ABSTRACTS

FILM
AVANTGARDE BIOPOLITIK

konferenz
18. - 20. 1. 2007


Peter Bürger Lebensbegriffe der Avantgarde
„avantgarde film biopolitik“– alle drei Begriffe des Projekttitels enthalten einen impliziten oder expliziten Bezug auf einen vierten, den des lebens. Dieser freilich ist von schillernder Vieldeutigkeit. So ist es denn auch nicht verwunderlich, daß innerhalb des Projekts sich eine Kontroverse gerade an ihm entzündet hat. Stellt der Film leben dar oder liegt seine Möglichkeit nicht vielmahr darin, eben diese Vorstellung und darüber hinaus den Begriffen des (authentischen) Lebens, der Avantgarden eine zentrale Stelle einnimmt, als Mythen zu enthüllen?
Diese frage läßt sich durch die Analyse einzelner Filme nicht lösen, denn sie wirft das Problem auf, welcher Begriffe wir bedürfen, um uns angemessen über unsere Welt zu verständigen. Hier setzt mein Beitrag an, der eine Reflexion über die unterschiedlichen Lebensbegriffe im italienischen Futurismus, dem russischen Konstruktivismus und dem französischem Surrealismus entfaltet, indem er das Verhältnis dieser Bewegungen zur Technik charakterisiert. Dabei wird die ganze Spannweite avantgardistischer Lebenskonzepte erkennbar, zugleich aber, so hoffe ich, wird sich die Einsicht ergeben, daß wir Begriffe wie den des authentischen Lebens brauchen, wenn wir eine Fixierung aufs je Gegebene entgehen wollen.
Peter Bürger hat bis Ende 1998 an der Unniversität Bremen Literaturwissenschaft und ästhetische Theorie gelehrt.

 
 
PROGRAMM
TEXTE
Archiv des Projektes an der JAN VAN EYCK



Astrid Deuber-Mankowsky
„Nichts ist politisch. Alles ist politisierbar“
Biomacht und mediale Öffentlichkeit

In einem unveröffentlichten Manuskript über die Gouvernementalität aus dem Jahr 1979 stellt Foucault fest, dass die Analyse der Gouvernementalität als singuläre Allgemeingültigkeit zunächst impliziere, dass alles politisch sei. Den traditionellen Bedeutungen dieser Formulierung hält er dann jedoch entgegen, es gelte vielmehr zu sagen, dass nichts politisch sei, dass alles politisierbar sei. Wie ist diese Intervention zu verstehen? Hilft sie, die häufig benutzten und umstrittenen Begriffe der Biomacht und Biopolitik zu klären? Foucault hat sie in den 70er Jahren für eine Machttechnologie eingeführt, die im 18. Jahrhunderts entstanden ist und sich dadurch auszeichnet, dass sie „massenkonstituierend“ ist, sich also nicht an einzelne Menschen richtet, sondern sich auf eine Gesamtheit von Lebewesen bezieht, die als Population charakterisiert werden kann. In den Vorlesungen von 1978 und 1979 erweiterte er die Analyse der Biomacht um den Begriff der Gouvernementalität, um eine Genealogie des modernen Staates als Geschichte der gouvernementalen Vernunft und der Gegenbewegungen zu schreiben, die sich jener widersetzt haben. In diesem Kontext taucht unter anderen der Begriff der Öffentlichkeit auf. Foucault nennt sie die „freie Fläche“ der Bevölkerung. Daran knüpfen sich viele Fragen an, zentral die Frage, welche Funktion der medialen Öffentlichkeit in einem Verständnis von Politik zukommt, das Politik als dasjenige definiert, was mit dem Widerstand gegen die Gouvernementalität entstehe.
Astrid Deuber-Mankowsky ist seit 2004 Professorin am Institut für Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Essen

Katja Diefenbach
Wie lebendig ist Deine Arbeit?
Über die Frage des Politischen in Theorien der Biomacht
"Doch ist, wo alles Leben in der lebendigen Arbeit gründen soll, nicht schon gestorben, wer lebt, ohne zu arbeiten?" (Hans Joachim Lenger, Marx zufolge)

Mitte der Siebziger begann Foucault, über die Einbeziehung des natürlichen Lebens in die Mechanismen und das Kalkül der Macht unter dem Begriff Biopolitik zu schreiben. In den Neunzigern kehren Antonio Negri und eine Reihe anderer postoperaistischer Autoren wie Paolo Virno und Maurizio Lazzarato diesen Begriff um, indem sie ihn zum Ausdruck für das Vermögen der Menschen machen, ihre Arbeit koordinieren, ihr soziales Leben in die Hand nehmen und ihre Geschichte selbst gestalten zu können. Virtuosität nennt Virno diese Fähigkeit, gleichermaßen kapitalistische Anforderung wie protokommunistisches Vermögen. Diese Potenzialität erhebt der Postoperaismus in den Rang eines ersten Prinzips, das das Sein bestimmt, eine konstituierende Macht, die - aus einer politischen Perspektive betrachtet - ein direktes und spontanes Element eines kommenden Kommunismus darstellt. Agamben hat in mehreren Randbemerkungen in Homo sacer und Ausnahmezustand darauf hingewiesen, dass es Negri nicht zu zeigen gelingt, wodurch eine aktive und primäre konstituierende Macht als erste Gewalt und politisch emanzipatorisches Vermögen von staatlich verfasster Souveränität unterschieden wäre. So bleibt für ihn der Hinweis Carl Schmitts gültig, dass Souveränität gerade dadurch ausgezeichnet ist, über den Ausnahmezustand zu bestimmen, in dem die konstituierende Gewalt in die Rechtsordnung eingebracht wird, das Äußere des Rechts also ins Innere gezogen wird. Das ist für Agamben Biopolitik, eine Struktur, in der das Recht mit seiner eigenen Suspendierung das Lebendige in sich einschließt und gewaltsam ergreift. Bereits an diesem Punkt stellen sich eine Reihe von Fragen: Wie funktioniert die Umkehrung des Begriffs der Biopolitik im Postoperaismus? Was ist von jener Montage zu halten, mit der Negri Marx' Begriff der lebendigen Arbeit, Spinozas Begriff des Vermögens und Deleuze' Begriff des Begehrens zu einem in der Geschichte des Seins angelegten Vermögen zusammenfasst? Lässt sich das Politische in derart ontologischen, antagonistischen und begründenden Begriffen fassen? Wenn Widerstandsform und Produktionsform in eins fallen, gibt es dann das Politische überhaupt? Oder ist das Politische eher dadurch ausgezeichnet, dass es unwahrscheinlich, ohne Fundierung und auf kein im Sein angelegtes Prinzip reduzierbar ist? Die Überraschung Deines Lebens.
Katja Diefenbach bis 2006 Lehrtätigkeit an der Universität der Künste, Berlin; Advising Researcher der Jan van Eyck Academy, Maastricht, Mitarbeiterin bei b_books, Berlin

Nitzan Lebovic
The Nietzschean Paradigm in Biopolitical Film

My readings of a number of recent movies suggests that we are in the midst of a biopolitical film wave, that this wave is inspired by Nietzschean ideas, and that this cultural phenomenon has arisen in reaction to the sense of a coming annihilation.

Examining Michael Winterbottom’s Code 46, Lars von Trier’s Dogville and Manderlay, David Cronenberg’s Existenz and A History of Violence, and Michael Haneke’s Code Unknown and Caché, I intend to argue that biopolitical film has identified our era as one in which cultural discourse has collapsed and politics has ceased to function in any meaningful way. Fictive documentaries, such as Gabriel Range ’s Death of a President and Alfonso Cuarón’s Children of Men, substantiate the idea that behind such pessimistic ideas lies a biopolitical critique. It is not by chance that all of the directors just mentioned have taken up these critical tools outside the borders of the United States , applying them generally against central symbols of the “global economy” and specifically against current American policies.

The obsession with exposing the thresholds inherent to contemporary politics—Bios and Zoē—originated in German Kulturkritik and today is visible in films as different as Stanly Kubrick’s Eyes Wide Shut and Roland Emmerich’s Day after Tomorrow. The attention these two movies gave to the inner mechanisms of the democratic system—its moral illusions and biological fallacies in Kubrick’s movie, or its inherent mechanisms of political action in Emmerich’s—reconstitute the plea for different or alternative political systems.

The appearance of biopolitical themes in movies during the last few years is no longer a marginal phenomenon in the shadow of a powerful Hollywood industry. Since Sep 11, biopolitics has taken a leading role, speaking with challenging voice to warn that world politics has gone astray. In the new world portrayed in such futurist films as Code 46, there is no distinction between art and life, image and fact. Both sides are controlled, realized, and transgressed through the pure principle of power. This is the reason the protagonist of Winterbottom’s film quotes from Nietzsche on “Freunde,” echoing not only the dichotomy between friend and enemy examined by Carl Schmitt, but its critical usage by both Walter Benjamin (1940) and, more recently, Giorgio Agamben (2004).
Nitzan Lebovic ist Stipendiat der Studienstiftung und des Leo Baeck Post-Doc-Program, Dan David Fellow und Dozent an der Tel Aviv University

Eva Geulen
Agamben und die Situationisten

In den Texten aus dem Umkreis seiner Homo-Sacer-Studien schlägt Giorgio Agamben den Begriff der Lebensform als Alternative zur fatalen Souveränitätslogik vor. Während letztere permanente Unterscheidungen zwischen nacktem bzw. bloßem Leben und seiner politischen bzw. rechtlichen Form verlangt, sollen das Leben und seine jeweiligen Formen alternativ als untrennbare Einheit begriffen werden. Diese Konzeption der Lebensform wird im Ausgang von Agambens Auseinandersetzung mit Guy Debord und den Situationisten rekonstruiert. Dabei läßt sich zeigen, daß Agambens mit dem Begriff der Lebensform unmittelbar zusammenhängende Neukonzeption des Politischen die radikale Aufkündigung aller Formen der Beziehung und des Verhältnisses fordert. Voraussetzungen und Möglichkeiten dieser Forderung nach einem nicht mehr auf den Beziehungsbegriff angewiesenen Politikverständnisses werden im Vergleich mit weiteren Quellen, auf die sich Agamben beruft (u.a. Benjamin und Heidegger) kritisch herausgearbeitet.
Eva Geulen - Lehrtätigkeit an der Stanford University, University of Rochester und New York University, seit 2003 Inhaberin des Lehrstuhls für neuere deutsche Literaturwissenschaft am Germanistischen Seminar der Universität Bonn

Thomas Elsaesser
“Constructive Instability’, or The Life of Things as the Cinema’s Afterlife?

If avant-gardes have traditionally been about bringing art and life together, then today’s avant-gardes may need to redefine both what is meant by art but also what is meant by life. Art may be able do without the ‘artist’ (Jacques Ranciere), yet it cannot do without (media) technologies, and thus has to be seen in the broader context of the ‘artificial’ in all its wider semantics (including ‘artificial intelligence’). Similarly, ‘life’ can no longer be defined by either ‘nature’ or ‘culture’. In its bio-political dimensions it joins technology, as technology becomes more biological (Katherine Hayles’ ‘post-human’). But life is also assimilated to ‘art’ in the sense of the artificial in 'artificial life', the term used for ‘emergent’, ‘distributive’ or ‘complex adaptive’ systems.
What role, then, for the moving image – poised between artificial intelligence (montage: animating the inanimate) and artificial life (technologically capturing reality)? Another look at the cinema’s beginnings in chrono-photography and its afterlife in avant-garde practice, children’s television and the internet may suggest if not an answer, then an expanded sense of the question.
Thomas Elsaesser ist Professor im Department of Media and Culture und Forschungsdirektor Film und Fernsehen an der Universität von Amsterdam

Wolfgang Bock, Weimar
„Leben, Film, Stilisierung“

In Michel Foucaults Texten tritt der Lebensbegriff bekanntlich in einem doppelten Zusammenhang auf: Erstens als Analyse und Kritik der Disziplinarmächte, die mit Hilfe der Gouvernementalität und der Biopolitik eine Bevölkerung schaffen; diese Mächte drohen nicht allein mit negativ mit dem Tod als Strafe, sondern produzieren positiv neue Räume, in welche hinein neues Leben entsteht. Zweitens als affirmative Selbststilisierung im Rahmen von Existenz-techniken, die in der Negation der Zuschreibungen von Natürlichkeit eine artifizielle Lebenspraxis eröffnen soll. Im ersten Feld verwendet Foucault Geschichte, Politik und Soziologie als wissenschaftliche Grundlagen, im zweiten orientiert er sich stärker an Moralphilosophie und Kunst (unschwer lässt sich hier die Nähe zu den lebensphilo-sophischen Entwürfen Friedrich Nietzsches erkennen).

Beide Diskurse werden in der Zeit nach dem Tode Foucaults auf neue Weise zusammengeführt. Die technische Grundlage der Digitalsierung versetzt den Film in eine neue Medien-konstellation, in der die äußere Wirklichkeit als Referenz, wie sie noch zu dem alten analogen Film gehörte, zunehmend durch eine innere ersetzt wird. Darin verweisen die Bilder nicht allein auf sich selbst, sondern ebenso auf ein neues Wirklichkeitsdispositiv, das das Verhältnis von Innen und Außen tendenziell umkehrt. Bilder technischer Virtualität, atomare, neurologische und genetische Modelle konstituieren die neue Wirklichkeit. Gilles Deleuzes Vorschlag einer Charakterisierung solcher Zusammenhänge als Kontroll-mächte verweist zwar auf eine Kontinuität der repressiver Aspekte, berücksichtigt aber weniger die ambivalente Bedeutung des Freiheitsdispositives in diesem neuen Machtzusammenhang.

Mein Beitrag versucht der Neuartigkeit der digitalen Medienkonstellation nachzugehen und ihre Beziehungen sowohl zur äußeren Wirklichkeit aus auch zu den daraus erwachsenden Möglichkeiten der Selbststilisierung auszuloten. Es wird eine Differenzierung von ästhetischem, biologischen und politischem Leben versucht
Wolfgang Bock ist Hochschuldozent für Theorie und Geschichte der Visuellen Kommunikation an der Fakultät für Gestaltung der Bauhaus Universität, Weimar

Tom Holert
Screen Testing
Gus Van Sants exzellente Subjekte

Ausgehend von "Good Will Hunting" und "Finding Forrester", zwei überraschend konventionellen Filmen des US-amerikanischen Regisseurs Gus Van Sant aus den Jahren 1997 und 2000, werden "Hollywood"-Repräsentationen von Hochbegabung, ihrer Entdeckung und Entwicklung diskutiert. Dabei interessiert zum einen: Wie löst Van Sant das Problem der Darstellung des lebendigen "hochbegabten Kindes" - narrativ, inszenatorisch, psychologisch, kinematografisch? Zum anderen wäre allgemein zu fragen, wie das Mainstream-Kino das jugendliche Ausnahmesubjekt konstruiert und welche gesellschaftlichen Funktionen diese Konstruktionen übernehmen (sollen). Mit Walter Benjamin, Andy Warhol und anderen geht es schließlich grundsätzlicher um das Verhältnis von Film und psychologischem Experiment.
Tom Holert ist Kulturwissenschaftler und Kunstkritiker, Berlin; zur Zeit Gastprofessor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der Bildenden Künste Wien

Gregg Bordowitz
Sentiment, Belief and Medium

How the dead wake breathing through mediums
At an intersection of gender and action
Where sentiments arise to belief's intensity
Bodies comply as commands of their own
Let us emulate them away from home
Let's sense our way to a fair polity
Hoist our flag: star's refractions
Neither realism nor abstraction forms

• • •

We’ll repair to the eighteenth century
By way of David Hume’s philosophy
And consider the role of sensation
In recent film/video production
Religion plays a significant role
In this analysis of belief’s forms

How is faith a structure of the psyche?
What’s the legacy of theology?
Gregg Bordowitz ist Mitglied der Fakultät des Film/Video/New Media Departments der School of the Art Institute of Chicago und des Whitney Museum Independent Study Program; zur Zeit Visiting Professor an der Akademie der Bildenden Künste Wien

 

       
       

 

FILMMUSEUM WIEN

TAG 1 DO 18.1.2007 Eröffnungsvortrag
18.00 Einführung:
Helmut Draxler und Stephan Geene
19.00 Peter Bürger
»Lebensbegriffe der Avantgarde«

AKADEMIE DER BILDENDEN KÜNSTE

TAG 2 FR 19.1.2007 »Politik der Biopolitik«
12.00 Astrid Deuber-Mankowsky
» ›Nichts ist politisch. Alles ist politisierbar‹
Biomacht und mediale Öffentlichkeit»
13.30 Katja Diefenbach
»Wie lebendig ist Deine Arbeit? Über die Frage des
Politischen in Theorien der Biomacht«
15.00 Pause
16.30 Nitzan Lebovic
»The Nietzschean Paradigm in Biopolitical Film«
18.00 Eva Geulen
»Agamben und die Situationisten«

 

AKADEMIE DER BILDENDEN KÜNSTE

TAG 3 SA 20.1.2007 »Leben als politische und als ästhetische Kategorie»
12.00 Einführung Sabeth Buchmann
12.30 Thomas Elsaesser
»Constructive Instability’, or The Life of Things as the Cinema’s Afterlife?«
14.00 Wolfgang Bock
»Leben, Film, Stilisierung«
15.30 Pause
17.00 Tom Holert
»Screen Testing. Gus Van Sants exzellente
18.30 Gregg Bordowitz
»Sentiment, Belief and Medium«
Samstag, 20.01.07
Akademie der bildenden Künste Wien