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Kontrolle, Kulturalisierung, Neoliberalismus

Das Internet als Verstärker, von Katja Diefenbach
 
   

0. Vorbemerkung: Anti-Hype

 

Das Internet ist die grellste Oberflächenerscheinung der neuen Informationstechnologien. Es ist der Ort, an dem unterschiedliche kulturalistische Projektionen fusionieren: das postmoderne Phantasma einer neuen kommunikativen Demokratie, der Underground-Traum von Sabotage und Gegenmacht einer Techno-Guerilla, die technikdeterministische Rede von intelligente, kollektiven Gehirnen, die interaktiv vernetzt sind, von virtuellen Gemeinschaften, Rhizomen, schicken Gender-Cross-Spielzonen und neuen Kontinenten. Als Treffpunkt für verschiedene Phantasmen ist das Internet zur extremsten kulturellen Vermittlungszone eines technologischen Projekts geworden, das von Mikroelektronik bis zu Bio- und Gentechnologien reicht. Die bisherige Netzdiskussion hat die Analyse der neuen Technologien als Katalysator und Verstärker der kapitalistischen Umstrukturierung in eine neoliberale Kontrollgesellschaft fast vollständig ausgeblendet. Diese Konstruktion von blinden Flecken ist selber Teil der gesellschaftlichen Transformation. Im folgenden soll versucht werden, den gleichzeitigen Status von Technologie als “namenlose Ideologie“, als Kontrolloperation, als Voraussetzung für eine postfordistische Ökonomie und als Feld für kulturellen Ästhetizismus und kulturelle Vermittlung einer neuen Herrschaftsformation zu diskutieren.

 

1. Technische Versprechen

Wir blicken auf eine lange Phase des Internet-Hypes zurück. Im Moment sind wir am Rande dieses Prozesses angekommen. Die Zeit der Werbung, der großen Mythen, des Wichtig, Wichtig! geht allmählich zuende, und es beginnt die Zeit der massenhaften Individualnutzung und der fortschreitenden industriellen und kommerziellen Nutzung der neuen Kommunikationstechnologien. Die Zeit des Hypes war die Zeit der kulturellen Vermittlung, in der es einen idealtypischen Austausch zwischen "Underground" und "Mainstream" gab. Ihr gemeinsamer Punkt ist die Fetischisierung von Wissen, Information und Geschwindigkeit, die technische Artikulation eines gesellschaftlichen Versprechens: die Übertragung von sozialen und politischen Begriffen auf technische Strukturen, die Ernährung des Technischen durch das Soziale. Die kulturelle Ästhetik dieser Fetischisierung von Datenverkehr tritt im Zeichen des Radikal Neuen und Radikal Fortschrittlichen auf. Seit Jahren operiert ein Großteil der philosophischen, kulturtheoretischen oder essayistischen Texte mit diesem symbolischen Mehrwert. Aktuelles Beispiel ist der Text "Cyberkultur" von Pierre Lévy, Professor für Informations- und Kommunikationswissenschaften in Paris-St. Denis, in dem die "Cyberkultur" mit dem Glanz einer avantgardistischen sozialen Bewegung ausgestattet wird. Das was von Lévy "Cyberkultur" genannt wird, ist ein sehr diffuses, heterogenes Gemisch aus High-Tech-Hippies, Computerfreaks, basisdemokratischen MedienaktivistInnen, Techno-TheoretikerInnen, ForscherInnen, commercial upstarts und kapitalistischen Ideologen der Freiheit des Austauschs von Waren und Worten. Erst Lévy verschafft ihnen eine einheitliche Utopie und ein emanzipatorisches Programm, das aus drei Punkten bestehen soll: die universelle Kommunikation aller mit allen, die Konstruktion virtueller Gemeinschaften und die Synergie kollektiver Intelligenz. Die These, die hier und an anderen Orten immer wieder auftaucht, ist die Annahme, daß eine neue Technologie eine neue Sozietät stiften könnte, daß der Zugang zu einer technologischen Struktur (Computer und Telephon), zu der man ein paar kulturelle Parolen hinzuaddiert (mehr Kommunikation, mehr Kontakt, mehr Intelligenz), soziale Emanzipation induzieren könnte. Die positive Utopie des Internets bezieht sich auf die technische Potentialität der Computernetze, international und schnell Datenaustausch von vielen zu vielen, maximal von allen zu allen in verschiedenen Formaten zu ermöglichen. Diese technologische Utopie taucht in radikal unterschiedlichen Varianten auf:

1. in der basisdemokratischen Forderung nach access for all: hier muß man sich vor allem die Positionen der von John Perry Barlow und Mitch Kapor gegründeten Electronic Frontier Foundationanschauen, die Positionen des immediast underground/ USA oder eines Teils der AktivistInnen des niederländischen Web-Servers XS4all.nl. Das Verbindungsstück dieser verschiedenen Szenen ist die Annahme, daß in der technischen Struktur des Internets und in seiner Ingebrauchnahme ein Demokratisierungspotential liege;

2. im postmodernen Loblied auf die vielstimmigen und pluralistischen Hypermedien, die jeden Wissenstotalitarismus dekonstruieren könnten: hier wird die Internetdebatte mit poststrukturalistischen Begriffen hochcodiert, der Diskurses mit Begriffen wie Rhizom, Dekonstruktion, Verkettung, "différance", Maschinismus usw. schick gemacht. Hier bietet sich noch einmal der schon zitierte Text "Cyberculture" von Pierre Lévy als Beispiel an: "Auf dem Web findet sich alles auf der gleichen Fläche. Deswegen ist alles differenziert. Das Web verbindet eine offene Vielzahl von Gesichtspunkten, doch diese Verwirklichung wird transversal verwirklicht, als Rhizom, ohne göttlichen Standpunkt, ohne überragende Vereinheitlichung". Die Tendenz, die politischen und philosophischen Begriffe des Poststrukturalismus auf technologische Realitäten zu übertragen, hat Sherry Turkle mit der Behauptung unterstützt, das Internet hätte die Theoreme des Poststrukturalismus vom Kopf auf die Füße gestellt. Den fröhlich-eindimensionalem Technikdeterminismus, den diese Tendenz zur Folge hat, kann man in Reinkultur im Text von Stefan Bollmann und Christiane Heilbach "Sucht keine Wurzeln, folgt dem Kanal" nachlesen: "Mittlerweile genügt die tägliche Dosis Surfen auf dem Internet, um Deleuze' und Guattaris Gleichung von Rhizomatik und Nomadologie zu verifizieren" ;

3. in der gehirnfetischistischen Rede von mehr Intelligenz und Kontakt: für diese Argumentationsfigur steht vor allem das reaktionäre Manifest "Magna Charta für das Zeitalter des Wissens" von George Gilder, Alvin Toffler u.a. über die positive Fusion von Wissen, Individualismus, Konkurrenzdenken und Marktmechanismen - hier findet der Spätkapitalismus seine bioelektronische Naturphilosophie ;

4. in der kapitalistischen Gestalt der freien, ungehemmten Zirkulation von Wissen als Ware: hier muß man sich die Äußerungen von Newt Gingrich (US-Republikaner) anhören: "Überall auf diesem Planeten sagen wir, daß das Zeitalter der Information eine größere Dezentralisierung, eine stärkere Orientierung am Markt, eine größere Freiheit für den einzelnen, mehr Entscheidungsoptionen, eine größere Kapazität bedeutet, ohne staatliche Kontrollen produktiv sein zu können." oder Al Gores (US-Demokrat, Vize-Präsident) Rede "vom größten Geschäft auf dem wichtigsten und lukrativsten Markt des 21. Jahrhunderts" oder auch Lothar Späths Äußerungen zu Kunst, Technologie und Standortsicherung usw.

Diese vier Argumentationsfiguren einer positiven Techno-Utopie treten meist gekoppelt auf. Gerne trifft man Samples der Positionen 1+2 und der Positionen 3+4. Die Phase des Hypes hat darüber funktioniert, daß die Positionen 3+4 ständig auf die Positionen 1+2 als Innovations- und Trendmaterial zugegriffen haben. Inzwischen geht es in einem zweiten Schritt darum, daß mystifizierte Feld des "Underground Internet" zu bearbeiten und zu einem sicheren und geordneten Gehege zu machen, in dem staatliche Zensur-, industrielle Sicherheitsbegehren und der Wunsch des Konsumenten nach Übersichtlichkeit und Suchprogrammen zufrieden gestellt werden. Und selbst die glorifizierten Feinde dieses zweiten Schritts, Hacker und Cypherpunks, nehmen an der Fetischisierung des Datenverkehrs teil, die die Debatte der neuen Technologien bestimmt und ihre kulturelle Vermittlung leistet. 1996 sagte zum Beispiel ein Teilnehmer der Diskussionsveranstaltung "Medienguerilla - so what?" an der Wiener Universität, daß die politische Bedeutung der Hacker daran deutlich wird, potentiell zu wissen, wie man die Wallstreet crasht. In dieser negativen Utopie von der Unterbrechung und Umleitung der Datenströme trifft man erneut auf einen technikdeterministischen Traum, der davon träumt, daß das System zur Hardware geworden ist, in die man technisch intervenieren könne, und das Soziale zu seiner Software. Die Annahme, Herrschaft habe sich auf die Bastion einer technischen Struktur zurückgezogen und manifestiere sich nun im elektronischen Gehirn ist ein typisches "reverse phantasm", daß das Herrschaftsphantasma von künstlicher Intelligenz und von der Ersetzung des Sozialen durch technische Operationen umgekehrt widerspiegelt.

 

2. Technischer Idealismus

Die negativen oder subversiven Utopien der Kommunikationsguerilla speisen sich aus verschiedenen Quellen von den psychoakkustischen Experimenten Burroughs - "Geräuscheffekte von Krawallen können einen tatsächlichen Krawall auslösen, wenn eine Krawallsituation besteht" - bis zu den Praktiken italienischer RadiopiratInnen. In den 70er Jahren schrieb das Colletivo a/traverso: "Die Ausstrahlung der produktiven und politischen Informationen unterbrechen, die Zentren der Sammlung und Speicherung der Daten sprengen und zerstören, die Gehirne, in denen die Informationen gespeichert sind, sabotieren. Das ist die aktuelle Ebene der Guerilla, der Situation angemessen, in der der Staat als Instrument der politischen Koordination der kapitalistischen Bewegung sich im elektronischen Gehirn darstellt." Die Bewegung, die die sog. Kommunikationsguerilla vollzogen hat, war die von den Inhalten zur Struktur. Nicht nur die mediale Botschaft wurde als ideologisch zurückgewiesen, sondern auch die mediale Struktur: die Einseitigkeit der Massenkommunikation, die Dominanz sendender Masterminds, die Zerstückelung der Information in unterhaltende Spots, die weiche Vertreibung der Subjekte von der Straße in die Wohnzimmer, in ihre SoHos, ihre small offices/ small homes, das Vergessen-Machen, daß wir beteiligt und in der Welt sind. Diese Wendung, die McLuhan mit der Parole "The medium is the message" bekannt gemacht hat, wird in den letzten Jahren nur noch rein technisch affirmiert. A/traverso wußte noch, daß "die Hypothese, nach der die Struktur des Mittels eindeutig den Sinn der Kommunikation bestimmt, falsch ist, aber genauso verkehrt zu denken ist, daß sich die Inhalte der Botschaft ohne jegliche Umwälzung des Mittels ändern können. Es ist nötig aus der idealistischen Terminologie von Form und Inhalt herauszukommen; wenn das kommunizierende Subjekt verändert ist, verändern sich auch die materiellen und ideologischen Bedingungen der Kommunikation." Heute ist die Debatte um Computertechnologien größtenteils von zwei technizistischen Positionen bestimmt: dem positiven Statement "Das Internet ermöglicht einen gleichberechtigten Zugang zu Wissen und Information, ermöglicht many-to-many-communication und damit mehr Demokratie" und seinem negativen Double "Die Architektur der Chips und der PCs unter MSDOS-Herrschaft ist eine Architektur der Macht" (Kittler u.a.). Beide Thesen müssen mit einer doppelten ideologietheoretischen Frage gekontert werden: erstens mit der Frage von a/traverso nach dem Subjekt der Kommunikation und seiner Veränderung und damit mit der Frage nach dem uneingelösten Versprechen der Aufklärung, daß das mit Wissen ausgestattete Subjekt, sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien wird, und zweitens mit der Frage nach dem Status von Technologie in den spätkapitalistischen Systemen.

 

3. Aufklärung kaputt

Immer wieder taucht in der Netzdebatte das Stereotyp “Mehr Kommunikation - mehr Wissen - mehr Demokratie“ auf. Dabei ist eine der wichtigsten ideologietheoretischen Fragen, die, warum die Aufklärung gescheitert ist. Das Versprechen der Aufklärung hat von Anfang an nicht gestimmt: die Ausstattung der Subjekte mit Wissen hat sie nicht befreit. Der Automatismus des aufklärerischen Programms, Selbstbefreiung durch Wissen, hat nicht funktioniert. Wissen ist zirkulär an Machtsysteme gebunden. Wissen und Information sind selbst ein Herrschaftssystem. Und auch die massenhafte Verbreitung von Wissen und Bildung hat diese Verbindung zur Macht nicht gekappt, sondern institutionalisiert und allgegenwärtig gemacht. Die aufklärerische Hoffung auf ein autonomes, wissendes Subjekt ist ein Mythos. Er sieht davon ab, daß das Subjekt historisch, aber auch in seiner konkreten Lebenszeit lauter Verfahren durchläuft, die Bildung, Schlauheit, Belesenheit, Intelligenz, Theorie, oder wie immer man das nennen will, an verschiedenste Systeme der Macht binden: an Alphabetisierung und Schule, Stillsitzen und Sich-Disziplinieren, an institutionelle Systeme und ihre Regeln wie Wissenschaft und Universität, an kapitalistische Industrie- und Karrieresysteme, an ästhetische Distinktionssysteme, an massenmediale Amüsement- und Ablenkungssysteme, an bildungsbürgerlichen Stolz auf Wissen und an Selbstbezüglichkeiten wie "Ich bin klasse, weil ich schlau bin". Ein Großteil der Arbeiten von Foucault kreisen darum, die Konstruktion des europäischen Subjekts als eine Geschichte produktiver, wissentlicher Unterwerfung zu schreiben. Deleuze und Guattari haben in dem Kapitel "Postulate der Linguistik" in "Mille Plateaux" beschrieben, wie Sprache zirkulär an Befehl und Ordnung gebunden sind: "Eine Lehrerin, die einen Schüler abfragt, informiert sich nicht, ebensowenig informiert sie sich, wenn sie eine Grammatik- oder Rechen-Regel lehrt. Sie 'unterweist', sie gibt Anordnungen, sie kommandiert. Die Anordnungen eines Lehrers sind dem, was er uns lehrt, nicht äußerlich und werden ihm nicht hinzugefügt." Subjekt, Wissen und Macht sind miteinander verbunden, und eine emanzipatorische Aneigung von technischen Medien muß alle drei Momente verändern wollen: das Subjekt, den Status des Wissens und den der Gesellschaft. Es geht um eine theoretische und um eine praktische Antwort darauf, warum in einer Gesellschaft, die massenhaften Zugang zu Wissen und Information bietet, in der jede/r potentiell "Bescheid wissen" kann, die Legitimation spätkapitalistischer Herrschaft nicht ins Wanken gerät, sondern beides bestens ko-existiert.

 

Im noch folgenden Text soll es darum gehen, sich der zweiten Frage nach dem Status der Technik zuzuwenden, jeden Technikdeterminismus zurückzuweisen und Technik als Katalysator verschiedener Prozesse des Spätkapitalismus zu analysieren. Technik ist dabei kein neutrales Außen dieser Prozesse, sondern selber Teil der Vergesellschaftung, historisches Projekt eines Systems, das immer mehr Elemente der Produktion, der Medizin, der Dienstleistung, der Freizeit, des individuellen Services und auch seiner gesellschaftstheoretischen Selbstbeschreibung technisch vermittelt.

 

4. Unterhaltungsfuturologie: Mehr Freizeitparks

"Ein High-Definition Bildschirm mit den Umrissen eines Micky Maus-Kopfes. Ein statischer Schneesturm fegt über den Schirm. Auf dem Bildschirm erscheint das nächtliche Schloß von Dornröschen. Die Zinnen von Feuerwerk erleuchtet. Das Siegel des U.S.-Präsidenten erscheint in einem Ring strahlender, konzentrischer Kreise. Der Adler wurde durch einen Micky Maus-Kopf ersetzt." Darius James

Beginnen wir mit der technischen Vermittlung der Freizeit, weil hier eine intensive Überschneidung verschiedenster kapitalistischer Prozesse vorliegt, die wir erfrischend konkret an uns selber nachbuchstabieren können. Die Freizeit ist der Ort, an dem das Subjekt individuell angerufen wird, sich selbst zu verwirklichen. Diese Selbstverwirklichung wird immer mehr zu einem hochindividuellen, äußerst anstrengenden Prozeß der geschmackvollen und möglichst differenzierten Selbst-Reproduktion und -Vergewisserung via Konsumtion, Körpermanagement und Kulturaktivität. Die Freizeit ist also nicht mehr so sehr der Ort, an dem sich das Fabrik-Subjekt in möglichst kurzer Zeit mit standardisierten Massenangeboten für den morgigen Wiedereinstieg in den Arbeitssprozeß reproduzieren soll, sondern wird zu einem zunehmend prekären, umstrittenen Ort. Das hat mehrere Gründe:

1. werden immer mehr Menschen durch technische Rationalisierung und neoliberale Austeritätspolitik in die Dauerfreizeit Arbeitslosigkeit entlassen. 2. ist die Freizeit gleichzeitig der Ort, an dem der Kapitalismus sein Versprechen von Freiheit in verdinglichten Individualitätskonzepten von freiem Konsum einlösen will: Hier soll das Individuum sich selbst kaufen als ausgeklügeltes System von umweltverträglichem Shopping, kultureller Kompetenz und geglückter Selbstfunktion. 3. liegt in der Möglichkeit, der strikten Disziplinierung der 40-Stunden-Woche zu entgehen, ein ambivalenter Freiraum, auf dem alle sozialen Bewegungen nach dem zweiten Weltkrieg versucht haben, eine autonome Nischenpolitik zu etablieren. Und aus dieser widersprüchlichen Gemengelage heraus befindet sich der Kapitalismus 4. sowohl in dem herrschaftstechnischen als auch ökonomischen Zugzwang, seine Freizeitindustrie immer wieder zu reaktualisieren und zu intensivieren: "Es handelt sich nicht um eine bloße Frage nach der ideologischen Orientierung oder Strategie auf Seiten des Kapitalismus, sondern um einen fundamentalen, materiellen Prozeß: Da die Industriegesellschaften ausgehend von semiotischen Maschinen funktionieren, die mehr und mehr alle Realitäten, alle überkommenen Territorialitäten decodieren, da die technischen Maschinen und ökonomischen Systeme mehr und mehr deterritorialisiert sind, sind sie imstande, immer größere Wunschströme freizusetzen; oder exakter, weil ihre Produktionsweise gezwungen ist, diese Befreiung zu betreiben, kommen auch die Formen der Repression nicht umhin, sich zu molekularisieren. Eine bloße massive Repression genügt nicht mehr. Der Kapitalismus sieht sich veranlaßt, Wunschmodelle zu konstruieren und durchzusetzen. Und es ist für sein Überleben wesentlich, daß es ihm gelingt, sie von den Massen, die er ausbeutet, verinnerlichen zu lassen." (Félix Guattari, Mikro-Politik des Wunsches, Berlin 1977) Die Freizeitindustrie ist ein Komplex solcher semiotischer Maschinen, der auf zwei Ebenen funktioniert. Erstens koppelt er an Sub- und Popkulturen an und führt immer differenziertere Stile in das Spiel der metropolitanen Identitätsfindung ein. Dieser Prozeß ist kein Raubüberfall, kein Sellout des "undergrounds", sondern eher eine weiche Übernahme des Zeichenvorrats von Sub- und Popkulturen, der dann in den symbolischen Kreislauf von Style, Attitude und Unterscheidung im Format der Massenkonsumtion integriert wird. Zweitens geht es um die Konstruktion von Zeiträumen, in die die Sehnsucht der Subjekte nach "dem Leben jetzt sofort" abgelenkt werden kann. Technik spielt auf beiden Ebenen eine Rolle. Auf der Zeichen-Ebene garantiert sie den orangenen Sci-Fi-Glanz des Neuen, Hippen und Coolen. Sie verspricht Teilhabe am kulturellen Update und an der stetigen Zunahme des Services: Teleshopping, Telebanking, Multimedia at home. Englische Begriffe agieren dabei als sprachliche Signifikanten dieser “techno-atmosphere“. Auf der Ebene der Zeiträume ist die Freizeitindustrie selbst immer stärker technisch vermittelt: als mediales Angebot wie eben Teleshopping, als begehbares mediales Environment wie VR-Systeme und als mit Videokameras und Klimaanlagen technisch abgesicherte und gleichzeitig Technik ästhetisierende Konsumtionsräume wie Shopping Malls, Multiplex-Kinos, Musical Halls, Freizeit- und Themenparks. Der Zeit- und Kauftourismus der Malls wird mit den Mitteln modernster Technik kreiert und kontrolliert. Lieferzugänge und Versorgungssysteme sind unsichtbar. An den Eingängen und auf den Gängen diskretes Wachpersonal, das die Selektion in KonsumentInnen und Wärmesuchende leistet: "Hier sind urbane Realitäten wie Obdachlose, Bettler, Kriminalität, Verkehr und Wetter ausgeschlossen. Die Mall ist ein temperaturgeregeltes Refugium vor der feindlichen Außenwelt, deren Illsuion nur noch in den künstlichen Anpflanzungen vermittelt wird." (Anne Friedberg, Les Flaneurs du Mall, Bern 1991)

Im Freizeitpark wird die Widersprüchlichkeit des Versuchs, die Wünsche der Subjekte in Techno-Environments abzulenken, auf den Punkt gebracht. Als ökonomische Modernisierung entstehen Freizeitparks dort, wo die Kohle-Stahl-Produktion, die Auto- und Werftenindustrie in die Krise geraten sind. Ironischerweise konfrontieren sie eine arbeitslos werdende Bevölkerung mit forcierten Konsumangeboten, die sehr teuer sind, integrieren aber gleichzeitig einen Teil der von Arbeitslosigkeit bedrohten Leute auf postfordistischem Low Level in schlecht bezahlten, entgarantierten Dienstleistungsjobs in der Multimedia-Industrie. So wurde 1992 Euro-Disney in Marne-la-Vallée, einem ausgedienten Schwer- und Autoindustriestandort bei Paris, gebaut, in Bremen entsteht auf dem ehemaligen Werftgelände der AG Weser ein "Space Park", ein Weltraumvergnügungszentrum mit Raumfahrtsimulation und im benachbarten Bremerhaven ist ein "Ocean Park" mit Großaquarium und "maritimer Erlebniswelt" in Planung. In Bottrop hat Time Warner dieses Jahr "Warner Bros. Movie World" eröffnet, den größten Themenpark Europas. Nachdem das kollektive Unbewußte der Subjekte durch Film und Fernsehen mit Marilyn Monroes und Westernhelden, Monstern und Liebespaaren, Hackern und Kampfmaschinen bevölkert wurde, werden Filme und Teilstücke des populären optischen Unbewußten jetzt als kommerzielle Medienräume begehbar: "In Bottrop wurden Filmstraßen nachgebaut, Kulissen von Klassikern, Gotham City, Rick's Café Americain, die Bar aus 'Dirty Harry'. Überall gibt's was zu essen. Und tatsächlich ist es klasse mit dem 'Lethal Weapon'-Ride zu fahren. Auch der 'Batman'-Ride bringt's, da wird man in so einem 3-D-Kasten durchgeschüttelt, und alles wirkt sauecht. 25 'attractions' dieses Kalibers für 35 Mark Eintritt. Und tausend Arbeitsplätze für die Region, da kam sogar Ministerpräsident Rau und ließ sich von Catwoman umarmen. Daß es sich dabei um 1.000 McJobs handelt, daß Warner das Personal nach amerikanischen Gepflogenheiten einstellt, schult, bezahlt und feuert, scheint bei solchen Repräsentationsgelegenheiten unwichtig." (Sebastian Zabel, Spex 7/96)

Das erste Modell des Freizeitparks, das erste Modell von "Konsumtion als Groß-Erlebnis", hat Walt Disney 1955 in "Disneyworld", Anaheim, Kalifornien, errichtet. Der Freizeitpark als kommerzielles Großenvironment integriert eine ganze Reihe unterschiedlicher historischer Vorläufer des Amüsements, des Freizeitmanagements, der Kaufaufforderung und der kolonialen Neugierde auf fremde Attraktionen: den Rummel, den Vergnügungspark, den Pauschal- und Massentourismus, die Arkade, das Kaufhaus, das Panorama, das Kino, das Fernsehen usw. Walt Disney hat der Unterhaltungsindustrie ihren großkapitalistischen Schliff und ihre konservative Utopie gegeben. Es ging ihm darum, begehbare Welten zu schaffen, die dazu geeignet sind, "das Leiden der Gegenwart und den Tod, die wirkliche Welt, vergessen zu machen" . Disney hat sein Modell der Ablenkung und Narkotisierung in den inszenierten Scheinwelten des "Magic Kingdoms" als Heilsprojekt für die weiße amerikanische Bevölkerung formuliert, in dem die reaktionäre Utopie gleich mitgeliefert wird: Feen- und Zauberwelten, in denen immer das Gute siegt, allgemeines Familienglück, Harmonie und gesunde Hierarchie.

Das Phantasma vom Cyberspace der Freizeitindustrie als computervermittelte Konstruktion “virtueller Welten“, in der alle mit allen vernetzt werden sollen, ist die technologische Abstraktion all dieser historischen Stationen und Momente der Unterhaltung. Es ist die Futurologie dieser Entwicklung, durch die zukünftig nicht radikal neue Welten erschlossen werden, sondern Reaktualisierungen des Alten in der Software der Freizeitindustrie. Noch einmal geht es um die Befriedigung, in dem als anders und neu Annoncierten sich selbst wiederzuentdecken. Deshalb schaut der Club Med aus wie der eigene Garten plus Swimming Pool, Palmen und Animationscrew und das World Wide Web wie ein Otto-Katalog für den spätkapitalistischen Info-Citoyen. CAL (Computer aided leisure time) ist ein Zeitraum, der geöffnet wird, um die individuellen Wünsche nach einem “wirklichen Leben“ abzulenken, die der Kapitalismus in dem Maße freisetzt, wie er die alten ideologischen Konstrukte (Religion, bürgerlichen Familien- und Ordnungssinn usw.) aufhebt. Seitdem Konservatismus und Neoliberalismus in den 80er und 90er Jahren stärker werden, laufen zwei ideologische Bewegungen gleichzeitig ab: die repressive Disziplinierung der Subjekte mit law-and-order-Formeln und die produktive Aufforderung an die Subjekte, sich über Warenkonsumtion und Freizeiterlebnisse individuell auszuagieren. Im Walt-Disney-Modell der 50er Jahre waren beide Bewegungen miteinander verbunden. Diese Vermittlung ist fast ganz verschwunden. Selbst das Walt-Disney-Unternehmen beginnt mit Produktionen wie “Pretty Woman“ das traditionell konservative Feld der Unterhaltung zu verlassen.

 

5. Technoscience

“Klick, klick ist das Vokabular der Nervensprache.“
(Heinz von Foerster)

Das World Wide Web, VR-Spiele in Themenparks und Kunstausstellungen, Video-on-demand im Wohnzimmer usw. sind die Oberfläche eines viel größeren wissenschaftlich-technischen Projekts. Sie sind der populistische Sektor, in dem die neuen Technologien seit den 90er Jahren massenhaft zur Individualkonsumtion bereit gestellt werden. Dahinter erstreckt sich das riesige Feld einer gesellschaftlichen Transformation, in der die systematisierte Produktion von Wissen die kapitalistischen Praktiken rationalisiert und verändert: Naturwissenschaften, Gesellschaftstheorie und die ökonomischen Umstrukturierungen des Postfordismus bilden dabei eine gemeinsame Schnittmenge. Das Interessante an dieser intensiven Verbindung von technologischen, wissenschaftlichen und ökonomischen Praktiken ist, daß sie Reststücke von fortschrittlichem Wissen wie “Es gibt keine universale Wahrheit“ oder “Hierarchische Systeme sind dumm“ innerhalb des Kapitalismus fruchtbar macht, daß sie Differenz, Widersprüchlichkeit und Komplexität nicht unterdrückt, sondern sie bis zu einem gewissen Grad flexibel zu integrieren versucht. Donna Haraway hat in ihrem Aufsatz “Die Biopolitik postmoderner Körper“ beschrieben, wie sich z.B. der naturwissenschaftliche Diskurs der Immunologie verändert hat, und heute das Modell des biologischen und medizinischen Körpers nicht “als hierarchisch und arbeitsteilig organisiertes System symbolisiert und bearbeitet wird, sondern als kodierter Text und kommunikationstechnisches System mit einem fließenden und verteilten steuer- und regeltechnischen Netzwerk“. Haraway zeigt, wie die naturwissenschaftliche Beschreibung von zum Beispiel von körperlichen Abläufen eine Entwicklung sowohl mitvorantreibt als auch kopiert: die Entwicklung nämlich, Prozesse in Begriffen von System und Information zu fassen. Haraway sieht in dieser Entwicklung eine Chance. Sie spekuliert auf so etwas, wie die Selbst-Subversion des Diskurses, die man sichtbar machen müsse und emanzipatorisch nutzen könne. Das heißt, Teile fortgeschrittener Naturwissenschaft haben sich inzwischen vom traditionellen Diskurs “abendländischer Philosophie“ entfernt und unterlaufen die Konzeption eines autonomen Subjekts oder das Denken in determinierten Gegensätzen wie das Eigene/ das Fremde, Natur/ Kultur usw. Ich werde am Schluß noch einmal auf diese Spekulation, die meines Erachtens nicht funktioniert, zurückkommen. Jetzt geht es mir aber erst einmal darum, Haraways Beschreibung der naturwissenschaftlichen Entwicklung aufzugreifen und davon auszugehen, daß bestimmte Argumentationsfiguren in vielen Diskursen gleichzeitig auftauchen: das Denken in Systemen, in strategischen Differenzen, in Netzwerk-Theorien. Zentrale Figur ist dabei die Selbstorganisation der Systeme, die durch nicht-hierarchische Kommunikation und Kontrolle gesteuert sind. Das ist der Punkt, an dem Naturwissenschaften, Gesellschaftstheorie (vor allem in den systemtheoretischen und radikal konstruktivistischen Diskursen) und politische Ökonomie teilweise übereinstimmen. Hier liegt der Schnittpunkt einer spätkapitalistischen “Technoscience“, in der Theoreme der Linguistik, der Informationstheorie, der Genetik und der Kybernetik quer durch die Bereiche Naturwissenschaft, Gesellschaftswissenschaft und Ökonomie ausgetauscht werden. Dieser Austausch funktioniert sowohl hart - in der Forschung und ihrer Anwendung -, als auch weich - in einer ausufernden modischen Metaphernpolitik, in der permanent von Codes und selbstgesteuerten Systemen und Maschinen geredet wird: die Zelle als Lesemaschine des DNA-Codes, das Gehirn als Interpretationsmaschine von Nervenimpulsen, der Markt als selbstorganisiertes System der Kapitalströme, das Internet als kollektives Gehirn usw., klick, klick.

 

6. Beispiel: Das Wissen von Toyota, das Unternehmen als Netzwerk

Der japanische Autohersteller “Toyota“ hat der Kombination von CAM und neuen Managementmethoden seinen Namen geliehen: “Toyotismus“. Das fordistische Akkumulationsmodell, das auf Massenproduktion und Massenkonsumtion setzte, hat in den 70er Jahren seine relative Grenze erreicht. Seitdem werden die Arbeitsabläufe, die Taylor und Ford chronologisch im Raum angeordnet und monoton, in viele Schritte zerlegt, an einem Massenprodukt ausgerichtet haben, an wenigen Arbeitsstationen wieder zusammengefaßt. An diesen Arbeitsstationen werden Roboter und vielseitig ausgebildete Teams eingesetzt und mit einem fahrerlosen Transportsystem verbunden. Die Lagerhaltung wird so weit wie möglich reduziert. Die Zulieferindustrie produziert flexibel im Takt der Auftragslage: just-in-time. Die Unternehmen versuchen, möglichst viele nicht direkt zur Produktion zählende Arbeiten an Sub-Unternehmen abzugeben: Werkschutz, Kantine, Putzkolonne, Lohnabrechnung usw. Anfang der 70er Jahre gab es in der Automobilindustrie massive, zum Teil auch wilde und militante Streiks. Die postfordistische Reorganisierung der Unternehmen hat in diesen Arbeitskampf mit Massenentlassungen interveniert. Zurückgeblieben sind flexibilisierte Mindestbelegschaften, eine große Menge entgarantierter Niedriglohn-ArbeiterInnen, Arbeitslose und Freelancer. Die Informations- und Computertechnologien haben diese Reorganisierungen katalysiert. Dabei geht es um die Synergie mehrerer Prozesse: Die Lohnkosten, die zum Beispiel in der Automobilindustrie 10-15 % der Gesamtkosten ausmachen, werden minimiert und der Faktor Arbeitskraft soweit wie möglich durch die neuen Informationstechnologien ersetzt. So kündigte Mazda 1993 den Bau einer neuen Fabrik an, in der die Endmontage zu 30% automatisiert ist. Das Unternehmen hofft, den Automatisierungsgrad bis 2000 auf 50% zu steigern. Die verbleibenden Mindestbelegschaften in den großen Unternehmen werden auf höherem Niveau integriert, motiviert und kontrolliert: Team- und Gruppenarbeit, Teilnahme an Qualitätszirkeln, Zusammenlegung von Forschung, Planung und Produktion (sog. simultane Entwicklung) und gleichzeitig Zugriff aller ArbeiterInnen und Angestellten, die an Fertigung, Design, Vertrieb, Marketing oder Verkauf eines Produkts beteiligt sind, auf das “integrierte Produktdatenmodell“, kurz: eine höherwertige Abschöpfung der Arbeitskraft durch Identifikation mit dem Unternehmen, durch intensivierte Übernahme von Verantwortung, durch Konkurrenzdruck in und zwischen den Teams und durch den permanenten Versuch, die Produktion zu optimieren. Die neuen Managementmethoden formulieren die Probleme dieser “schlanken Unternehmen“ in den Begriffen von Geschwindigkeit, Flexibilität, Systemsteuerung, Kommunikation und Kontrolle. Die dazu gehörige Organisationstheorie denkt und konzipiert die transnationalen Unternehmen als globale Netzwerke, die dem Prinzip nach eine von individuellen Kundenwünschen gesteuerte Produktion und simultane Distribution zum Zeitpunkt der Nachfrage ermöglichen sollen. Wir können also beobachten, wie der wissenschaftliche Code, analytisch von selbstorganisierten Systemen und Netzwerken auszugehen, auf die Managementtheorie durchschlägt. Für die so konzipierte technisch-organisatorische Optimierung postfordistischer Unternehmen arbeiten die japanischen Firmen Hitachi und Toshiba gemeinsam mit ForscherInnen der University of California in Berkeley und des Stuttgarter Frauenhofer Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung an einem sog. “intelligenten Fertigungssystem“ für die Fabrik 2000. Damit soll die “mass-customization“ unterstützt werden, die Herstellung von hunderten von Produktvarianten auf einer Produktionslinie. Ziel ist es, immer mehr Fragen eines flexibilisierten und wieder komplexer werdenden Arbeitsablaufs mathemathisch zu formalisieren und rechnergestützt ablaufen zu lassen. Organisatorisch geht es darum, Unternehmensnetzwerke zu schaffen, die auf temporären, projektabhängigen, standortübergreifenden Beziehungen zwischen ganz oder weitgehend selbständigen Einheiten basieren. Die Bildung von Unternehmensnetzwerken ist die Folge mehrerer Prozesse: 1. “Global Outsourcing“: von der Kantine bis zur Steuerberechnung werden wie schon erwähnt Dienstleistungen an Subunternehmer und unternehmensorientierte Dienstleister abgegeben; 2. Kooperationen bei kapitalintensiven Technologien: in der Halbleiter-, Telekommunikations-, Luftfahrt-, Computer- und Biotechnologieindustrie entstehen strategische Allianzen zwischen verschiedenen Unternehmen, die zugleich Wettbewerber sind: IBM entwickelt z.B. zusammen mit Siemens und Toshiba Speicherchips, der Power-PC wird zusammen mit Motorola und Apple entwickelt; 3. internationale Verwertung von Standortvorteilen bei gleichzeitiger Freisetzung und Entgarantierung der ArbeiterInnen: Paradebeispiel ist die kalifornische Spielwarenfirma Lewis Galoob Toys, Inc. Galoob kauft die Produktionsideen bei freiberuflichen ErfinderInnen ein, beauftragt für die Entwicklung selbständige Ingenieursbüros, produziert bei einem Subunternehmen in Hongkong, das mit chinesischen Zulieferern kooperiert, und vertreibt die fertigen Spielzeuge über freiberufliche VertragsrepräsentantInnen, Verwaltungsfunktionen wie Factoring und Buchhaltung sind an externe Dienstleister ausgelagert.

Die postfordistische Konstruktion von Unternehmensnetzwerken schließt theoretisch an den Diskurs der Selbstorganisation von Systemen an, der seit den 40er Jahren in unterschiedlichen naturwissenschaftlichen Feldern verfolgt worden ist und sich seit den 80er Jahren auf gesellschaftswissenschaftlichen und kulturellen Feldern ausweitet. Eine ökonomische Klartext-Variante dieser Theorien beschreibt Dirk Baecker mit der “Kleeblatt-Organisation“ des “postheroischen Managements“: “...der entscheidende Dreh besteht darin, föderale und intelligente Organisationsstrukturen an die Stelle horizontaler und vertikaler Integration zu setzen. (..) Die Kleeblattorganisation ist eine Komposition dreier verschiedener Arbeitskräfte:
- im Kern der Organisation arbeiten einige wenige hochbezahlte Profis, deren Zahl zu klein ist, um eine Bürokratie entstehen zu lassen,
- der größte Teil der Arbeit wird von selbständigen Subunternehmern erledigt, die ihre eigenen Herren sind, nicht für ihre Zeit, sondern für ihre Ergebnisse bezahlt werden und dank Telefon, Fax, Modem und PC zuhause arbeiten können,
- drittens gibt es eine flexible Arbeitskraft, die zu Spitzenzeiten der Nachfrage eingestellt wird oder den Betrieb auch nachts und an Wochenenden aufrechterhält und aus Leuten besteht, die gutbezahlte Jobs und nicht Karrieren suchen.

(..) Man kann sich ein Netzwerk solcher Kleeblattorganisationen vorstellen, deren Verhältnis (..) darauf beruht, daß sie wissen, was sie voneinander brauchen. Es wäre eine Welt der Nischen, die sowohl von Unternehmen wie von Individuen besetzt werden können und mehr Auswahlmöglichkeiten für beide zuläßt.“ Hier findet sich die zynische Umformulierung eines wieder erstarkenden Neoliberalismus und abstrakteren Kapitalismus, der versucht alle Verhältnisse über den Markt zu regulieren, in die kalten, technokratischen Begriffe der Wahlfreiheit und Systemoptimierung: “Die Zeiten stabiler Märkte und stabiler Unternehmensstrukturen sind vorbei. Heute kann man es sich nicht mehr leisten, nicht zu verstehen, wie Innovationen zustande kommen. Heute kann man es sich nicht mehr leisten, die Rolle von Zufällen und die komplexen Voraussetzungen ihrer Ausbeutbarkeit zu unterschätzen. Heute kommt es darauf an zu verstehen, daß die Unternehmen und mit ihnen alle Beteiligten vom Manager bis zum Arbeiter selbst das Ergebnis sind, das es zu kontrollieren gilt. Es ist wie bei dem von Ranulph Glanville angeführten kybernetischen Paradebeispiel des Thermostats, in dem auch unentscheidbar ist, ob der Thermostat über die Heizung die Raumtemperatur kontrolliert oder ob die Raumtemperatur durch ihr Steigen und Fallen den Thermostaten und also auch sich selbst kontrolliert. (...) Kontrollieren heißt Kommunizieren, und Kommunizieren heißt, die Kontrolle aus der Hand geben. Anders geht es nicht.“ Baecker schreibt hier die Manager-Ex-und-Hop-Version der Selbstorganisationstheorie, einen essayistischen Schnellaufguß ihrer zentralen Begriffe: Beobachtung, Selbstreferentialität, Selbstregulation, dynamisches Gleichgewicht, Kommunikation und Kontrolle. Diese kybernetischen Kapitalismus-Aphorismen illustrieren, wie ein bestimmter naturwissenschaftlicher Diskurs im ökonomischen Diskurs gespiegelt wird. Natürlich läuft die neoliberale Umstrukturierung von Unternehmen nicht reibungslos ab, sondern ist ein total krisenhafter Prozeß. Die theoretische Beschreibung dieses Prozesses in systemtheoretischen Begriffen und effizienten Steuerungslogiken ist nur eine Rhetorik, die auftaucht. Sie ist technokratisch und scheinbar entideologisiert, weil Effizienz sich selbst begründet. Sie tritt als quasi-natürlicher Sachzwang und Notwendigkeit auf. Begleitet wird diese Rhetorik von einer Re-Ideologisierung des Kapitalismus: “Jetzt müssen alle den Gürtel enger schnallen. Die fetten Jahre sind vorbei.“ usw. Für die Netzdiskussion sind die Theoreme der Selbstorganisation deshalb so wichtig, weil sie Fusionen zwischen Wissensproduktion und Macht anzeigen, die in der Internetdebatte nicht nur ausgeblendet, sondern ästhetisiert werden. Auf das bekannteste Beispiel für diese Ästhetisierungsfeldzüge von biologischen und kybernetischen Begriffen, die “ars electronica“, werde ich noch zu sprechen kommen.

 

7. Biomacht

Die Blaupause von Dirk Baeckers Fünf-Minuten-Terrine des kybernetischen Konstruktivismus für Manager liegt in einer Kette von Analogieschlüssen zwischen verschiedenen naturwissenschaftlichen Feldern und Fragestellungen: zwischen Kybernetik (Wiener, Ashby), Informationstheorie (Shannon), Automatentheorie (Turing, von Neumann), Systemtheorie (von Bertalanffy, Luhmann), zwischen Problemen der irreversiblen Thermodynamik (Prigogine), der molekularen Selbstorganisation (Eigen), der Quantenfeld- und Lasertheorie (Haken) und der dynamischen Stabilität von Ökosystemen und evolutionären Anpassungsprozessen (Holling). In diesen heterogenen Bereichen hat sich ein systemisches Denken der Selbstorganisation von Prozessen entwickelt. 1960 veröffentlichte Heinz von Foerster eine Arbeit mit dem Titel “On Self-Organizing Systems and their Environment“, in der er das Prinzip “Order from Noise“ einführte, was gerne als Geburtsstunde der “Selbstorganisation“ betrachtet wird, ausgehend vom Problem der Entstehung von Ordnung aus Unordnung. Foerster brachte am “Biological Computer Laboratory“ (University of Urbana, Illinois) eine interdisziplinäre Forschungsgruppe aus den Bereichen Physik, Systemtheorie, Philosophie, Kybernetik und Biologie zusammen. Das Systemdenken der Selbstorganisation zieht zwei komplementäre Register der Analyse: 1. die Offenheit der Systeme für Materie- und Energiefluß aus der Umwelt und 2. die operationale Geschlossenheit dieser Systeme: “Die energetische Offenheit der Systeme verhindert, daß diese den Zustand des thermodynamischen Gleichgewichts erreichen. Im Falle offener Systeme existieren dynamische Gleichgewichte (sogenannte stationäre Zustände), die die globalen Ordnungszustände des Systems definieren. Werden sie instabil, geht das System im allgemeinen von einem Ordnungszustand in einen anderen über. Instabilitäten sind demnach der Motor der Systemveränderung. Die operationale Geschlossenheit beschreibt das Organisationsprinzip, nach dem autonome Systeme mit ihrer Umwelt interagieren. Im Gegensatz zur klassischen Beschreibung spielen in der neuen Systemtheorie rekursive Funktionen eine entscheidende Rolle: die Reaktion wird zum neuen Reiz - die Wirkung zur Ursache. Zum einen führen rekursive Operationen unabhängig vom Anfangspunkt zu Eigenwerten, zum anderen ist es nicht mehr Information aus der Umwelt, die im System eine Reaktion hervorruft, sondern es sind beliebige Störungen, die zu einem Eigenverhalten des Systems führen - das System steuert sein Verhalten.“ Seit Mitte der 70er Jahre breitet sich dieses abstrakte Modell der Selbstorganisation von Systemen, das sich am Rand der Wissenschaften entwickelt hat, als fortgeschrittenes Denkmodell aus. Dissipation, Nichtlinearität, Instabilität usw. sind nicht länger Störgrößen, sondern wesentliche Systemgrößen wissenschaftlichen Denkens. Gleichzeitig werden diese Theoreme in Teilen der Gesellschaftswissenschaften aufgenommen: Chaosforschung, Systemtheorie, Kybernetik führen auch in Teilen der Sozialwissenschaften zu einer sich verändernden Begriffsklaviatur. Es entsteht ein Hyperformalismus in der Theorie, die ihren Blickwinkel auf die Struktur von Systemen richtet, auf die Regelwerke, die Steuerung, die Evolution und strategische Operationalität dieser Systeme. Es entsteht ein Cluster von analogen Beschreibungen: Zunehmend werden ökonomische Prozesse (Aktienmärkte, transnationale Konzerne, Weltmarkt), urbane Prozesse (Straßenverkehr, Stadtsysteme), körperliche Prozesse (Immunsystem, Genom, Gehirn, die Entstehung und Dynamik von Krankheiten wie Krebs) genauso wie das Sozialverhalten von Insekten oder das Wetter als sich flexibel und dynamisch selbstorgansierende Systeme beschrieben. Diese Verschiebung ist ideologisch, weil sie nicht nach der geschichtlichen Konstruktion von Systemen fragt, um sie emanzipatorisch zu verändern, sondern weil sie die geschichtliche Konstruktion beobachtet, um ihre Funktionslogik und Effizienz aufzuschreiben, als ein Reservoir von dynamischen Regeln, das sich wieder mit dem anderer Systeme abgleichen läßt. Diese technoide Ideologie tritt in namenloser Gestalt auf. Sie ist nicht wertkonservativ, sondern operativ. Sie unterstützt die herrschende Nachfrage nach Systemsteuerung. Noch heute ist an Texten von Baudrillard interessant, daß sie das Ideologische an der Kybernetisierung der Theorie offenlegen: “Was in der Biochemie hypostasiert wird, ist das Ideal einer sozialen Ordnung, die von einer Art genetischem Code, einem makromolekularen Kalkül beherrscht wird, einem P.P.B.S. (Planning Programming Budgeting System), das mit seinen operationalen Schaltungen den Körper der Gesellschaft durchstrahlt. Die Techokybernetik findet hier, wie Monod sagt, ihre ‘Naturphilosophie’. Die Faszination des Biologischen, des Biochemischen hat es seit den Anfängen der Naturwissenschaft gegeben. (..) Praktisch und historisch bedeutet das, daß an die Stelle gesellschaftlicher Kontrolle durch einen ‘Zweck’ eine neue Form gesellschaftlicher Kontrolle durch Vorausplanung, Simulation, programmatische Antizipation, durch unbegrenzte, aber durch den Code gesteuerte Mutation gesetzt wird.“ Robert Shapiro, ein amerikanischer Forscher, der am Genom-Projekt beteiligt ist, - an jenem mit Mythen und technischen Versprechen übercodierten “Manhattan-Projekt der Biologie“, das in den kommenden zwanzig Jahren das menschliche Genom entschlüsseln will -, buchstabiert exemplarisch vor, wie der Austausch zwischen Biologie, Kybernetik und Gesellschaftstheorie abstrakte Herrschaftstechniken unterstützt. Mit seinem Buch “Der Bauplan des Menschen. Die Genforschung enträtselt den Code des Lebens“ schreibt er einen Paradetext, wie gesellschaftliche Emanzipation durch pragmatische technische Steuerung ersetzt und Herrschaftstechniken in scheinbar neutrale Prozesse der Systemoptimierung und Effizienzkontrolle umgeschrieben werden. Als ersten Grund für die Notwendigkeit einer globalen DNA-Datenbank, in der die gesamte “DNA-Information“ der “menschlichen Population“ aufgezeichnet wird, nennt er die “umweltbedingte Mutagen-Bedrohung“. Shapiro meint damit, daß der nun schon jahrzehntelange Einsatz von Pestiziden, die Freisetzung von Chemikalien, die Massenkonsumtion von Medikamenten und Lebensmittelzusatzstoffen zu einer DNA-Mutation führen könnte, zu einer “genetischen Katastrophe, die jahrhundertelang unbemerkt bliebe“. So soll Genetik als integriertes kapitalistisches Wissen die Schädigung des “Bevölkerungskörpers“ auf einer erweiterten technischen Ebene überwachen und eventuell korrigieren. Die Ausbeutung konkreter menschlicher Arbeit, die systematische Verwertung eines subjektiven Lebens im Interesse kapitalistischer Profitlogik wird ausgeblendet, verfolgt wird allein das abstrakte Ziel neokapitalistischer Biomacht: menschliche und natürliche Ressourcen erhalten und kontrollieren. Ideologietheoretisch wichtig ist, daß dieser Diskurs der Biomacht in den reichen kapitalistischen Staaten auch in der individualisierten Rhetorik subjektiver Gesundheit auftaucht, in der individuellen Anrufung: Auch du kannst potentiell davon profitieren, daß es genetische Krebsforschung, gentechnisch hergestelltes Insulin, gentechnisch hergestellte Wachstumshormone, künstliche Befruchtung, pränatale Diagnostik usw. gibt. Während vor allem Frauen im Trikont entindividualisierter Gegenstand von Bevölkerungspolitik und Reproduktionskontrolle sind, werden hier Frauen und Männer als KundInnen und PatientInnen kapitalintensiver Gen- und Reproduktionstechnologien angesprochen, wobei unübersehbar ist, daß auch in den Metropolen mit der Kapitalisierung der Medizin die Selektion, in die, die medizinische Therapien bezahlen und die, die das nicht können, eingeführt wird.

 

8. Angreifen

“Zellapparate und Elektronenrechner besitzen beide virusfreundliche Eigenschaften im Überfluß. Wie hält das menschliche Gehirn da mit? Als getreuer Kopierer ist es zweifellos weniger vollkommen als Zellen oder Computer. Dennoch ist es immer noch ziemlich gut, in etwa so exakt wie ein RNA-Virus, aber nicht so gut wie die DNA mit all ihren ausgetüftelten Korrekturmaßnahmen gegen Textverstümmelungen.“ (Richard Dawkins)


Zum Schluß möchte ich noch einmal auf Donna Haraway zurückkommen, die in der Entwicklung einer “postmodernen Biologie“ eine Chance für emanzipatorische Prozesse sieht: “In den frühen 70er Jahren schlug der Immunologe und Nobelpreisträger Niels Jerne eine Theorie der Selbstregulation des Immunssystems vor, die als Netzwerk-Theorie bekannt wurde. (..) die Grundkonzeption ist einfach: Da die internen Prozesse der Erkennung und Antwort ohne Unterlaß durch eine Serie interner Spiegelungen von Bindungsstellen auf Immunglobulinmolekülen miteinander verkettet wären, befände sich das Immunsystem ständig in einem Zustand dynamischer innerer Antwort. Es wäre niemals passiv und würde nie in Ruhe einen aktivierenden Stimulus aus einer feindlichen Außenwelt abwarten. In gewisser Hinsicht gäbe es gar keine äußeren Antigenstrukturen und keinen Eindringling, den das Immunsystem nicht bereits gesehen und intern gespiegelt hätte. Das Selbst und das Andere verlieren die Qualität eines rationalistischen Gegensatzes und werden zu einem subtilen Spiel von partiell gespiegelten Lesweisen und Antworten. (..) Gibt es eine Möglichkeit den von Jerne u.a. vorgeschlagenen Diskurs in einen oppositionellen, alternativen, emanzipatorischen Ansatz umzuformen....?“ Donna Haraway schreibt zwar selber, daß die “problematische Vielfalt postmoderner Selbstkonstruktion, in den klumpigen Diskursen der Immunologie auf mächtige Weise zugleich erscheint und unterdrückt wird“, spekuliert aber gleichzeitig darauf, daß in den fortgeschrittenen Naturwissenschaften ein positives Denken der Differenz, der Kontingenz, der Dekonstruktion von Subjektivität usw. angelegt ist, das ein sozialistischer Feminismus entwenden könnte. Obwohl Haraway exakt erklärt, wie die wissenschaftlichen Diskurse in die kapitalistischen Praktiken integriert sind, setzt sie auf die Deterritorialisierungsbewegung des Wissens. Ich denke, daß sie die Bedeutung des Symbolischen und des Diskurses überschätzt, und daß es unmöglich ist, direkt an die impliziten emanzipatorischen Potentiale von Theorien heranzukommen und sie gegen ihre Funktionalität im herrschenden Sinne zu wenden, weil Wissen wie oben erwähnt und auch von Haraway selbst beschrieben, auf vielfältigste Weise mit Macht koexistiert. Ohne Schulterschluß mit einer politischen Praxis, wird die Theorie immer ihre Reterritorialisierung finden, sei es in der akademischen Karriere, sei es im popkulturellen Weichspüler von Wissen oder in der harten Anwendung von Wissen in industriellen Praktiken. Haraways ironischer Mythos einer Cyborg ist ganz entgegen ihrer Absicht dazu benutzt worden, Computertechnologien pauschal und assoziativ zu affirmieren. In jedem zweiten Artikel über Kommunikationstechnologien taucht der Begriff Cyborg als schicke, aber inhaltsleere Anspielung auf Mensch-Maschinen-Kopplungen auf. Der antikapitalistische und feministische Gehalt von Haraways Figur ist dabei verschwunden. Die “ars electronica“ ist zum bekanntesten Ort dieser Affirmationen geworden. 1996 hat sie noch einmal in Szene gesetzt, wie der kulturelle Diskurs über die neuen Technologien die Logik der Technoscience nachbuchstabiert und die Fusion von Technologie, Gesellschaftstheorie, Naturwissenschaft und Ökonomie ästhetisiert. Motto der 96er “ars electronica“ war “Memesis. Die Zukunft der Evolution“ . Die Diskussion kreiste um den biologistischen Begriff “Mem“ von Richard Dawkins, der behauptet, daß analog zu der “biologischen Informationseinheit Gen“ eine “kulturelle Informationseinheit Mem“ existiert, die sich durch Kommunikation repliziert und fortschreibt. So wurde ein weiteres Mal ein selbst-organisiertes System konstruiert - diesmal die Geschichte der Menschheit als evolutionäre Replikation und Mutation von “Memen“. Eine fortschrittliche Netzdiskussion muß diesen Diskurs der neuen Technologien angreifen. Sie muß versuchen, dagegen eine Kritik kapitalistischer Vergesellschaftung zu setzen, die die technische Unterstützung von Herrschaft analysiert.

 

Pierre Lévy argumentiert allerdings so reformistisch und affirmativ, daß sein ganzes Loblied auf die emanzipatorische Cyberkultur selbsttätig implodiert. Zuerst attestiert er ihr die Lösung einiger “großer Probleme“ totalitärer Vergesellschaftung (Konstruktion von Universalität ohne Totalität, Dekonstruktion der Schriftsprache, Zulassung von Differenz und Vielheit in einem Diskurs), um ihr einige Seiten später die dynamische Koalition mit dem Spätkapitalismus vorzuschlagen: "Nach dem Verschwinden des Totalitarismus im Osten konnten einige Intellektuelle sagen: 'Wir haben für die Demokratie gekämpft, und jetzt haben wir den Kapitalismus erhalten.' Die Aktivisten der Cyberkultur könnten ihrerseits diesen Satz aufgreifen. Aber glücklicherweise ist der Kapitalismus nicht gänzlich inkompatibel mit der Demokratie und die kollektive Intelligenz nicht mit dem weltweiten Supermarkt. Wir sind nicht genötigt, uns für das eine statt des anderen zu entscheiden: Das ist die Dialektik der Utopie und des Geschäfts, das Widerspiel der Industrie und des Begehrens." (aus: Pierre Lévy: Cyberculture, in: Telepolis, Mannheim, 1996) Es ist selten, daß man in nur fünf Sätzen ein Kondensat der affirmativen Mystifikationen des Internets vorfindet.

Besonders lustig, weil unglaublich cyber-pathetisch und deshalb für seinen ganzen Diskurs aufschlußreich, ist John Perry Barlows „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“, Barlows Reaktion auf den „Telecommunication Reform Act“ der us-amerikanischen Regierung, nachzulesen in telepolis, Mannheim 1996

vgl. ihnen nahestehende Publikationen: Retrofuturism, P.0. Box 227, Iowa City IA 52244 oder Open Media, P.0. Box 2726, Westfield, NJ 07091 USA.

alle Zitate aus. "Kursbuch Internet, Anschlüsse an Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Kultur", Mannheim 1996 - Faust aufs Auge dessen, was man als Allround-Handbuch für alle, die multimedial Bescheid wissen wollen, bezeichnen würde - "Im Markt der Einsen und Nullen sollte man zu den Einsen gehören." (S. 236)

nachzulesen im oben genannten "Kursbuch Internet"

in: Der Rotarier, Heft Baden Württemberg, 3/ 1988

vgl. William Burroughs, "Die elektronische Revolution", Göttingen 1972

in: Colletivo a/traverso, "Alice ist der Teufel, Praxis einer subversiven kommunikation, Radio Alice", Berlin 1977

in: Feminismus und Medien, Bern 1991

vgl. den gut argumentierenden Artikel in der Spex 7/96 "Funktion Freizeit" von Klaus Ronneberger mit dem Fallbeispiel "Warner Bros. Movie Park" von Sebastian Zabel. Als Materialsammlung ganz interessant anzuschauen, ist auch Brinkemper/ Dadelsen/ Seng "World Media Park, Globale Kulturvermarktung heute", Berlin 1994.

vgl. Paul Virilio über Walt Disney in seinem Text "Der Film leitet ein neues Zeitalter der Menschheit ein", in: "aisthesis, Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik", Leipzig 1990

vgl. Darius James' Roman "Negrophobia"

in: Donna Haraway, „Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen“, Frankfurt 1995

Computer Aided Manufacturing

vgl. Jeremy Rifkin, „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“, Frankfurt 1996

vgl. für das Galloob-Beispiel und für das allgemeine Reengineering in Unternehmen: Elmar Altvater/ Birgit Mahnkopf, „Grenzen der Globalisierung“, Münster 1996

Dirk Baecker, „Postheroisches Management“, Berlin 1994

für die genauere Beschreibung dieser unterschiedlichen Entwicklungsstränge der Selbstorganisationstheorie vgl. Krohn, Küppers, Paslack, „Selbstorganisation - Zur Genese und Entwicklung einer wissenschaftlichen Revolution“, in: Siegfried J. Schmidt, „Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus“, Frankfurt 1987

Krohn, Küppers, Paslack, „Selbstorganisation - Zur Genese und Entwicklung einer wissenschaftlichen Revolution“

Jean Baudrillard, „Der symbolische Tausch und der Tod“, München 1982

Donna Haraway, a.a.O.