*texte*
   
         

Nikeworld

Image plus Ausbeitung, von Katja Diefenbach
 
   

 

In den 60er Jahren arbeitet Phil Knight, Gründer und Chef von Blue Ribbon Shoes, später umbenannt in Nike, Inc., als Lehrbeauftragter für Betriebswirtschaftslehre an der Portland State University. 1971 entwirft eine seiner Studentinnen, Caroline Davidson, den „Swoosh“. Sie bekommt 35 $; Phil Knight ein Logo, das zur Ikone für Hipness wird. Die Kehrseite dieses Logos heisst „lean production“ und Ausbeutung südostasiatischer Arbeiterinnen.

Den Nike-Kosmos - eine Mischung aus Sport- und Warenfetischismus - verlassen, heisst, die Gleichzeitigkeit der Unterschiede im Kapitalismus betreten: auf der einen Seite der „Nike World Campus“ in Beaverton/ Oregon, Konzernzentrale und Firmenstadt, eine 296.000 Quadratmeter grosse Park-, Sport- und Büroanlage für „junge Kreative“, mit flexibilisierten Arbeitszeiten, hohen Gehältern und einer zum Kult-Ort aufgewerteten Arbeitsstelle; auf der anderen Seite die Fabrikanlagen in südostasiatischen Staaten, in denen auf getrennten Produktionsstrassen aber oft noch in derselben Halle Nike-, Reebok- und adidas-Schuhe im brutalen Takt des peripheren Taylorismus hergestellt werden: 12-Stunden-Arbeitstage, erzwungene Überstunden, Niedrigllöhne und zum Teil paramilitärische Betriebsführungen.

Nike präsentiert sich selbst als neokapitalistischer Mythos und erzählt immer neue Versionen seiner Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Gründungsgeschichte. Diese Geschichte kreist um das ideologische Versprechen: „Jeder kann’s schaffen“, also „just do it“: Zwei junge Sportler, Phil Knight, Mittelstreckenläufer, und Bill Bowerman, Leichathletik-Trainer, lernen sich 1957 an der Universität kennen. Ihre freie Zeit widmen sie der Frage, wie bessere Sohlen LäuferInnen schneller machen können. Die ersten Schuhe werden im Keller von Phil Knights Eltern und aus dem Kofferraum seines Plymouth Valiant verkauft. Soweit der Tellerwäscher-Teil des Märchens. Der Millionär-Teil beginnt damit, dass Wirtschaftswissenschaftler Knight 1962 eine Forschungsarbeit darüber schreibt, wie mit der Auslagerung der Produktion nach Japan, die adidas-Hegemonie über den US-Sportschuhmarkt beendet werden kann. Noch im selben Jahr fährt Knight nach Japan und beginnt eine Zusammenarbeit mit dem japanischen Schuhhersteller Onitsuka Tiger. Nike/ Blue Ribbon Shoes demonstriert so schon Anfang der 60er Jahre, wie eine postfordistisch erneuerte Arbeitsteilung aussehen kann: Zum Konzern selber gehören nur die planerischen und kommunikativen Bereiche wie Entwurf, Design, Marketing, Vertrieb. Die Produktion wird an Vertragspartner abgegeben und zwar in Ländern, in denen die jeweils besten Ausbeutungsbedingungen herrschen. Planung und Konzeption werden damit weiter aufgewertet; Fertigung abgewertet, ausgelagert und subproletarisiert. Dabei avanciert ein kleiner Teil der Arbeitskräfte zu einer Art „Dienstleistungsaristokratie“. Um diesen Teil verbreitet Nike den elitären Mythos einer subkulturellen corporate posse:

„Keiner der ‘jungen Soldaten’ bei Nike, die mit einem kurzen Nicken oder Lächeln am Chef vorbeigingen, trug Schlips und Anzug wie der Boss, und einige der Männer hatten für Firmenkonventionen lange Haare. Die Welt außerhalb des World Campus nennen Nike-Angestellte ‘die Biosphäre’ oder auch ‘die reale Welt’. Außerhalb des ‘Schutzwalls’ - so heisst der kurz gemähte Gras-Wall im Firmenjargon, auf dem man zu jeder Tageszeit Läufer entlang joggen sehen kann, - liegt Amerika. Innerhalb des Walls liegt Nikeworld, in der niemand rauchen darf, in der die Firma den Angestellten eine Zulage zahlt, wenn sie mit Rad oder Inline-Skate zur Arbeit kommen und in der es okay ist, wenn man ‘rüber zum Bo Jackson Fitness Center geht und zur Mittagszeit zwei Stunden trainiert.“ So beschreibt der amerikanische Journalist Donald Katz die Welt der Nike-Angestellten. Sein Buch „Just do it. The Nike spirit in the corporate world“ reproduziert noch an seinen wenigen kritischen Stellen eine kultische Verehrung für den Konzern.

„Lean production“ bringt jedoch nicht nur diese „Angestelltenaristokratie“ hervor; - auch wenn die übrig gebliebenen Mindestbelegschaften den Stoff hergeben, mit dem die neuen Arbeitsverhältnisse als fröhliches Viel-Arbeiten in kreativen Teams angepriesen werden. Ein grösserer Teil der Arbeitskräfte wird in den industrialisierten Staaten in sog. „prekäre Arbeitsverhältnisse“ und Arbeitslosigkeit entlassen (vgl. UPS-Artikel in diesem Heft). In den sog. „Schwellenländern“ des Trikonts entstehen gleichzeitig neue Arbeitsplätze, zuerst hauptsächlich in der Leichtindustrie. Diese ausgelagerten „Niedriglohnproduktionen“ eröffnen dem Kapital eine weitere, „nachholende“ Phase frühkapitalistischer Auspressung (vgl.Artikel über Maquilas in diesem Heft).

Nike besass nie mehr als zwei eigene Fabrikanlagen in den USA, und zwar in Exeter/ New Hampshire und in Saco/ Maine. Beide sind inzwischen geschlossen, und die Produktion wird fast vollständig in Asien durchgeführt. In Zahlen ausgedrückt: Nike selbst beschäftigt weltweit nur ungefähr 5.300 Angestellte, während in Asien über 200.000 Leute in der Nike-Produktion arbeiten. Damit umgeht der Konzern den fordistischen Typ der Fabrik, der Löhne über dem Existenzminimum, Massen-Kaufkraft, gewerkschaftliche Organisierung usw. garantiert hat, und vergibt seine Aufträge an Vertragspartner in Ländern, die frühkapitalistische Lohn-Profit-Spannen erlauben. „Race to the bottom“, „Wettlauf nach unten“ heisst diese Verfahrensweise: immer weiter Fortschreiten zu billigen Lohnkosten und ungesicherten Arbeitsverhältnissen im Süden und Osten. Als im April dieses Jahres in Indonesien der Mindestlohn um 20 Cent auf $ 2.45 am Tag angehoben wurde, reagierte Nike-Sprecher Jim Small mit dem Statement: „...Indonesien könnte einen Punkt erreichen, an dem es sich einfach aus dem Markt heraus verteuert“.

Nikes „Wettlauf nach unten“ setzte in den 70er Jahren ein. Die Firma suchte sich ausserhalb von Japan weitere Vertragspartner in den sog. asiatischen Tigerstaaten Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur. 1980 wurden noch 90% der Nikes in Südkorea und Taiwan produziert. Seitdem dort die Löhne steigen und die Arbeitskämpfe zunehmen, läßt Nike in der „zweiten Generation der Tigerstaaten“ produzieren, in Malaysia, Thailand, Indonesien, den Philipinnen. Seit Anfang der 90er ist

die Karawane weitergezogen - in die „Wirtschaftssonderzonen“ der süd- und ostchinesischen Küstenregion und nach Vietnam. Periphere Taylorisierung und Niedriglöhne sind damit in den (ehemals) realsozialistischen Staaten Südostasiens angekommen. So vermischen sich in China inzwischen die Interessen eines autoritären und bürokratischen Staatssozialismus mit den Interessen des Kapitals, Lohnkosten zu sparen, und in einem Land zu produzieren, in dem gewerkschaftliches Streik- und Koalitionsrecht nicht existiert. 1996 kamen 34% der Nike-Produktion aus China, 36% aus Indonesien, 12 % aus Südkorea, 10 % aus Thailand, 5 % aus Taiwan und 2% aus Vietnam. Der unsichtbar gemachte Subtext der Nike-Millionär-Geschichte ist die Ausbeutungs-Geschichte in Südostasien.

Bei der Analyse dieses Konzerns geht es nicht darum, den Verlust „nationaler Arbeitsplätze“ in den Industriestaaten, hier: in den USA, zu bedauern, sondern die ausdifferenzierten, sich immer weiter internationalisierenden Mechaniken der Ausbeutung zu studieren; und die Formen bekannt zu machen, mit denen ArbeiterInnen sich gegen schlechte Produktionsbedingungen wehren. Die „Made in the USA“-Kampagne von 1992 ist jedoch ein Beispiel, wie Anti-Nike Kampagnen in nationale „Die Arbeitsplätze gehören uns“-Rhetoriken verfallen. Kurz vor der Präsidentschaftswahl 1992 starteten Gewerkschaften und US-Textilhersteller eine Kampagne mit dem Tenor „just do it and bring jobs back to the United States“, so Joel Joseph, Vorsitzender von „Made in the USA“. Auf ihrer Massenpostsendung stand fettgedruckt: „Phil Knight, Spike Lee , Michael Jordan, and Bo Jackson are millionaires thanks to thousands of Americans who lost their jobs“. Vier Jahre später beweist Pat Buchanan, Präsidentschaftskandidat und Rechtsaussen der Republikaner, noch einmal, was Kapitalismuskritik von rechts ist: Im Wahlkampf 1996 polemisiert er gegen Freihandel und Deregulierung der Weltwirtschaft, gegen NAFTA und die World Trade Organization (WTO) und fordert den Protektionismus des nationalen Marktes. Das alles ist eingebettet in seine rassistische Politik gegen Immigration, auf das Ressentiment von kleinen Geschäftsleuten und ArbeiterInnen in unsicheren Arbeitsverhältnissen spekulierend.

Nike ist nur ein Modell: Beispiel für ein Unternehmen, dass immer schneller versucht, nationale Unterschiede bei Lohnkosten, sozialen Rechten und gewerkschaftlicher Organisierung auszunutzen. adidas hat inzwischen gut aufgeholt. Für seinen spektakulären Wiederaufstieg waren neben neuen Marketingstrategien und der Renaissance von Sportbekleidung als Street- und Clubwear, vor allem die Schliessung von Produktionsbetrieben in Europa und die Verlagerung von 60-70% nach Asien ausschlaggebend. Auch die anderen großen Textil-Unternehmen in der Bundesrepublik wie Otto-Versand, C&A, Quelle/ Schickedanz, Karstadt, Tchibo, Robert Klingel-Versand und Triumph produzieren in Südostasien. Im Norden läuft nur noch der kapitalintensive, stark rationalisierte Teil der Textilproduktion ab. In der Bundesrepublik sind das noch 10-20%. Vor allem in den USA kann man eine doppelte Dynamik beobachten, mit der die Textil-Massenproduktion durchtechnologisiert oder ausgelagert wurde; gleichzeitig aber im Land als sog. „informelle Arbeit“ in Sweatshops, Hinterhof-Nähstuben und als Heimarbeit wieder auftauchte. In diesem informellen Sektor der Produktion, d.h jenseits aller arbeits- und tarifrechtlichen Regelungen, arbeiten vor allem Frauen, meist Immigrantinnen.

Seltsam zynische Effekte entstehen, wenn die unterschiedlichen Dynamiken des Kapitalismus zusammengebracht werden, das Sichtbare mit dem Unsichtbaren, das spätkapitalistische Hipness-Image von Nike mit den Ausbeutungspraktiken. Cicih Sukaesih, eine indonesische Arbeiterin, die nach einem Streik in einer Nike-Produktionsanlage entlassen wurde, sagte der Zeitung „Solidarity“, sie habe immer gedacht, mit dem Nike-Spruch „Just do it!“ sei so etwas angesprochen wie „Halt’s Maul und arbeite!“, bis sie eines Tages die Nike-Werbung sah: „Just do it! There’s really no time to be afraid. So stop. Try something you’ve never tried. Risk it. Demand a raise.“ Ein anderes Beispiel ist der paramilitärische Firmen-Mythos der EKINs (Nike rückwärts), den die Firma erfunden und in Umlauf gebracht hat. EKINs sind die AussendienstmitarbeiterInnen von Nike, also banale Vertreter, die Kaufhäuser über neue Nike-Produkte informieren. Mit den EKINs führt Nike eine Art von kapitalistischer Tribalismus-Show auf: Fit, durchtrainiert, fast alle mit einem „Swoosh“-Tattoo auf der Wade sollen die EKINs den 9-Milliarden-Dollar-Jahresumsatz-Konzern mit dem Image individueller, „persönlicher“ Beratung und kämpferischem Aussenseitertum ausstatten. Ein Schulungsmotto in einem Ausbildungsvideo lautet: „Zieh los, als sei Krieg.“ Während die Nike-Angestellten schon mal „young soldiers“ genannt werden, wenden einige südostasiatische Vertragspartner von Nike das Militärische im Wortsinne an: Die US-amerikanische NGO (Nichtregierungsorganisation) „Vietnam Labor Watch“ (VLW) fordert u.a., dass die quasi-militärischen Methoden in der Produktion abgeschafft werden: ArbeiterInnen werden geschlagen, müssen „zur Strafe“ in der Sonne stehen, um das Gebäude laufen, Kloputzen oder mit erhobenen Händen über den Boden kriechen.

Im März dieses Jahres besuchten MitarbeiterInnen von VLW vier der fünf Fabriken in Vietnam, in denen seit 1995 Nike-Artikel produziert werden. 90 Prozent der Herstellung wird von Frauen gemacht. Die meisten kommen vom Land und sind zwischen 15 und 28 Jahren alt. Sie bekommen durchschnittlich 20 Cent in der Stunde. Textilarbeit ist klassische Frauenarbeit. Hier verstärken sich ökonomische und geschlechtliche Ausbeutung gegenseitig. Schwerpunkt des Besuchs von Vietnam Labor Watch war die Fabrik Sam Yang in Ho Chi Minh-Stadt, die einem südkoreanischen Hersteller gehört: Der Einstiegslohn für das erste Vierteljahr beträgt $ 37 im Monat und liegt damit unter dem gesetzlich festgeschriebenen vietnamesischen Mindestlohn von $ 45. Auch später reicht der Lohn oft nicht für Essen und Miete. In den Interviews erzählen Arbeiterinnen, dass sie fast alle von ihren Familien mit Essen, Geld oder Unterkunft unterstützt werden. Die Firmenleitungen legten die täglichen Arbeitsquoten so unrealistisch hoch, dass sie gezwungen seien, Überstunden zu arbeiten. 60 Stunden-Wochen sind normal. 500 Überstunden im Jahr der Durchschnitt. Das gesetzliche Höchstmass in Vietnam liegt bei 200. Die Gesundheits- und Sicherheitsstandards sind schlecht. Viele der 6.000 Arbeiterinnen sprechen von Müdigkeit, Kopfschmerzen und Gewichtsverlust, seit sie bei Sam Yang arbeiten. Es kommt immer wieder vor, dass Frauen am Fliessband zusammenbrechen, weil sie erschöpft sind, die Hitze so gross ist und ein starker Geruch von Klebstoff und Farbe in der Luft liegt. Das Gesundheitsamt in Ho Chi Minh-Stadt hat in einem Bericht darauf hingewiesen, dass bei Sam Yang der gesetzlich zugelassene Lärmpegel und die erlaubte Konzentration von Toluol in der Luft überschritten wird. Die Betriebsführung ist autoritär und z.T. paramilitärisch. Die Arbeiterinnen dürfen nur einmal pro Schicht zur Toilette, und nur zweimal Wasser trinken. Immer wieder kommt es zu sexuellen Belästigungen durch Vorarbeiter und kollektiven Bestrafungen von Arbeiterinnen. Doch auch der Auseinandersetzungslevel in der vietnamesischen Nike-Produktion ist recht hoch. Im März 1996 streikten 970 Arbeiterinnen bei Sam Yang, nachdem ein Vorgesetzter mehrere Arbeiterinnen geschlagen hatte. Nach einem weiteren Streik in Oktober 96 feuerte Sam Yang alle TechnikerInnen und eine Reihe weiterer ArbeiterInnen, stellte sie aber, unter Druck gesetzt, später wieder ein. Im März 97 traten knapp 300 ArbeiterInnen bei Sam Yang in einen Bummelstreik. Die Arbeitskämpfe entzünden sich meist an willkürlichen Entlassungen, „Bestrafungen“, erzwungenen Überstunden und niedrigen Löhnen.

Vietnam Labor Watch ist Teil einer NGO-Kampagne, die eine unabhängige Kontrolle der Arbeitsbedingungen im Trikont, die Abschaffung der Sweatshops und die Einhaltung der ILO-Arbeitsrecht-Standards fordert. Diese Kampagne ist in den USA (No Sweat) und in den Niederlanden (Clean Clothes Campaign) ins Leben gerufen worden. Sie setzt auf Informationspolitik und Imagebeschmutzung. Die Konzerne sollen mit sog. „kritischem Konsum“ unter Druck gesetzt werden. Weit über das bisherige Maß alternativen Einkaufens hinaus, bei dem Leute als Ausdruck ihrer „Soli-Haltung“ zu den Befreiungsbewegungen im Trikont Nica-Kaffee und Teekampagnen-Tee kauften, soll nun eine grosse Nachfrage nach sog. „fair produzierten Produkten“ zu einem entsprechenden Angebot führen. Es geht darum, die Textil-Riesen der Industriestaaten wie The Gap, C&A, Levi-Strauss, Quelle usw. darauf zu verpflichten, gewisse Arbeitsrechtsstandards in einem code of conduct festzuschreiben und einzuhalten. Die KonsumentInnen sollen ihre „saubere Kleidung“ im Kaufhaus an einem Etikett erkennen. Dieses „Social Labeling“ wird inzwischen von der Internationalen Arbeitsorganisation unterstützt. Auf der diesjährigen ILO-Konferenz schlug Generaldirektor Hansenne vor, die bisher weitgehend wirkungslose Politik der ILO-Interventionen durch ein weiches, marktkonformes Mittel zu ergänzen. Damit sollen „faire Produktionsbedingungen“ selbst eine Ware darstellen, für die Nachfrage besteht. Aber was ist „fair produziert“? Ist Kleidung, die in einem kapitalistischen Betrieb hergestellt wurde, in dem Gewerkschaften und Streiks erlaubt sind und in dem die Löhne, sagen wir einmal, von 40 auf 80 Dollar im Monat angehoben wurden, „sauber“? Die Kampagne handelt mit moralischen Illusionen und ökonomisiert Politik als marktkonformes Mittel. Ihre politische Position lautet: Wir wollen mehr oder minder „anständige“ Arbeitsbedingungen auf der ganzen Welt. Ohne es zu wollen, verrät der US-amerikanische Kulturtheoretiker Andrew Ross, der sich für die No Sweat-Kampagne der Textilgewerkschaft UNITE einsetzt, die Implikationen von politisch korrektem Konsumbewusstsein: „Durch die Rückkehr der Sweatshops in die inländische Arbeitswelt und ihre Blüte in ausgelagerten Produktionsstätten wird der Anspruch der entwickelten Nationen auf ihre moralische Überlegenheit in Frage gestellt, und das ist der Grund für die allgemeine Empörung in diesen Nationen. Kaum ein Einschnitt in den sozialen Vertrag der Nachkriegszeit hat ein solches Entsetzen ausgelöst wie die Berichte darüber, dass es auch heute noch inmitten der meisten amerikanischen Grossstädte Sweatshops gibt und dass Kleidung die in Familienkaufhäusern wie J.C. Pennex, Sears, Wal-Mart und Kmart verkauft wird, von Müttern und ihren minderjährigen Töchtern unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen genäht wurde. Wenn der Abscheu der Konsumenten gegen Produkte, die in Sklavenarbeit hergestellt wurden, das Kaufverhalten beeinflusst, bricht dieses System zusammen.“

Die Clean Clothes Campaign (CCC) will das „Exzessive“ des Kapitalismus, das „unmäßig Ausbeutende“ beseitigen und übersieht dabei, dass der Exzess Wesensmerkmal kapitalistischer Verhältnisse ist. Die Vorstellung eines dauerhaft „gezähmten“ und „vernünftigen“ Kapitalismus ist ein bürgerliches Märchen, das mit der Theorie der Zivilgesellschaft und den Praktiken der NGOs wieder Auftrieb bekommt. Aus diesem Grund findet man in den Broschüren der Clean Clothes Campaign an erster Stelle eine Kritik an den „übertriebenen Verrücktheiten“ des Systems. Ins Visier der Kampagne gerät damit ein Sportler wie Michael Jordan, dem Nike Millionen-Beträge für Werbeverträge zahlt. In fast jeder Broschüre stehen Sätze wie dieser: „Würde Nike das Budget für Werbung und Promotion nur um 3,5 % senken, könnte die Firma das Gehalt aller ArbeiterInnen in den Nike-Schuhe produzierenden Unternehmen in China und Indonesien verdoppeln.“ (Agir Ici, Sportschuhkampagne, Frankreich).

Die CCC hat sich seltsam intensiv in die Verhältnisse verwickelt, die sie kritisieren will. In der letzten Zeit ist einer Reihe von Konzernen ihre Corporate Identity nach innen und ihr Image nach aussen immer wichtiger geworden. Nike arbeitet ständig daran, sich als Teil eines hippen Anti-Establishments auszugeben. Entsprechend schwoll von 1985 bis 1993 das Werbevolumen des Unternehmens von 20 Millionen auf über 150 Millionen Dollar jährlich an. Darunter waren Kampagnen, die den Konzern mit Öko-Bewusstsein oder lokalem Engagement für Jugendliche in Verbindung bringen sollte wie N.E.A.T. = Nike Environmental Action Team oder P.L.A.Y. = Participate in the Lives of America’s Youth. Die Clean Clothes Campaign koppelt an diese Imageproduktionen an. Politik reduziert sich auf den kritischen Dialog mit Unternehmen und den symbolischen Angriff auf ihr Image. Damit verschwinden in der One World des Shopping und der Global Players die Unterschiede, die zwischen der Situation einer Arbeiterin in einem Sweatshop in L.A., in einer Fabrikanlage in El Salvador, einer Näh-Fabrik in der ehemaligen DDR oder der Sportschuhfertigung in Vietnam existieren. Zentrum der politischen Auseinandersetzung wird ein Markenname und sein Ruf. Nike versucht, auf den CCC-Appell „Einkaufen für eine bessere Welt“ taktisch einzugehen und ihn in die eigenen Imageproduktionen zu integrieren. Im September dieses Jahres kündigte der Konzern seine Verträge mit vier Unternehmen in Indonesien, angeblich weil sie Nike’s Ansprüche an faire Arbeitsbedingungen nicht erfüllten. Es liegt jedoch auf der Hand, dass Nike sich aus Indonesien zurückzieht, weil in China die Lohnkosten niedriger sind. So versucht das Unternehmen, sein Lohndumping als Akt des Fair Play in der Produktion umzudeuten. „Reich, aber sauber“ wird zur Marketingstrategie.

Lean production („schlanke Produktion“) heißt Kostenreduzierung durch Massenentlassungen in der Fertigung, Einführung neuer Technologien, Teilverlagerung der Produktion in Niedriglohnländer und die Abgabe von Arbeiten und Dienstleistungen an Subunternehmen und Vertragspartner, sog. Outsourcing: Vom Werkschutz bis zu Kantine und Lohnabrechung werden mit anderen Firmen Verträge abgeschlossen.

Frederick Winslow Taylor, amerikanischer Ingenieur, entwickelte Anfang des Jahrhunderts das Konzept des „Scientific Management“: Strikte Trennung von Kopf- und Handarbeit, Zerlegung des Arbeitsprozesses in viele kleine, standardisierte Abläufe - tausendmal am Tag die gleichen Handbewegungen an Maschine und Fliessband. Periphere Taylorisierung meint, dass im Trikont massenhaft diese stark zerhackstückelte und monotone Arbeitsorganisiation angewandt wird, während sie im Norden zum Teil (und auch nur zum Teil!) abgeschafft und durch Teamarbeit, Austausch zwischen Kopf- und Handarbeit, Überblick über längere Abläufe der Produktion ersetzt wird.

Mit Fordismus ist eine ökonomische und politische Phase gemeint, die in den 70ern in eine Krise geriet. Namensgeber dieses Akkumulationstyps ist Henry Ford, Chef der Ford-Werke, der in den 20er Jahren nicht nur das Fliessband in die US-amerikanische Autoproduktion einführte, sondern auch eine Nationalökonomie befürwortete, die auf die Kaufkraft der „kleinen Leute“ setzte, den Kompromiß zwischen Unternehmern und Arbeitern suchte und Staatsausgaben als wesentliches Mittel zur Stützung der Nachfrage und der Investitionen in die Massenproduktion betrachtete.

Der Filmemacher Spike Lee drehte einige Clips für Nike. Michael Jordan (Chicago Bulls, Basketball) und Bo Jackson (Los Angeles Raiders, Football) sind wie der Tennisspieler Andre Agassi oder der Fussballer Lars Ricken „Werbestars“ von Nike. Der „Made in the USA“-Slogan lautet: „Phil Knight, Spike Lee, Michael Jordan und Bo Jackson sind Millionäre dank Tausender Amerikaner, die ihre Jobs verloren haben“.

NAFTA ist das North American Free Trade Agreement, das zum 1.1.94 zwischen Mexico, Kanada und den USA in Kraft getreten ist. Bis zum Jahr 2000 sollen Handels- und Investitionsbeschränkungen aufgehoben und der Finanz- und Dienstleistungsverkehr dereguliert werden.

Als Sweatshop wurden zunächst die Textilfabriken der Jahrhundertwende bezeichnet. Der Begriff bezieht sich auf Betriebe, die - bei niedrigem Kapitaleinsatz - vor allem auf der Auspressung einfacher Arbeit beruhten: So hat ein Textilunternehmer nur Strom, Miete, Nähmaschinen als fixe Kosten zu bezahlen. Seinen Gewinn steigert er, indem er möglichst niedrige Löhne zahlt, möglichst wenig in die Fertigung reinvestiert oder sie sogar in Heimarbeit auslagert. Das ist die Logik, aus der das System der Sweatshops entstand: kleine Fabrikräume, voll gestopft mit Arbeiterinnen, Maschinen und Stoffen. Mit der Internationalisierung der Textilindustrie seit den 70er Jahren tauchen die Sweatshops wieder auf: kleine informelle Nähklitschen in den Industriestaaten oder grosse Textilfertigungsanlagen in den Freien Exportzonen.

„Mach’s einfach! Es gibt wirklich keine Zeit, Angst zu haben. Also hör’ auf damit. Versuch’ etwas, das du noch nie versucht hast. Riskier’ es. Fordere eine Gehaltserhöhung.“

Die International Labour Organisation wurde 1919 als eigenständige, aber dem Völkerbund assoziierte Organisation gegründet, seit 1946 der UNO angeschlossen. Der internationale Arbeitskodex, den die ILO in den bald 80 Jahren ihres Bestehens aufgebaut hat, ist nicht verbindlich. Die Geschichte der ILO ist im Großen und Ganzen die wirkungsloser Konventionen: Die 1947 im Rahmen der Havanna-Charta beschlossenen Massnahmen gegen unfaire Arbeitsbedingungen wurden nie umgesetzt. Die im Rahmen der Gatt-Verhandlungen (General Agreements on Tariffs and Trade) erreichte Arbeitsrechtskonvention führte lediglich zu einem Verbot von Zwangsarbeit durch Gefangene. Und auch regionale Handelsabkommen wie NAFTA oder EU schreiben in ihren Sozialcharten die arbeitsrechtlichen Kernstandards wie Vereinigungsfreiheit, Streikrecht, Recht auf Kollektivhandlungen nicht fest.