*texte*
   
         

Total gegen 1968

35 Jahre Erfahrung in der Schmerztherapie.
Houellebecqs verspäteter Hass auf die Mairevolten, von Katja Diefenbach
 
   

 

Es ist nicht einfach, etwas zu Houellebecq zu sagen. Der Typ ist ein Arschloch. Es fängt bei seinen pharmazeutischen Problemen an. Der Autor ist falsch medikamentiert, zu starke Fixierung auf Alkohol: "Alkohol hat mich nie enttäuscht. Zu keinem Zeitpunkt meines Lebens, er war mir immer eine Hilfe. Nach einem knappen Dutzend Gin-Tonic kam es sogar manchmal vor, dass ich die nötige Energie aufbrachte, um eine Frau zu überreden, mit mir ins Bett zu gehen." (P 197) Warum nicht? Millionen denken so, Alkohol, entspannend, enthemmend, billig, in großen Mengen genießbar, aber, leider, leider, nur von begrenzter und begrenzender Wirkung.

Das pharmazeutische Hauptuniversum von Michel Houellebecq besteht aus Lexomil, Togal, Paracetamol, Meditonsin, Alkohol, vielleicht ab und ab noch Viagra, ein Universum zwischen Trinken, Schlafen, Kotzen, Ficken. Da ist nicht viel drin: "Nach meinem vierten Glas Wodka wurde mir ziemlich schlecht, ich musste mich hinlegen und ließ mich auf einen Haufen Kissen hinter dem Sofa fallen. (...) Als ich erwachte, merkte ich, dass ich auf den Teppich gekotzt hatte. Die Party ging dem Ende zu. Ich verbarg das Gekotzte unter einem Haufen Kissen." (AdK 8f.)

Ich unterscheide nicht, ob Houellebecq oder einer seiner Michel-Bruno-oder-sonstwie-Hauptpersonen etwas sagen. Die starken Ähnlichkeiten zwischen seinen Interviewstatements, Ereignissen seines Lebens und den Erfahrungen seiner Hauptpersonen haben mich überzeugt, in diese Richtungen keine größeren Differenzierungsanstrengungen unternehmen zu müssen. Houellebecq geht es um eine Palette von Themen und Gefühlssuggestionen, die unendlich variiert werden. Hier eine Auswahl: der Riss des Seins, der Schmerz, das Leid, die Depression; es nicht schaffen, kotzen, nicht normal sein können, nicht dazugehören können; damit verschwistert, der große Komplex des Selbstmitleids; dann das nächste große Thema: die doppelte Eskalation von Wirtschaftsliberalismus und erotischer Attraktivität und wie 1968 alles schlimmer machte; direkt gefolgt vom Payback: die Abfahrt des Ressentiments gegen alle, die einem immer schon auf den Senkel gegangen sind, vor allem jene, die die einzige glückliche Entlastung, die es gibt, das Geschenk wirklich hingebungsvollen Sexes, ein Glück, das direkt vom Schwanz ins ganze Sein abstrahlt, kaputt machen, also vor allem Feministinnen und Islamisten; dann der Hass auf die Arschlöcher, die einen stören, wenn man gerade dabei ist, sich seinem Selbstmitleid zuzwenden und eine kleine Depression zu kultivieren, also die Bastards aus den banlieus, Jugendliche aus der Cité des Coutilières, die Frauen mit Baseballschlägern den Schädel einschlagen; Jugendbanden, die sich vor Einkaufszentren mit Teppichmessern und Schwefelsäureflaschen angreifen und dabei Passanten und Bullen töten; Einwanderer aus den Antillen, die Frauen in der S-Bahn vergewaltigen (vgl. z.B. P 188), und dann natürlich, schlimm, schlimm, schlimm, militante Moslems, die den Massentourismus versauen, eine der letzten Pauschalreisen ins Glück, in dem sie Bomben auf Touristen schmeißen.

Houellebecqs Hauptpersonen nehmen fast ausschließlich psychopassive Mittel und Seditiva. Es gibt dafür mehrere Erklärungen, soziologisierende, psychologisierende, Idiosynkrasien geschuldete, zum Beispiel Houellebecqs Klassenlage und die seiner Romane: Die Welt der mittleren Angestellten ist die Welt von Alkohol und Viagra. Depressionserfahrungen und Psychiatrie haben ihn in die Selbstmedikamentierung mit Beruhigungsmitteln und Psychopharmaka eingeführt. Sein Hass auf kapitalistisch-induzierten Egoismus hat zu einer entschiedenen Anti-Koks-Haltung geführt, und sein Ressentiment gegen Techno als superkrankes, vollkommen beziehungsloses BummBummBumm entzog seinem Leben Ecstasy und Speed. Mein Rat an Michel Houellebecq lautet, mehr MDMA, mehr Pilze.

Nehmen wir ein Beispiel: die Hauptfigur aus "Ausweitung der Kampfzone" fährt eines Tages mit dem Fahrrad in den Wald von Mazas. Um es einfach mal zu machen, ganz normal zu sein, eine Fahrradtour am Wochenende. Klar, dass das schief läuft. Darum geht es bei Houellebecq. Die Hauptfigur keucht. Ich meine, sie kotzt fast: "Von Zeit zu Zeit bleibe ich am Straßenrand stehen, rauche eine Zigarette, weine ein bisschen und fahre weiter. Ich wäre gern tot. Aber 'es gibt einen Weg, den man zurücklegen muss'." (AdK, 168) Die Welt fällt auseinander. Die Figur kann die Stelle, die sie gerne beziehen würde, nicht einnehmen, ein Ausflügler, sonst nichts, keine Schmerzen, keine Tränen. Das ist Houellebecqs zentrales Drama; er schafft es nicht, normal zu sein, einer von vielen, ein mittlerer Angestellter zwischen dreißig und vierzig. Daran ist unter anderem 1968 schuld. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Schmerz, der Zunahme von Schmerz und 1968. Deswegen Togal.

Was passiert im Wald von Mazas? Es ist mild, Narzissen, sonnendurchflutete Lichtungen, ein metonymisches Naturspektakel: "Man fühlt sich wohl und ist glücklich; weit und breit kein Mensch. Etwas scheint hier möglich zu sein. Man hat das Gefühl, sich an einem Ausgangspunkt zu befinden" (AdK, 169); dann Verschiebung, Knacks und großer Showdown: Die Spaltung zur Welt kann nicht überwunden werden, endloser Schmerz, heilloses Gefühl der Trennung: "Seit Jahren marschiere ich an der Seite eines Gespenstes, das mir gleicht und das in einem theoretischen Paradies lebt, in engster Beziehung zur Welt. Ich habe lange geglaubt, dass es mir möglich wäre, diese Gestalt zu erreichen. Jetzt nicht mehr."

Wenn MDMA etwas ermöglicht, dann für eine Zeit die Spaltung zur Welt zu überwinden, Angst zu verlieren, sich selbst loswerden. Das ist eigentlich ein großer Wunsch von Houellebecqs Protagonisten. Sie haben von sich selbst genug und würden sich gerne verlieren. Darin besteht das Geschenk des Sexes in all seinen Büchern. Houellebecq kennt nur eine Technik des Selbstverlusts: Ficken. Weil sie vom Selbstverlust radikal ablenkt, hasst er dagegen die Psychoanalyse. Er hasst sie natürlich auch, weil sie ein Synonym für Intellektualität, Frankreich, im weitesten Sinne für 1968, Therapiegruppen undsoweiter ist. Diese ganze Reihung ist natürlich vollkommen schwachsinnig. Aber da nimmt es Houellebecq nicht so genau. 1968 als Antipsychiatrie und Psychoanalysekritik? Egal! Man muss Houellebecq zugute halten: Er schreibt Pulp, einen lakonischen Comic aus dem gescheiterten Leben eines Angestellten. Da braucht er Vereinfachungen, die knallen. Das zeigt sich zum Beispiel an seinem Hass auf den Poststrukturalismus. Ist ihm doch egal, dass sich der Poststrukturalismus von den Humanwissenschaften abwendete, dass Lacan Mathematik und Informationstheorie liebte, dass Deleuze Lacan auseinandernahm, am Ende von Elementarteilchen heisst es: "Das weltweite Gespött, dem die Arbeiten von Foucault, Lacan, Derrida und Deleuze über Nacht zum Opfer gefallen waren, nachdem man sie jahrzehntelang total überschätzt hatte, sollte zu diesem Zeitpunkt keinen Raum für eine neue Philosophie lassen, sondern im Gegenteil sämtliche Intellektuellen diskreditieren, die sich auf die Humanwissenschaften beriefen; der zunehmende Einfluss der Naturwissenschaftler in allen Bereichen des Denkens war von da an unvermeidlich geworden." (ET, 354). Okay, das ist Anti-Intellektuellen-Comic, wie er Michel Houellebecq gefällt. Außer Niels Bohr nur Schwachköpfe.

In seiner Reaktion auf die Diskussion über "neue Reaktionäre", die im Oktober letzten Jahres in „Le monde diplomatique“ und im Buch "Le Rappel à l'ordre" von Daniel Lindenberg inszeniert wurde, sind es Baudrillard und Bourdieu, die für die doofe Kritik an der Moderne stehen, den Scheiss, den man nicht mehr lesen kann. Dabei müsste Houellebecq Baudrillard eigentlich mögen, den großen Theoretiker des Tausches, der Marcel Mauss auf den Kapitalismus anwendete und erklärte, dass die Macht in ihrem fortgeschrittenen Zustand den Menschen die Möglichkeit, zu geben, nimmt. Überall nur noch Werbung, Medien, Kommunikationskanäle, der unendliche Monolog der Macht, das ist doch eigentlich ganz nach Houellebecqs Geschmack. Abgesehen davon, dass Baudrillard schon ein paar Jahre nach 1968 diagnostizierte, dass alle Revolten nur Übergänge in eine sublimere Form der Kontrolle darstellten, was ungefähr Michel Houellebecqs These zu 1968 entspricht. Ja, wenn ich es mir so richtig überlege, sind die beiden ein lustiges Paar. Houellebecq hat echte Affinitäten zu Baudrillards Buch "Der Symbolische Tausch und der Tod", Affinität mit dessen Diagnose einer kapitalisierten Welt, die sich ganz auf die Konsumtions- und Zirkulationssphäre beschränke, mit dessen Kritik einer Welt der Werbung und der Simulation, eines eskalatorischen Selbstverwirklichungszwangs, einer Mutation der Arbeit zur Anwesenheitspflicht und zum Sinnsurrogat. Genauso verhält es sich mit Baudrillards Thesen zum Tauschwert-Sex, zum Phallus Exchange Modus oder mit seinem Aufruf "Lasst euch nicht verführen", ja, wenn man die Sache ein bisschen blösinnig überspitzt, könnte man sogar sagen, dass Michel Houellebecq über sexuellen Potlatsch schreibt. All diesen Themen hat Michel Houellebecq in seinen Texten eine mickrige, selbstmitleidige, rückwärtsorientierte, sex-naturalisierende Wendung gegeben. Ein interessanter Punkt übrigens schon hier: Baudrillard gefiel gerade in Deutschland Theoretikern der neuen Rechten. Ich erinnere an Bergfleths Nachwort in "Der symbolische Tausch und der Tod", das Matthes & Seitz trotz Baudrillards Einwänden abdruckte. Aus dieser Linie der Kapitalismuskritik – alles ist Konsumtion und Oberfläche, alles ist Tauschwert, TV, Tiefkühltruhe, dahinter eine riesige Leere - scheint es eine Abzweigung in neurechtes Denken zu geben.

Ecstasy könnte Houellebecq eine temporäre Passage in eine Welt der Nicht-Trennung eröffnen, so dass er - gerade, wo er Nietzscheaner sein will - nicht länger den traurigen Bürokraten seiner Ressentiments spielen müsste. Eine der schönsten Drogenstories des Dancefloores hat Simon Reynolds mit „Energy Flash“ geschrieben, und darin gibt es auch eine kleine Geschichte für Michel Houellebecq: "Ich spreche von Großbritannien in den Jahren von 1988 bis Ende 91, Mitte 92, das golden age of rave. Die Sache lief und lief und lief. Immer wenn eine Szene ausbrannte, kam eine neue Welle von Leuten hinzu. 91 erreichte die Sache ihren Höhepunkt, riesige Raves, umstellt von Ecstasy und Polizei. Die Stimmung war euphorisch, fast idyllisch, luv'd up. Einen Effekt, den Ecstasy hat, ist das Abbremsen einer aggressiven sexuellen Energie. Es macht sensitiv und touchy. Die Leute wollen sich umarmen, anfassen, küssen. Ecstasy führt weg von genitaler Orientierung, veteilt Sexualität zurück über den ganzen Körper. Verstrahlte Raver sind verliebt, zärtlich, sinnlich, aber nicht erotisiert. Das hilft, den von Reich beschriebenen Körperpanzer zum Einsturz zu bringen. Reich versuchte das mit Massage, Atemtechniken etc. Ecstasy ist eine Abkürzung. Vielleicht sind Frauen dem näher, vielleicht geht es um eine Feminisierung des Dancefloors. Gleichzeitig wurde mit Ecstasy die Expressivität der homosexuellen House-Kultur aus Chicago nach Europa transportiert, happy handbag." Damit scheinen mir alle Fragen, die Houellebecq zu Sex und Glück gestellt hat, chemisch und sozial progressiv beantwortet zu sein. Nur kurz noch, Simon Reynolds ist kein Drogen-Mystiker, kein Determinist, kein idiotischer Apologet. Drogen sind Teil eines sozialen Verhältnisses. Je mehr E man schmeisst, um so stärker kommt der amphetaminartige harte, schnelle Teil des Drogenerlebnisses nach vorne. Underground und Hardcore waren beides, eine pharmazeutische und eine politische Reaktion auf die Überdosierung von Love & Unity. Man will nicht immer glücklich sein. Seitdem ist viel passiert, die ganze Dimension von Breakbeat und Jungle; dann Speed Garage, Koks, die Rückkehr der Lyrics, die Rückkehr der Heterosexualisierung, ein anderes Plateau eben, eher wie ein Mod-Allnighter, gut gekleidetes glamouröses Wochenendamusement; und dann natürlich das Auftauchen der minoritären Großkonzerne, die Techno-Design-Kreativ-Industrie. Undsoweiterundsofort.

Houellebecq jedenfalls hat keine Ahnung. Was schreibt er über Techno? "Im Gegensatz dazu gerät der durchschnittliche Westeuropäer erst am Ende endloser Rave-Parties, aus denen er taub und mit Drogen vollgepumpt herauskommt, in eine unzulängliche Ekstase: Er hat überhaupt kein Gespür mehr fürs Feiern. Sich seiner zutiefst bewusst, den anderen vollkommen fremd, terrorisiert vom Gedanken an den Tod, ist er wirklich unfähig, zu welcher Fusion auch immer zu gelangen." (WaS 12) Ecstasy und Sound vermitteln unter günstigen Bedingungen nicht nur sexy sensitivity, sondern eine Art unbedrohlicher Leere, eine Reise in die Wüste, in der nichts passiert, man sich aber weder allein noch depressiv fühlt. Das ist happiness zweiten Grades, die Michel Houellebecq permanent beschwört, glückliche Stille, und was er sonst so aufzählt. Aber er säuft und nimmt Schmerzmittel, bestenfalls noch Morphium, aber darüber schreibt er nicht. Also müssen wir uns Mangel, Tränen, Kotzen, Zahnfäule anhören, seine Verfallsstory, seinen Entfremdungs- und Denaturalisierungsquatsch.

Nun gut, sagen wir, Michel Houellebecq schreibt sentimentalen Pulp, Comics aus dem Elend des Differenzkapitalismus und will folgende Frage klären: Was macht die white middle class in einem System, in dem man sich ständig kulturell, sportlich, sinnproduzierend beweisen muss? Sie verzweifelt. Will er uns zeigen, dass der Kapitalismus die kulturelle Hegemonie jener Klasse auffrisst, die ihn erkämpft hat? Vielleicht, wenn nicht freiwillig, dann unfreiwillig. Will er einen Hinweis darauf geben, dass das Bürgertum vollkommen verblödet ist, dass es den Kapitalismus noch nie begriffen hat und dass es jetzt - während des Überganges in ein Imperium, in einen großen, extrem heterogenisierten kapitalistischen Raum - einfach nicht mehr mitmachen will, weil alles so unübersichtlich geworden ist, viel zu schnell, viel zu unangenehm? Kolonialismus, Imperialismus, das ging ja alles noch, aber jetzt, da die abendländischen Werte, die Generationenunterschiede, das Wissen, die Nation, die bürgerlichen Privilegien abgerollt werden, das geht zu weit. Armut und Gewalt rücken gefährlich nahe. Nehmen wir Jean-Pierre Chevènement, den Michel Houellebecq im Wahlkampf 2002 unterstützte, und dessen „Zehn Geboten für Frankreich“, Punkt 5 zum Beispiel: „Aufwertung der Arbeit: Mehr Geld in die Lohntüte, der Arbeit ihre Würde zurückgeben. Das Wachstum stimulieren, um zur Vollbeschäftigung zurückzukehren.“ Punkt 7: „Progressiver Ruhestand und ausreichende Renten: Es sind nicht von der Börse abhängige Pensionsfonds, die unsere Altersversorgung sichern, sondern die Rückkehr zur Vollbeschäftigung.“ Und natürlich Punkt 3: „Kohärente Sicherheitspolitik: Sowohl Demagogie wie Naivität vermeiden; Strenge gegenüber der Delinquenz; zusätzliche Mittel für Vorbeugung und Wiedereingliederung.“ Das ist gut. Das ist solider Fordismus. So stellen wir uns Kapitalismus vor. Damit nähern wir uns einem Kernstück rechter Kapitalismuskritik, der Traum von einem Kapitalismus ohne Antagonismen. Die Produktion von Antagonismen wird einfach ausgelagert. Wenn nicht die Struktur des Kapitalismus scheisse ist, was könnte es dann sein? Dann sind eben die Börsen scheisse, die neoliberalen Yuppies, die Staat und Konzerne zugrunde sanieren wollen, die Ex-68er, die jetzt in den Vorstandsetagen sitzen, und natürlich die Kriminellen und die Ausländer, was für Michel Houellebecq ungefähr aufs Gleiche herausläuft.

Michel Houellebecq hat Angst vor der Deterritorialisierung, dem prägnantesten Merkmal kapitalistischer Vergesellschaftung. Das hat Karl Marx schon im Kommunistischen Manifest beschrieben: „Alles Ständische verweht“ undsoweiter. Auch Michel Houellebecq zitiert Marx. Er sucht sich natürlich eine pathetische kulturkonservative Stelle mitten aus dem Grand Hotel Abgrund: „der Triumph der Bourgeoisie (hat) die heiligen Schauer der religiösen Ekstase, des ritterlichen Enthusiasmus und der Dreigroschenmentalität in den eiskalten Wassern des egoistischen Kalküls ertränkt.“ (WaS 10)

Michel Houellebecqs Protagonisten finden den Kapitalismus fies und gemein, weil individualisierend, demoralisierend und gemeinschaftszerstörend. Es gibt keine Stille mehr, nur Werbung und Kommunikation; es gibt kein Glück mehr, keine Güte, ja, die Menschen haben verlernt, zu geben, insbesondere, die Gabe, sagen wir, die Hingabe, sich ordentlich um Michel Houellebecqs Pimmel zu kümmern. Eine gemeine Sache, eine doppelte Kampfzone aus Wirtschaftsliberalismus und erotischer Konkurrenz hat sich aufgetan und droht die Menschen zu verschlingen: „Wie der Wirtschaftsliberalismus – und aus analogen Gründen – erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung. Manche haben täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf- oder sechsmal in ihrem Leben oder überhaupt nie. Im einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen.“ (AdK 108)

Und jetzt, die spannende Frage: Was hat dazu geführt, dass alles immer schlimmer kam? 1968 und die eklige Besserwisserei von Linken, die, eins, zwei, drei, zu egomanischen Hippies, Selbstverwirklichungsschlampen und Alternativkapitalisten mutierten: „Natürlich fing die Sozialmaschine dann wieder an, sich zu drehen – noch schneller, noch unerbittlicher. Der Mai 1968 hat nur dazu gedient, mit den wenigen moralischen Regeln zu brechen, die ihrem gefräßigen Lauf bis dahin im Wege standen.“ (AdK 59) Michel Houellebecq verwechselt konsequent, Revolten mit ihrem Scheitern. Er denunziert die Integration der 68er. Das ist okay. Nur, dass 1968 damit nicht liquidiert ist. Selbst das ahnt er, muss aber eine sentimentale Geschichte daraus machen. Was passierte im Mai vor 35 Jahren? Die Stille der Streiks legte sich über das Land, der Stillstand der Informationsübertragung trat ein, endlich etwas Ruhe, ja mehr noch, die Einkehr einer „metaphysischen Ungewissheit“ (WaS, 59) Danach ging es bergab. Eigentlich kann man es kaum mehr schaffen, die Normalitätslatte zu halten.Wenn man etwas Ruhe haben will, bleibt nur noch Togal. Immerhin hat die Firma 80 Jahre Erfahrung in der Schmerztherapie.

Michel Houellebecq glaubt nicht an positive politische Veränderungen, ist ihm zu anstrengend, ein sympathischer Zug. Außerdem hasst er Leute, die das Maul aufmachen. Er fühlt sich belästigt, ein unsympathischer Zug. Der Typ ist ein Pitbull, der von Güte schwafelt. Er hat keine Ahnung. Er weiss nicht, dass alles, was er da ressentimentgeladen zum Ausdruck bringt, die Reduktion des Politischen auf besserwisserisches Genörgele am Verhalten der anderen, auf Sozialkontrolle undsoweiter schon in den Siebzigern rauf und runter diskutiert wurde.

Er ist Kommunist, sagt er der „L’humanite“. Guter Witz; lustig ist er, das muss man ihm lassen, erzählt im L’humanité Interveiw von Robespierre, der darauf bestanden habe, Freiheit und Gleichheit, die sich ja gegenseitig ausschlössen, das Moment der Brüderlichkeit bei Seite zu stellen. Michel Houellebecqs Kommunismus? Was ist das? Das ist Anti-Liberalismus, Antiamerikanismus, Kulturkonservatismus, Produktivitätsfetischismus, denn nur die Ingenieure und Techniker arbeiten, die anderen sind überflüssige Dienstleistungsaffen. Was sonst noch? Sehnsucht nach Religiösität und Rückwärtsgewandtheit: „Seit September 1992, als wir den Fehler begangen haben, Maastricht zuzustimmen, hat sich ein neues Gefühl im Lande breitgemacht: das Gefühl, dass die Politiker nichts bewerkstelligen können. Die unerbittliche Zwangsläufigkeit der Wirtschaft lässt Frankreich langsam ins Lager der mittleren bis armen Länder kippen.“ (WaS, 69). Oh nein! Jetzt schnell etwas Kommunismus! Denn was wurde uns nicht alles genommen?! Die sexuelle Unschuld, die Fähigkeit zu feiern, die Fähigkeit zu ficken, die letzten Gemeinschaften, die das „Individuum vom Markt trennten“ (WaS 68), die Familie, das Paar, und dann - wie lange schon ?! - der Zugang zur Sphäre des Heiligen, des Religiösen, das uns Halt in einem Universum gibt, das „auf der Trennung, dem Leiden und dem Bösen basiert“ (WaS, 29).

Unübertroffen ist Houellebecqs pragmatisches Heilsprojekt, eine Art globaler para-kommunistischer Kapitalismus des sexuellen Tausches, in dem eine echte Nachfrage auf ein echtes Angebot stößt, ein neues Jugoslawien, der dritte Weg, Kommunismus mit sexuellem Antlitz: „’Also’, fuhr ich fort, ‚auf der einen Seite hast du mehrere hundert Millionen Menschen in der westlichen Welt, die alles haben, was sie sich nur wünschen, außer, dass sie keine sexuelle Befriedigung mehr finden: Sie suchen unablässig, aber sie finden nichts, und sie sind darüber unglücklich bis auf die Knochen. Und auf der anderen Seite gibt es mehrere Milliarden Menschen, die nichts haben, kläglich verhungern, jung sterben, unter ungesunden Bedingungen leben und nichts anderes mehr zu verkaufen haben als ihren Körper und ihre intakte Sexualität. Das ist einfach, wirklich einfach zu begreifen: Das ist die ideale Tauschsituation.’“ (P 230)

Hat er intakte Sexualität gesagt? Denkt er wirklich Kapitalismus sei eine Geschlechtskrankheit? Hat er nie Foucault gelesen? Feministische Texte konnte er ja nicht lesen, weil er Feministinnen hasst, die frigiden Schlampen. Aber konnte ihn seine Kritik an der sexuellen Revolution nicht auf den Gedanken bringen, dass Sexualität historisch gar nicht unterdrückt worden ist, dass es sexuelle Unschuld gar nicht gibt? Dass Entfremdung vom guten Fick nicht existiert, weil intakte Ursprünglichkeit eine Chimäre moderner Natur-Kultur-Trennung ist. Fragen über Fragen, die beantwortet werden können: Michel Houellebecq hätte es wissen können. Er hätte etwas anderes schreiben können, wenn er aus der serialisierten Krisenhaftigkeit eines kapitalisierten Lebens berichten wollte. Auf jeden Fall musste er nicht mit diesem Schrott kommen, einer Welt, die aus geilen Thailänderinnen besteht, die noch wissen, wie man sich um einen Schwanz kümmert, aus Feministinnen, die den ganzen Tag lang behaupten, Sextourismus sei Vergewaltigungstourismus, und sich darüber unterhalten, dass sie Miniröcke anziehen, um sich selbst zu gefallen, und dann noch aus ein paar wenigen Frauen des Abendlandes, die der Kapitalismus nicht verdorben hat. Heiligen gleich sind sie die Magierinnen des Sexes, ja, sie sind noch wertvoller als die Thai-Mädchen. Sie sind Göttinnen, die die Güte habe, das zu schenken, was man sonst nur mit Schmerzmitteln oder Morphium erreicht: Entlastung, Erleichterung, mehr noch, pieces of happiness. Frauen sind entweder Schlampen, Lustmäulchen, Luder, denen man am besten eine reinhaut, oder aber Allegorien möglichen Glücks. Michel Houellebecqs fetischistische Lieblingsallegorie ist das deutsche Lesbenpaar. Deutsch ist gut, wegen der Frühromantik, Novalis undsoweiter. Außerdem sind Deutsche meist attraktiv blond, nichts Amerikanisches, Kaugummi, Fitness oder so und besitzen eine große Bereitschaft zum Sextourismus. Lesbisch sind für Michel Houellebecq zwei Frauen, die es miteinander machen, und ihn dazu einladen, echte deutsche Lesben-Leitkultur (vgl. L 45-58).

Jetzt muss mal etwas Positives über Michel Houellebecq gesagt werden: Der Mann ist kein Frontsoldat ist. Er ist faul. Nur deshalb interessiert er sich für Gentechnologie. Mit mit dem ganzen Technologie-ist-die-Zukunft-der-Wissensgesellschaft-Quatsch hat er nichts zu tun. Er will Erlösung aus dem bösen Falschen. Und da er nicht zurück in die Vergangenheit kann, wo er es eindeutig besser fand, muss er eben in die posthumane, unsterbliche, von Leid, Tod und Differenz befreite Zukunft. Hier unten schafft er es nicht. Er schafft das Normalitätstraining nicht. Er ist Opfer seiner eigenen Klasse. Er kann nicht mehr mithalten. Er parkt seinen Wagen und findet ihn nicht mehr. Er spürt die Unmöglichkeit, unter diesen Umständen glücklich zu sein. Er gibt lieber auf. Das aber ist im Kapitalismus nicht vorgesehen, zunehmend weniger übrigens. Selbst die Armen werden terrorisiert und müssen Ich-AGs bilden. Michel Houellebecq hingegen macht den Sinn-, Interesse- und Kritikstress nicht mit. Lieber paar Gläschen kippen und ein Pornovideo angucken. Man könnte fast ins Gespräch mit ihm kommen, wären da nicht sein Selbstmitleid, seine Ressentiments, seine Verwechslung von gutem Sex mit der Verfügbarkeit von Frauen und mit Glück, seine reaktionäre Verfallsgeschichte, sein Sein zum Tode, in dem er aus Angst vor dem großen Tod, jeden Tag einen kleinen stirbt. In einem öffentlichen Liebesbrief an Norman Mailer, „The black boy looks at the white boy“, schreibt James Baldwin zehn Zeilen über die Attitude, die ihn und Mailer trennt: „(...) the thing, that most white people imagine that they can salvage from the storm of life is really, in sum, their innocence. It was this commodity precisely which I had to get rid of at once, literally, on pain of death. I am afraid that most white people I have ever known impressed me as being in the grip of a weird nostalgia dreaming of a vanished state of security and order, aganist which dream, unfailingly and unconsciously, they tested and very often lost their lives. It is a terrible thing to say, but I am afraid, that for a very long time the troubles of white people failed to impress me as being real trouble. They put me in mind of children crying because the breast has taken away.“ (Baldwin 1989, 270)

Michel Houellebecq leidet auch wegen der Araber so stark. Sein Islamhass ist skurril und gehorcht wohl zur Hälfte seinem ressentimentgeladenen Transgressionszwang, eine blinde Fixierung, die er aufgeben könnte, weil er nicht ernstlich ein System hysterischer Überaffirmation durch Überaffirmation unterlaufen will. Oder doch? Er weiss, dass Tabubruch und Verbotsübertretung zu den Primärtugenden des spätkapitalischen Bürgers gehören, aber er macht uns lieber den Anti-PC-Affen: Die Feministinnen und die Araber nehmen ihm die Mösen weg. Michel Houellebecq denkt, der politische Islam sei eine Religion von und für Wüstenskorpione, die noch solange Bombenleger generiert, bis die kapitalistische Deterritorialisierungsbewegung aus Coca-Cola, Ficken und Spaß sie verschluckt habe: „Für ihn gab es keinen Zweifel, das islamische System hat keine Zukunft: Der Kapitalismus würde siegen. Schon heute träumten die jungen Araber nur noch von Konsumgütern und Sex.“ (P 329) Mann, Mann, Mann. Er muss ja nicht Maxime Rodinson gelesen haben, aber warum kapiert er gar nichts? Michel Houellebecq denkt, der politische Islam, das seien die Taliban. Er kapiert nicht, dass der politische Islam d a s reaktionäre Fortschrittsmodell der Zukunft ist, das auf den kolonialen Orientalismus, auf das Scheitern des nachholenden Entwicklungsversprechens antwortet und große Teile der Massen des informellen Selbstunternehmertums im Süden organisiert. In der Türkei zeigt sich gerade, wie dynamisch die Verbindung zwischen Neoliberalismus und Islam sein kann. Eine neue islamische Mittelschicht konsolidiert sich, Muslim und Muslima, das Paar der Zukunft, gut ausgebildet, gut gekleidet, werteorientiert und kapitalistisch. Der politische Islam schenkt Michel Houellebecq das Projekt, von dem er immer geträumt hat, den Versuch, Kapitalismus, Religion, Moral, Mode, Schönheit und Gemeinschaft aneinander zu vermitteln. Und eigentlich ist in der Ehe auch die Verfügbarkeit mehrerer Frauen möglich.

Michel Houellebecq behandelt fast alle Themen von einer reaktionären Seite. Blöd gelaufen, ist allerdings die Sache mit Daniel Lindenbergs Buch „Le Rappel à l’ordre. Enquête sur les nouveaus reactionnaires“, das Ende letzten Jahres veröffentlicht wurde. Lindenberg lehrt in Paris VIII, Saint Denis. Er ist Mitglied der sozialistischen Partei. Er sitzt bei strategischen Debatten der Parteigremien am Tisch. Er gehört zur französischen Regierungslinke. Und er wollte schnell mal zusammenschreiben, warum die Sozialisten bei der letzten Wahl soviele Stimmen verloren haben, und Le Pen so gut da stand. In gewisser Weise ist für ihn Michel Houellebecq schuld. Er sei informelle Leitfigur einer diffusen Bewegung neuer Reaktionäre, zu der auch die beiden Schriftsteller Dantec und Muray zählen, genauso aber die neuen Philosophen und die Theoretiker Taguieff und Furet, zudem Alain Badiou, was vollkommen abwegig und vielleicht dem geschuldet ist, dass Badiou den Sozialisten vorhielt, mit ihrer Politik Rassismus und Sicherheitsparanoia den Weg bereitet zu haben. Wann ist man neuer Reaktionär? Nach Lindenberg, wenn man gegen 1968 ist, gegen Massenkultur, gegen Antirassismus, gegen Islam, gegen Gleichheit, gegen Menschenrechtsaktivismus. Die diffuse Bewegung der neuen Reaktionäre bestände in einer Passage, die innerhalb einer Generation vollzogen wurde, vom doktrinären Marxismus zum Kult der Souveränität und nationaler Idiosynkrasien, von einem universalen Franco-Judaismus zur bedingungslosen Verteidigung Ariel Sharons, von der Gegenkultur der 60er und 70er zur Nostalgie des Humanismus, von der Beschäftigung mit Tocqueville zu Carl Schmitt.

So aber kriegt man Michel Houellebecq nicht. Das ist zu unspezifisch. Michel Houellebecq ist durch die Achtziger hindurch gegangen, durch das Terrain von Pop, Überaffirmation und Provokation. Er kann hart, schnell, einfach und synthetisch schreiben, Polyester-Literatur, knautscht nicht, liest sich gut. Den Gestus und die Themen seiner Bücher hat er auf der Straße gefunden. Den Hass auf die Hippies hat er von den Punks und den frühen Achtzigern übernommen. Die Kritik an der Peinlichkeit des Missionarischen von den neuen sozialen Bewegungen. Ich weiss nicht, wer sich daran erinnert, dass Foucaults Anmerkungen zum Anti-Ödipus Kult waren, „Du musst nicht traurig sein, um militant sein zu können“ undsoweiter, jener Versuch, der schon einige Male im letzten Jahrhundert unternommen wurde, endlich aufzuhören, links sein damit zu verwechseln, belehrend, besserwisserisch und bebend vor missionarischem Mitteilungsdrang zu sein. Leider hat sich die Sache in den Achtzigern auf militante Selbstgenügsamkeit reduziert. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Empörung gegen die Empörung der Guten – im letzten Roman repräsentiert von den alternativen Distinktionsspießern des „Guide du Routard“, von Flugblattverteilerinnen vor Sexmessen und von Jacques Maillot, Alt-68er und Chef der Reiseagentur „Nouvelles Frontières“ (P 33f) – kommt aus der Subkultur während der harten Kälte der 80er Jahre. Diskurse sind immer polyvalent. Kritik am Missionarischen, am Moralischen, am wahrheitsversessenen Autoritären, am unbedingten Gutseinwollen ist kein Eigentum linker Selbstkritik. Der Gutmensch-Diskurs und die Anti-PC-Debatte haben sich auf diesem Feld gemütlich eingerichtet. Allmählich hat sich aus der Kritik an linkem Missionarismus und autoritären Strukturen eine rechte Linie entwickelt, die die Möglichkeit der radikaler Emanzipation kippen will.

Dafür muss 1968 sterben. Zuerst wird es ultrahocherhitzt, homogenisiert und auf eine eindimensionale Signatur reduziert, die für Michel Houellebecq in der Beschleunigung des Kapitalismus und der Ausweitung der sexuellen Konkurrenzzone besteht. Dieser fiese Differenzkapitalismus drückt für ihn kein gesellschaftliches Verhältnis aus, in dem sich die Potentialität des Systems zeigt, Widersprüche produktiv in Modernisierung umzusetzen. Diese wertezerstörende, hundsgemeine, sich selbst gegen die bürgerliche Klasse richtende Modernisierung ist wurde von Agenten des Bösen organisiert, den Linken, insbesondere den 68ern. Sie sind schuld. Alle Vorstellungen gesellschaftlicher Macht als Kräfteverhältnis, in dem sich erfolgreich gescheiterte Kämpfe sedimentieren, werden abgewiesen. Die Methode, wer pisst am besten auf 1968, wurde von den neuen Philosophen erfunden. Auch sie zogen das – damals eine historische Pionierleistung im philosophischen Bereich – als Multi-Media-Marketing-Unternehmen durch: Artikel lancieren, Interviews geben, im Fernsehen auftreten, eine Coverstory kriegen, sich gegenseitig in verschiedenen Blättern besprechen undsoweiter. In einem Zeitungsinterview 1977 sagte Deleuze über die Methode der neuen Philosophen: „Es ging darum, wer am besten auf den Mai 1968 spuckte. Diesem Hass entsprechend haben sie ihr Aussagesubjekt konstituiert: ‚Wir, die wir den Mai 1968 gemacht haben, wir können euch sagen, dass das dumm war und dass wir das nicht mehr machen werden.’ Wut auf 1968, mehr haben sie nicht zu verkaufen. Über diesen Leisten wird alles geschlagen, Marxismus, Maoismus, Sozialismus etc., nicht weil die realen Kämpfe neue Feinde, neue Probleme und neue Mittel auftauchen ließen, sondern weil die Revolution für unmöglich erklärt werden musste, kategorisch und für alle Zeiten. Deshalb wurden alle Begriffe, die anfänglich sehr differenziert funktionierten, die Mächte, die Widerstände, die Wünsche, sogar die Plebs, aufs Neue globalisiert, wiedervereinigt in der faden Einheit der Macht, des Gesetzes, des Staates etc. Deshalb tritt auch das denkende Subjekt wieder auf die Bühne, denn die einzige Möglichkeit zur Revolution ist für die neuen Philosophen der reine Akt des Denkers, der sie als unmögliche denkt. Was mich ankotzt, ist sehr einfach: Die neuen Philosophen schreiben eine Martyrologie, der Gulag und die Opfer der Geschichte. Sie leben von Leichen. Sie haben für sich die Zeugenfunktion entdeckt, die mit der des Autors oder Denkers zusammenfällt. Aber es hätte nie Opfer gegeben, wenn diese so gedacht oder geredet hätten. Die Opfer mussten ganz anders denken und leben, um zum Gegenstand derer zu werden, die in ihrem Namen weinen, denken und Lehren erteilen. Diejenigen, die ihr Leben riskieren, denken im Allgemeinen in Termini des Lebens und nicht des Todes, der Bitterkeit und morbider Eitelkeit. Die Dissidenten sind eher große Lebenskünstler. Noch nie hat man jemanden für seine Unfähigkeit und seinen Pessimismus ins Gefängnis gesteckt.“ (93)

Man kann Houellebecq und die neuen Philosophen nicht zusammen abhaken. Michel Houellebecq ist kein neuer neuer Philosoph. Die neuen Philosophen sind blasierte Anwälte der Opfer des Stalinismus und internationaler Menschenrechtverletzungen. Sie haben die Stalinismuskritik kolonisiert, indem sie den Stalinismus zum Beweis in eigener Sache erklärt haben, seht her, seht her!, radikale Befreiungsversuche drängen notwendig ins Faschistische, also Schluss damit. Die neuen Philosophen sind ein Konzern zivilgesellschaftlicher Liberalität. Sie sprechen im Namen anderer. Houellebecq spricht in eigenem Namen. Er ist sich selbst Opfer und Anwalt, und die Politik des Ressentiments ist seine Selbstverteidigung. Das erkennt man sofort an den Reaktionen auf Lindenbergs Buch. Der Tonfall des Fürsprechertums beherrscht das Manifest, das von Finkielkraut, Taguieff, Gauchet, Trigano, Yonnet und anderen unterzeichnet und im „L’Express“ veröffentlicht wurde. Schon der Titel! „Manifest für ein freies Denken“. Wir wissen, man kann ihm viel vorwerfen, aber das würde Houellebecq nicht schreiben. Dann kommt natürlich der Stalinismusvorwurf - Stalinismus, Zensur, Verfolgung. Die neuen Philosophen schreien immer noch Stalinismus. Selbst wenn es um Sozialdemokraten wie Lindenberg geht. Das ist ihr Erkennungszeichen. Dann beginnt auch schon das paternalistische Stellvertretertum. Sie nähmen die Unzufriedenheit der Bevölkerung ernst, die sich in der Wahl im April artikuliert hätte. Sie nehmen die Unzufriedenheit der Bevölkerung ernst? Wenn Intellektuelle anfangen für die Bevölkerung zu sprechen, wird es lustig. Zurück auf Los bitte, und nochmal bei Gramsci oder meinetwegen bei Balibar nachlesen. Das Manifest geht dann im gleichen Tonfall weiter. Sie seien gegen die Indifferenz der Eliten gegenüber öffentlicher und sozialer Unsicherheit, gegen den Jugendlichkeitskult des Mai 1968, den Verfall des Wissens, den Verfall des französischen Integrationsgedanken. Sie seien gegen den Antisemitismus in den banlieus (als ob sie die einzigen wären), gegen islamische Frauenfeindlichkeit, gegen den Verlust des Laizismus. Houellebecqs Antwort auf Lindenberg „L’homme de gauche est mal parti“ ist damit verglichen relativ schlau und lustig. Er bedankt sich bei Lindenberg. Jetzt ginge es los, jetzt wären sie endlich eine richtige rechte Bewegung. Vor ein paar Monaten hätten sie noch nicht einmal eine richtige Kampagne für Jean-Pierre Chevènement auf die Beine gestellt bekommen. Nun aber plane er, Michel Houellebecq, schon eine Debatte mit Philippe Muray über die Wohltaten des Massentourismus. Mit Dantec habe er einen öffentlichen Austausch über die Perspektiven des reproduktiven Klonens von Menschen und eine Art allgemeines Kolloquium über Monotheismus und vielleicht noch ein anderes über Prostitution ins Auge gefasst, zwei Themen, zu denen alle etwas zu sagen hätten. Das Ganze endet mit einem an die Adresse der Altkonservativen gerichteten Spendenaufruf für die Bewegung der neuen Reaktionäre.

Nachdem ich das alles gelesen hatte, eine Debatte über neue Reaktionäre, uninspiriert geführt, ungenau formuliert und mitten aus der sozialdemokratischen Mitte lanciert, war ich in einen Zustand pathetischer Erschöpfung geraten. Ich las und las; von Zeit zu Zeit rauchte ich eine Zigarette und weinte ein bisschen. Ich wäre gerne tot gewesen. Aber dann nahm ich zwei Togal und machte ein Bier auf. Was für ein Scheiss, dachte ich. Hoffentlich lässt der Schmerz bald nach.

 

(AdK) Ausweitung der Kampfzone, Rowohlt 2000
(ET) Elementarteilchen, Dumont 1999
(L) Lanzarote, Erzählung, Dumont 2000
(P) Plattform, Dumont 2002
(WaS) Die Welt als Supermarkt, Dumont 1999
James Baldwin, The black boy looks at the white boy, in: Ders., Collected Essays, The Library of America 1998
Jean-Pierre Chevenement, Zehn Gebote für Frankreich, zitiert nach: Rudolf Balmer, Wer hat Angst vor dem Dritten Mann, http://perso.wanadoo.fr/balmer/chevenment.html.
Gilles Deleuze, Über die neuen Philosophen und ein allgemeineres Problem, in: ders., Kleine Schriften, Merve 1980
Michel Houellebecq, L’homme de gauche est mal parti,
Daniel Lindenberg, Le Rappel à l’ordre. L’enquête sur les nouveaux réactionnaires, Edition Seuil 2002
Manifest pour une pensée libre, par A. Finkielkraut, M. Gauchet, P. Muray, P.A. Taguieff, S. Trigano, P. Yonnet, L’Express, 28.11.2002
Maurice T. Maschino, Intellectuels médiatiques, Les nouveaux réactionnaires, Le monde diplomatique, Oktober 2002 (Dieser Artikel eröffnete die französische Herbstsaison der Kritik neuer Reaktionäre. Maschino erwähnt Houellebecq aber nicht.)
Simon Reynolds, Energy Flash, A Journey through Rave Music and Dance Culture,
Ders., No U Turn allowed, jungle world, Oktober 1998

„ Die Sache, die die meisten weißen Leute vor dem Sturm des Lebens retten zu können annehmen, ist wirklich, zusammengefasst gesagt, ihre Unschuld. Genau diesen Gegenstand musste ich auf einmal wortwörtlich unter Todesschmerzen aufgeben. Ich fürchte, dass die meisten weißen Leute, die ich kennen gelernt habe, den Eindruck auf mich machten, im Griff einer verrückten Nostalgie zu stecken und von einem verschwundenen Zustand der Sicherheit und Ordnung zu träumen, ein Traum, der sie, ungewollt und unbewusst, ihr Leben riskieren und sehr oft verlieren ließ. Es ist eine schreckliche Sache, aber ich fürchte, dass für eine sehr lange Zeit die Schwierigkeiten weißer Leute scheiterten, mir als reale Schwierigkeiten vorzukommen. Sie erinnerten mich an Kleinkinder, die anfangen zu heulen, weil man ihnen die Brust weggenommen hat.“