GEDACHTE FILME
filmsquat no. 3, talking version


fs3
# gefördert vom Bezirksamt Kreuzberg                                          

Kommt das Reden über Film 'Nach dem Film' oder nicht doch vielmehr 'davor'? Ist nicht jeder Film eingebettet in ein dichtes Netz
von Absichten, Erwartungen, Regeln, Nutzungsrealitäten? Und zwar nicht nur die Formatware der grossen Studios oder die vorher-
sehbaren Produktionen fürs TV, sondern auch solche Filme, die als experimentell gelten und die vielleicht sogar ihre Macher/innen
selber überrraschen.

Aber lässt sich dieser Umstand produktiv machen, lassen sich Filme überreden, mehr zu sein, als sie sind? Oder länger das zu
sein, was sie sein könnten? Sind sie, die Filme, Mittel, die Welt auszuhalten, oder Telecommander für anderes in der Welt? Sind
sie nur Verstärker des Lebens, also reine Intensitätsmaschinen?

Das Herausbrechen der Bilder aus ihrer filmischen Form/Verfasstheit findet bereits massiv statt, auf allen Kanälen, zwischen
Youtube, dem Kunst- und dem medialen Raum zirkulieren jene "cinematic images", die nur noch kinofiziert sind, aber längst ein
Eigenleben außerhalb des klassischen Kinoraums führen - in uns, und um uns herum.

Diese Fragmentierung der Bilder ist aber nur ein Paradigma der anderen Bildbetrachtung; die Bilder, die im narrativen Fluss verloren
gehen, ragen darüber hinaus, eben ins Leben selbst, und docken dort sofort an andere Bilder an. Was ist aber der Transfer der Bilder
und was ihre spezifische Aufladung?

Was macht die Kraft dieser Bilder bzw. Filmfetzen aus, die UNS so sehr begehren wie wir sie?

mit Judith Albrecht, Volker Pantenburg, David Weber, Tavia Nyong´o,
Tim Stüttgen, Ela Wünsch, Clemens von Wedemeyer,
Tal Sterngast, Alexis Waltz, Maxilimian Linz,
Aljoscha Weskott, Stephan Geene u.a.




16./17.1. ab 18 Uhr im BASSO, Köpenickerstr. 187/188, 10997 Berlin
und 18.1.2010 montagsPRAXIS 21 Uhr  in b_books, Lübbenerstr. 14 10997 Berlin

Eintritt frei



Samstag, 16.1.2009 at Basso.

18 Uhr:  Einführung/Einleitung,  Aljoscha Weskott
„...and all these images out there, which belong to us?!“

Kurzfilm

19 Uhr: Tal Sterngast, What is being said in how it is being told?
Inspired by the intersubjective experience of a conversation and on the other hand from dialoge as a literary form of expression,
I examine interviews in film and tv shows (mainly from the US and Israel). I will show interviews as a complete aesthetic form
and ask what happens when the contextual (historical, of entertainment or informational) content is taken out? Or rather I will
exchange the question "what is being said" in "how it is being told?"

moderiert von Mirjam Thomann

19.45 Uhr Kurzfilm

20 Uhr: David Weber, Aker-Mann!, Aker-Men!
Bruxelles-New York-Miami (BRU-JFK-MIA): connecting flights disconnecting, aka:
a theory of /life/

Filme bieten Bilder des Lebens. Realistische Filme, versichern seine Apologeten, Bilder vom wirklichen Leben. Spätestens seit
etwa 1960 (eher vermutlich seit der Renaissance und je) ist diese Sicht verhangener ("more draped") als mitunter angenommen.
Unter anderen Bildern wie unter Wolken folgt eine "Pictures Generation" der nächsten: man empfindet "disconnected" (Rachel
Mencken). Dieser Kondition eines verallgemeinerten "draping" -- "Every day I make pictures where people appear to be living
a life. I know what it looks like." (Don Draper) -- wird nachgegangen anhand der Arbeiten von Vielfliegern:

Anfang der 70er Jahre fliegt Chantal Akerman (via Israel) nach New York und kehrt bald darauf zurück nach Brüssel. Michael
Mann fliegt Ende der 60er nach London und Paris und kehrt bald darauf zurück nach Los Angeles und Miami. Don Draper
fliegt, wie so viele andere, Anfang der 60er nach Kalifornien und kehrt kurz darauf zurück nach New York und Ossining. "I was
in California. Everything is new and it's clean."

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Bildern als: neuen und alten, sauber und verhangen, und: /Leben/?

20.45 Uhr: Kurzfilm

21 Uhr: Stephan Geene, i like your life (more than mine) / 2 mal dasselbe
ein re:run über die äusserlichkeit

fusioniert man 2 filme miteinander, entsteht nicht notwendigerweise ein neuer film. vor allem wenn es sich 2 mal um >denselben<
film handelt, dann kommt es vielleicht zu einer art innerer abstossung, die eben nicht auf differenz beruht (dass die dinge nicht
zueinander passen würden), sondern eher so wie die 2 positiv geladenen pole, die sich abstossen weil sie gleich sind und
dazwischen einen abstand schaffen + halten. besonders dann, wenn dasselbe einmal tom cruise ist + einmal eduardo noriega,
einmal new york, einmal madrid. + einmal penelope cruz + dann aber nochmal penelope cruz. nur anders.
film-reste zwischen Abre los ojos (alejandro amenabar, 1997) und vanilla sky (cameron crowe, 2001).

21.45 Uhr: Kurzfilm

22 Uhr: Alexis Waltz/ Maximillian Linz, Party im Film
Ravende Statisten, Ekstaseblödsinn, Dekadenz

Als Partygänger wird man von Parties in Filmen meistens enttäuscht: die Diffusität und der sinnliche Reichtum selbst erlebter
Feiersituationen wird nicht erfasst, stattdessen zeigt sich die allgemeine Inkompabilität der Darstellungskonventionen, outet
sich die Projektion der Filmemacher auf eine Situation gesteigerter Lebendigkeit. Das Programm geht dieser prekären Stelle
in verschiedenen filmischen Erzählungen nach.

22.45: Kurzfilm

BAR opened.
DJ Filmefahren






Sonntag 17.1.2010 at Basso

18 Uhr Intro

18.15 Uhr:Judith Albrecht, Die Frau im roten Kleid 
zu Entstehungsbedingungen, Geschichte und transnationaler Rezeption von Bildern aus dem Iran.

Sowohl das iranische Autorenkino als auch spontan aufgenommene Videos mit dem Mobiltelefon erzeugen Bilder, denen
das historische Ereignis, nationale Codes und bestimmte Produktionsbedingungen eingeschrieben sind. Wie verhalten sie
sich zu Iran-Bildern, die stereotyp durch die Medien und Köpfe geistern? Und zu anderen, die schon fertiges Bild sind bevor es
eine Einstellung gibt (wie der blinde Zensor)?
Mit einem solchen Bild arbeitet der aufgrund eines Drehstops unfertige Dokumentarfilm über die Leben zweier iranischer Frauen,
die einander jeden Tag auf dem bekannten Ferdosi Platz in Teheran begegneten. Yaghut, die obdachlose Frau in Rot, hatte
anscheinend das Schicksal gewählt, jahrzehntelang an einem öffentlichen Platz auf ihren Geliebten zu warten, der nie kam.
Sichtbar für jedermann und scheinbar unberührt vom rigiden Wandel des öffentlichen Lebens nach der Revolution wurde sie
einem Land, in dem die Liebe zum Politikum erhoben und ins Private verbannt wurde, zu einem urbanen Mythos.

Im Anschluss der Kurzfilm von Amirali Navaee, Sight (12 Min., 2009)
moderiert von Daniel von Delhaes


19 Uhr: Volker Pantenburg, PLAN, SHOT, EINSTELLUNG. KINO IM KLEINFORMAT

Damals, als das Kino noch einigermaßen bei Gesundheit war, haben Filmtheoretiker die Einstellung gern als "die kleinste
lebendige Zelle" des Films charakterisiert. Der Körper, den diese Metapher unterstellt, ist heute parzelliert, vervielfacht,
quecksilbrig untot und scheinlebendig. Grund genug, ein paar Zellen zu entnehmen und zu sehen, was sie nach dem Tod
über das Leben des Kinos sagen können. Vier oder fünf Einstellungen, mehr nicht, und ein paar Gedanken dazu.

19.45 Uhr Kurzfilm

20 Uhr: Clemes von Wedemeyer,  First Contact, Kameras und Masken.


ich zeige Found-Footage-Ausschnitte aus dem Projekt "Die Vierte Wand". Es geht um erste Kontakte zwischen Entdeckern
und bis dahin unkontaktierten Urwaldbewohnern; um Masken, Theater und anthropologische Filme. Die Ausschnitte kommen
aus verschiedenen, teils wissenschaftlichen Archiven, z.B. von Craig Baldwin in San Francisco, aber auch YouTube, Spiel-
filme, etc. Die These ist, dass die Kamera ein ähnliches kulturelles Werkzeug ist wie die Maske, nur auf der anderen Seite der
Beobachtung.

20.45 Uhr: Kurzfilm

21 Uhr: Michaela Wünsch, Images of the series OZ (HBO)

Die HBO-Serie OZ, bestehend aus sechs Staffeln, die zwischen 1997 und 2003 zum ersten mal in den USA und nie in
Deutschland lief, spielt in einem Zellenblock des Oswald Maximum Security Correctional Facility. Der Zellenblock wird
extrem kontrolliert und die Gruppe der Gefangenen wurde aus verschiedenen Kategorien zusammengestellt: Muslimen,
Homeboys, Ariern, Bikern, Latinos, Italiener und Iren. Außergewöhnlich an OZ sind die unterschiedlichen Bildebenen, mit
denen die Serie spielt. einerseits die extrem brutalen Szenen, in denen die Kämpfe zwischen den Gefangenen und mit den
Wärtern gezeigt werden, dann gibt es fast romantische genet-eske Einstellungen auf Gefangene, die den Gefängnisalltag zu
überwinden scheinen und die außergewöhnlichen Szenen mit Augustus Hill, einer Art Moderator, der das Geschehen in OZ
vor dem Hintergrund surrealer Bilder, direkt an das Publikum gerichtet, mit allgemeinen philosophischen und banalen Lebens-
weisheiten kommentiert und die verschiedenen Plots und Subplots zusammenführt.
In meinem Beitrag werde ich die Serie vor allem in Ausschnitten vorstellen und diskutieren.


21.45 Kurzfilm


22.00: Tim Stüttgen, A Matter of Point of View: Der Porno In Mir
Über Youporn, Egoshooter und Gonzo-Perspektiven

Der Vortrag analysiert Verschiebungen der Porno-Produktion und -Rezeption in den letzten Jahren und probiert einen Minimal-Umriss einer neuen Dispositiv-Theorie des Pornofilms vorzustellen. 
Die zentrale Frage jedoch bleibt, wo das Subjekt sich in diesem panoptischen Kreislauf befindet, sein Geniessen und seine Handlungsfähigkeit, seine Identifikationen und somatischen (Selbst-)Ausbeutungsverhältnisse. Besonders relevant wird dabei eine ABerücksichtigung des Point-of-View-Shots und seine genealogische Verfasstheit in Filmgeschichte und Chat, Computer-Spiel und Handkamera sein.


22.45 Kurzfilm

23.00 Bar opened




Montag, 18.1.2010 at b_books 21 Uhr

Tavia Nyong´o, The Body Betwixt Race, Sexuality and the Freak Show

World champion runner Caster Semenya returned to a hero’s welcome in her native South Africa last year, where the public
denounced the “gender testing” she was forced to undergo after her gold medal in Berlin. South Africans aren’t the only ones
angrily comparing Semenya’s treatment to that of Saartjie Baartman, the nineteenth-century Khoisan woman who was
exhibited throughout Europe as a sexualized monstrosity. White audiences guffawed, prodded and poked at her exposed body,
which they laughingly demeaned as that of a “Hottentot Venus”: the inverse of European standards of beauty. Challenging
Semenya’s femaleness, people now assert, is imperialism all over again. If ever a case called for an intersectional analysis
that included queer and trans perspectives, as well as anti-racist and anti-imperialist ones, this is it. Instead of insisting upon
the naturalness of her gender, how about turning the question around and denaturalizing the world of gender segregated,
performance-obsessed, commercially-driven sports, a world that can neither seem to do with or without excessive bodies
like Semenya’s and their virtuosic performances?