellung der Ernährung bzw. pharmakologische Behandlung mit sogenannten Smartdrugs oder, im Grenzfall, durch „neurotechnische“ Eingriffe in die zerebrale Hardware.

Dieser Intelligenz-Voluntarismus, der die Kontrolle von geistiger Kapazität nicht mehr ausschließlich in einem biologischen Programm verortet, sondern in der Bereitschaft des Individuums, für seine „Intelligenz“ etwas zu tun, herrscht aber nicht absolut, sondern ist weiterhin in Relation zu einem biologistisch begründeten Intelligenzfetischismus zu setzen. Denn trotz der vielfältigen Differenzierungen der Intelligenzforschung operiert in den sozialen und institutionellen Wirklichkeiten der unverwüstliche Intelligenzquotient (IQ), mit dem seit dem frühen 20. Jahrhundert die „natürliche“ oder „allgemeine menschliche Intelligenz“ gemessen wird. Nach wie vor gilt, wenn auch mit erheblichen Einschränkungen und Redefinitionen, dass der IQ eine„spezifisch normalistische ‚IQ-Intelligenz’“ schafft, die ihrerseits „zur Stärkung einer effektiven normalistischen Karriere-‚Motivation’ beitragen kann“, wie der Diskurstheoretiker Jürgen Link schreibt (Link 1997, 322). Der Umstand, dass sich IQ-Tests im Fernsehen und in anderen öffentlichen Veranstaltungen trotz aller Einwände von Wissenschaftlern und Experten größter Beliebtheit erfreuen, spricht für dieses Insistieren der „IQ-Intelligenz“ zu einem Zeitpunkt, da man diese Kategorie längst für überwunden hätte halten können.

Auch die vor allem in den USA vehement geführte Diskussion um die umstrittene Studie The Bell Curve. Intelligence and Class Structure in American Life der Soziobiologen Richard J. Herrnstein und Charles Murray von 1994 bestätigte, wie eng Begriffe von Sozialstruktur und psychometrisch erhobener „Intelligenz“ miteinander verwoben sind und welche Probleme es bereitet, diesen – rassistischen – Nexus breitenwirksam zu dekonstruieren. Bis heute weitgehend uneingelöst ist eine Forderung, die der Soziologe Pierre Bourdieu 1978 aus seinem Befund eines „Rassismus der Intelligenz“ abgeleitet hat: Dass die von Medizin und Psychologie betriebene Naturalisierung der sozialen Unterschiede zu untersuchen wäre, jene „Formen der Legitimierung zweiten Grades“, mit denen „soziale Fälle zu psychologischen Fällen werden, soziale Defizite zu mentalen Defiziten usw.“ (Bourdieu 1978, 255f.).

Statt dessen wird die Verflechtung von neurologischen, pädagogischen, soziologischen und anderen Wissenspraktiken immer weiter vertieft. Das „Jahrzehnt des Gehirns“, 1990 vom damaligen US-Präsidenten George Bush ausgerufen und mit systematischer Förderung der Wissenschaften vom Gehirn verknüpft, hat von den USA aus einen epochalen Aufschwung der Neurowissenschaften bewirkt, der technische Bilder des Gehirns ebenso popularisierte wie Forschungen über jene neurologischen Prozesse, die verantwortlich sind für Denkleistungen und Lernfähigkeiten. „In einer Gesellschaft, die sich immer schneller verändert und immer komplizierter wird, kommt es darauf an, die Lernfähigkeit des Gehirns zu steigern“, sagt der Hirnforscher Terrence Sejnowski, der als Pionier der computersimulierten Neurobiologie gilt (Die Zeit, 8. Juni 2000, 36). Kinder und die Stimulierung ihrer neurobiologischen Entwicklung entwickeln sich zu einem bevorzugten Operationsgebiet gegenwärtiger biopolitischer Interventionen. Die seit einigen Jahren geführte Debatte um das Für und Wider der Neurodidaktik, also der Verbindung von Lernkonzepten mit medizinischen Eingriffen in biochemische Stoffwechselwege von Kindern, belegt, wie sehr der Diskurs der Neurowissenschaften die Vision einer Steuerung des „unternehmerischen Kindes“ bzw. des Managements des „Unternehmens Kind“ beflügelt. Als „Erweiterung von Gouvernementalität“, schreibt die Kommunikationswissenschaftlerin Majia Holmer Nadesan, legitimiere die Hirnforschung „eine Zunahme formaler Überwachung von und Intervention in die Entwicklung des Kindes“, wobei die vermeintliche Objektivität des wissenschaftlichen Diskurses unberührt lasse, in welche Richtung und in wessen Interesse diese Eingriffe erfolgen (Nadesan 2002, 424).

Um auf das eingangs erwähnte Beispiel zurückzukommen: Die Anrufung „schlau sein, dabei sein“ enthält ein Inklusionsangebot, das zugleich eine zeitliche Dimension offeriert: Wer schlau ist, nimmt rechtzeitig, idealerweise kurzentschlossen teil an einer allgemeinen Beschleunigung, die der Erwerb eines T-DSL-Anschlusses verspricht. Demzufolge äußert sich die Intelligenz des Schlauseins in der Fähigkeit, reaktionsschnell Anschlussmöglichkeiten zu erkennen und somit ökonomische und soziale Chancen zu wahren. Man könnte hier auch den Opportunismus eines vorauseilenden Gehorsams vermuten. Doch im allgemeinen ist heute Schlausein als Smartness positiv besetzt: Man verhält sich eben gerne schlau beim Einkaufen, heißt es Ende 2002 in der Marketingzeitschrift Märkte und Menschen. Smartness beweist danach unter anderem, wer möglichst gute Qualität zu möglichst günstigem Preis erwirbt.

Die Beziehung zwischen Intelligenz, Gesellschaft und Ökonomie mag von den Textern der T-DSL-Werbeaktion auf eine schlichte Formel gebracht worden sein. Doch in Verbindung mit der Suggestion einer Durchdringung von Technologie und humaner Intelligenz, die mit dem schnellen Internetzugang für reaktionsschnelle Schnäppchenjäger gegeben wäre, liegt dem Slogan das Wissen zugrunde, dass die erfolgreiche Kombination von Intelligenz und Investition eine der zentralen Tugenden des unternehmerischen Subjekts ist. Bereits 1949 gab der Wall-Street-Guru Benjamin Graham seinem berühmtesten und bis heute verlegten Bestseller den Titel „The Intelligent Investor“.

Literatur
Bourdieu, Pierre (1978): Der Rassismus der Intelligenz [1978]. In: P.B., Soziologische Fragen, a. d. Französischen von Hella Beister und Bernd Schwibs, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1993, S. 252-256

Gilman, Sander L. (1998): Die schlauen Juden. Über ein dummes Vorurteil, München: Claassen

Holert, Tom (2003): Phantome der Norm und Heuristiken des Schlauseins. Die kulturelle Dimension kognitiver Arbeit. In: Marion von Osten (Hg.): Norm der Abweichung [= T:G\03] Zürich/Wien/New York: Institut für Theorie der Gestaltung und Kunst/Voldmeer/Springer

Link, Jürgen (1997): Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Opladen: Westdeutscher Verlag

Nadesan, Majia Holmer (2002): Engineering the Entrepreneurial Infant: Brain Science, Infant Development Toys, and Governmentality. In: Cultural Studies, Bd. 16, Nr. 3, Mai 2002, S. 401-432

Tort, Michel (1974): Le quotient intellectuel, Paris: Maspero