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Von Vampiren und anderen Degenerierten.

Dracula im Kontext moderner Entartungsdiskurse, von Michaela Wünsch
 
   

„Wie Fledermäuse in alten Thürmen so hausen sie im stolzen Bau der von ihnen fertig vorgefundenen Gesittung.“ Die Rede ist von den ‚Entarteten’ des Fin de Siècle, vor denen Max Nordau ähnlich eindringlich warnte, wie Bram Stoker vor dem fremden Eindringling aus dem Osten in dem Vampirroman Dracula. Das Bild des ‚Entarteten’ als parasitärem ‚Schmarotzer’ gleicht nicht nur dem blutsaugenden Grafen, sondern auch zeitgenössischen antisemitischen Stereotypen. Wie sich an Stokers Dracula insbesondere deutschsprachige Diskurse um ‚Entartung’ und Antisemitismus ablesen lassen, soll auf den folgenden Seiten gezeigt werden.


1. Kinderhirne in Vampiren

Bram Stoker lässt Mina Harker in einem Gespräch mit den „Männern der trockenen Wissenschaft“ über Graf Dracula sagen: „Der Graf ist ein Krimineller, und zwar ein typischer Krimineller [...]. Nordau und Lombroso würden ihn in dieser Weise klassifizieren, und als Krimineller ist er auch von nachrangiger Intelligenz.“

Dass sich Mina Harker, die trotz ihrer auto-didaktischen Kenntnisse zunächst als kriminologischer Laie zu betrachten ist, auf Nordau und Lombroso bezieht, ist schon ein Indiz für die Popularität ihrer Schriften in Europa Ende des 19. Jahrhunderts. Max Nordau (1849-1923) und Cesare Lombroso (1835-1909) erforschten Ursache und Wirkung der sog. ‚Entartung’, die seit den Veröffentlichungen des französischen Mediziners Dr. Bénédict-Augustin Morel (1809-1873) in den 1850er Jahren zu einem Schlüsselbegriff positivistisch orientierter medizinischer, psychiatrischer und anthropologischer Diskurse wurde.

Morel, der in der Salpêtrière und bei dem Schweizer Arzt Guggenbühl ausgebildet wurde, entwickelte die Theorie der dégénérescences anhand des Kretinismus, der bei ihm für eine „breite rassische und historische Entartung in der Gesellschaft stand“. Morels Degenerationshypothese betrachtete den Menschen als einen biologischen Organismus, dessen Gesundheit von Umwelteinflüssen und den Gesetzen der Vererbung abhängig sei. Negative Einflüsse brächten nach Morel eine pathologische Abweichung vom „normalen Typus“ hervor, die sich durch physische Merkmale, moralische und soziale Gewohnheiten ausdrücken oder auch zunächst unsichtbar bleiben könne. Aus der Perspektive der Vererbungslehre würden diese Abweichungen über Generationen weitergegeben. Morel beschäftigte sich vor allem mit der Degeneration der ‚europäischen Zivilisation’, die weniger anderen ‚Rassen’ überlegen, als vielmehr in sich gefährdet schien. Das Vokabular der französischen Psychiatrie wurde zunehmend auch von literarischen und politischen Texten anderer europäischer Länder aufgegriffen.

In der politischen Rezeption der bio-medizinischen Klassifikation von Devianz, die sich über das gesamte politische Spektrum erstreckte, verbanden sich auf eine scheinbar widersprüchliche Weise sozialreformerische Forderungen mit der Pathologisierung sozialer Phänomene und Versuchen diese zu kontrollieren. In der Literatur wurden Krankheitsbilder ebenso wie in der Presse verbreitete Kriminalfälle verarbeitet und eine körperliche Charakterisierung der beschriebenen Kranken oder Täter übernommen, die kriminalanthropologischen und psychiatrischen Typologisierungen sehr ähnelten.

Viele dieser Schriften entwarfen ein düsteres Bild vom drohenden Verfall der Gesellschaft und gaben sich, und dies kann als ‚bio-medizinische Wende’ in der Ideengeschichte des Verfalls betrachtet werden, häufig den Anschein naturwissenschaftlicher Wahrheit. Sie schwankten zwischen einer Taxonomie visueller Stigmata und dem Horror unsichtbarer Krankheiten, zwischen dem Bild eines spezifischen, identifizierbaren kriminellen Typus und der Repräsentation einer Krise der Gesellschaft, vor allem der städtischen Bevölkerung, die von degeneriertem Blut und moralischem Verfall bedroht sei. Die Pathologisierung moralischer, ästhetischer und zivilisationskritischer Fragen konnte jedoch auch mit einem Fortschrittsoptimismus vereint werden, da die Symptome der Entartung als zukünftig überwindbar galten.

Auch Dracula, das aus Krankenberichten, Telegrammen und Tagebüchern zusammengesetzt ist, zeichnet dieses Bild krisengeschüttelter, für Krankheiten anfälliger Menschen, die am Ende des „wissenschaftlichen, skeptischen, nur an Tatsachen orientierten neunzehnten Jahrhunderts“ von einem blutsaugendem ‚Etwas’ bedroht werden, das mit traditionellen Mitteln der Vampirabwehr bekämpft wird, aber auch mit Hilfe der neuen Erkenntnisse der Kriminalanthropologie und Psychopathologie zunächst eingeordnet und anschließend vernichtet wird.

Mina Harkers Äußerung zum ‚typischen Kriminellen’ lässt sich auf die Theorie des Kriminalanthropologen Lombroso vom ‚geborenen Verbrecher’ beziehen. Lombrosos anatomische Untersuchungen von Gefängnisinsassen führten ihn zu dem Schluss, dass Verbrecher mit einer Anomalie des Hirns, einem ‚mittleren Kleinhirn’ ausgestattet seien, welches darauf hinweist, dass sie in einer archaischen Phase der Entwicklung stehen geblieben seien (seine sog. ‚Atavismustheorie’) oder wie es der „fähigste Wissenschaftler seiner Zeit“ Dr. Van Helsing in Dracula ausdrückt: „Der typische Verbrecher, der, der von Natur aus zum Verbrechen prädestiniert ist [...] ein solcher Verbrecher verfügt über kein voll entwickeltes Gehirn.“ Das „Kindergehirn“ des Grafen zwinge ihn dazu, „sein Heil in alten Gewohnheiten [zu] suchen“, schlussfolgert Mina.

Doch nicht nur der Graf wird nach den Schemata eines ‚Entarteten’ charakterisiert. Wie in zeitgenössischen Auffassungen von einer allgemeinen Degeneration der Bevölkerung, sind sämtliche ProtagonistInnen in Dracula von einem körperlichen und geistigen Verfall bedroht. Die Ursache der Bedrohung kann nicht nur bei dem fremden Eindringling lokalisiert werden, sondern inmitten des zivilisierten England. Der von Wissenschaft und Kombinatorik bestimmte Roman ähnelt in der Darstellung der psychischen und physischen Verfassung seiner ProtagonistInnen den Zeitdiagnosen und Krankheitsbildern, die Max Nordau aufgestellt hat und im folgenden soll diesen Übereinstimmungen ausführlicher nachgegangen werden.

 

2. Degeneration des Fin de Siècle

Nach Max Nordau droht der Fortschritt der westlichen Gesellschaften und ihre technischen Neuerungen sich gegen die „weiße Menschheit“ zu wenden. Ausschließlich dieser widmet sich Nordau in seinem zweibändigen, Lombroso gewidmetem Werk Entartung, das zwei Jahre vor Dracula in der englischen Übersetzung erschien. In dem in Teilen extrem polemischen, von einem aufklärerischen Rationalismus motivierten Buch, wird die Degeneration als Folge und Ursache negativer moralischer, zivilisatorischer und biologischer Einflüsse beschrieben. Hinweise auf einen völkischen Begriff von ‚Rasse’ finden sich kaum. Nordau begriff sich als liberaler ‚Kosmopolit’. Er wuchs in Budapest auf, studierte zunächst dort und dann in Berlin Medizin und arbeitet später in Paris als Journalist. Er änderte seinen Namen von Südfeld in Nordau (sic!), um sich von seinem orthodox jüdischen, osteuropäischen Hintergrund abzugrenzen. Er schrieb in deutscher Sprache, weshalb er auch als deutscher Schriftsteller gilt. Nordau war ein Anhänger Lombrosos und wird häufig als Verbreiter von dessen Theorie im deutschsprachigen Raum genannt, obwohl er dessen Begriff der Entartung besonders im Verhältnis zu Kunst und Genialität anders interpretiert.

Zur Ätiologie der Entartung führt Nordau aus, dass neben vermehrtem Tabak- und Alkoholkonsum, der Aufenthalt in der Masse der Großstadt und die technischen Entwicklungen, wie die Beschleunigungen des Bahnverkehrs, der Post sowie der Buchdruck, eine Ermüdung beim Menschen hervorrufen. Auf Rousseau und Darwin Bezug nehmend, schreibt er: „Die gesittete Menschheit wurde von ihren Erfindungen und Fortschritten überrumpelt. Es blieb ihr keine Zeit, sich ihren veränderten Daseinsbedingungen anzupassen“, nur die Stärksten könnten mit diesen Entwicklungen mithalten. Die technischen Möglichkeiten brächten die Menschen dazu, mehr zu reisen, mehr Briefe zu schreiben und zu lesen, insgesamt mehr Arbeit zu leisten, die „größere Thätigkeit des einzelnen Menschen“ sei jedoch mit „der Anstrengung des Nervensystems verbunden“. Die Folge davon sei eine Ermüdung, „die beim ersten Geschlecht als erworbene, beim zweiten als erbliche“ Nervenkrankheit auftrete.

An den Folgen der Anstrengung fortlaufend Briefe zu schreiben und zu lesen, müssten Jonathan Harker und seine Verlobte leiden, denn beide schreiben sich nicht nur fortlaufend, sondern fertigen zudem Tagebücher an. Sie neigen also nach Nordaus Klassifikationssystem zur ‚Graphomanie’. Mit dem Ausdruck ‚Graphomanen’ bezeichnete Nordau v.a. Schriftsteller des Fin de Siècle, die den primären Untersuchungsgegenstand seines Buches bildeten. Das Ziel seiner Untersuchung bestand darin, „den pathologischen Charakter der Werke von Entarteten“ herauszustellen. Nordaus Absicht war, den Begriff der Entartung auf die Kunst und Literatur auszuweiten und eine sich im Verfall befindliche Gesellschaft zu therapieren, indem diese Kunst verurteilt wird, damit sie nicht weitere „Nachäffer“ produziere.

Nordau kennzeichnete die Arbeiten von Flaubert, über Mallarmé bis Verlaine, aber auch die von Nietzsche und Wagner als „Ausgeburten eines zerrütteten Gehirns“, die „ihren Ursprung in der Entartung ihrer Urheber“ hätten. Nordau zufolge sind bestimmte Tendenzen der zeitgenössischen dekadenten Literatur, wie die Bevorzugung der Form über den Inhalt oder die Thematisierung des Übersinnlichen, Ausdruck für die Symptome der Degeneration der Autoren. Diese bestände in Fehlfunktionen des Gehirns und eines erschöpften Nervensystems, was sich an physischen und geistigen „Stigmate“, wie Missbildungen, Eklektizismus, Mystizismus, Neigung zu Gruppenbildung, Erotomanie, Emotivität und Ich-Sucht zeige. Wie bei vielen Entartungstheoretikern ist die Liste der Symptome so lang, dass die Zahl der Nicht-Entarteten drohte, verschwindend gering zu werden.

Wie in Nordaus Schrift werden auch in Dracula die Ursachen von Krankheiten im Gehirn und den Nerven lokalisiert. Vor allem Mina, die mit den modernen Entwicklungen, wie der Schreibmaschine und der Stenographie am besten vertraut ist und sogar die Fahrpläne des Bahnverkehrs auswendig kennt, ist besonders „nervös“ und leidet unter einer „Nervenanspannung“, während Van Helsing mit „eisernen Nerven, dem Temperament eines Eisblocks, einem unbeugsamen Willen, Selbstbeherrschung und Toleranz“ ausgestattet ist. Nach Nordaus Diagnosen wäre es auch möglich, dass Jonathan Harker im Anschluss seiner Zugreise Richtung Transsylvanien unter einem ‚Eisenbahn-Gehirn’ leidet, dem Namen einer neuen Krankheit, die durch die Erschütterungen beim Zugfahren hervorgerufen wird.

Ähnlich zu Nordaus Argumentation, für den ‚Emotivität’ ein Zeichen von Entartung ist, kann der Emotion in Dracula nicht getraut werden. Es bedarf eines ‚objektiven Blickes’, um die Situation und die Gefahr richtig einschätzen zu können. Harker ist sich selbst darüber im Klaren, dass nur die Helligkeit des Verstandes ihn vor dem Vampir retten kann: „Soweit ich die Situation übersehe, kann mein Plan nur sein, [...] die Augen offen zu halten. [...] Entweder habe ich mich [...] von den eigenen Ängsten narren lassen, oder ich bin tatsächlich in einer ernsten Notlage, und [...] werde meinen ganzen Verstand zusammennehmen müssen.“ Dass Harker nur halluziniert, sein Verstand vielleicht „nicht wie gewohnt arbeitete“, er Nordau zufolge also an einem „Mangel an Aufmerksamkeit“ leidet, dessen Ursache er in einer „Anomalie der Reizfähigkeit des Gehirns und Nervensystems“ oder an einer Erkrankung des Stirnlappens im Gehirn zuschreibt, wird auch im Roman zunächst als Folge einer Erkrankung des Gehirns vermutet. Die geistige und psychische Verfassung wird nach den Kriterien von Krankheit und Gesundheit unterschieden. Jonathan leidet an „Hirnfieber [...]. „das schon mal zum Wahnsinn führt“ und zu der Vermutung führt, dass es sich bei den schrecklichen Erlebnisse bei dem Grafen vielleicht nur um den „Alptraum eines Geisteskranken“ gehandelt habe.

Harker erscheint zunächst als jemand, der vor sich selbst geschützt werden muss, der dem Verdacht unterliegt, wahnsinnig zu sein und Realität und Traum nicht mehr auseinanderhalten zu können:

Es kann nicht alles im Schlaf gewesen sein, [...] denn alles war so unglaublich real. Nein, jetzt, da ich im hellen, vollen Schein der Morgensonne sitze und schreibe, kann ich einfach nicht glauben, daß ich das alles nur geträumt haben soll.

Nordau zufolge nehmen die Kranken „halbdunkle Vorstellungen, wie sie jeder hat, ähnlich wie gut belichtete Mittelpunktvorstellungen wahr“, während sich die Gesunden dadurch auszeichnen, dass „die auftauchenden Gedankengespenster keinen Einfluss auf das Denken erlangen, weil ihnen die Aufmerksamkeit ins Gesicht leuchtet.“

Helligkeit und das Vermögen zu sehen stehen bei Nordau wie bei Stoker für Rationalität und Erkenntnis, die Schwäche und Verführbarkeit zu bekämpfen vermögen. Dank visuell sichtbarer, physiognomischer Merkmale, kann, zumindest auf den ersten Blick, gut von böse, Intelligenz von Debilität unterschieden werden. So stellt Mina bei ihrer ersten Begegnung mit dem Dr. Van Helsing fest: „Die Haltung des Kopfes vermittelt einem sofort den Eindruck von Gedankenfülle und –stärke; der Kopf selbst ist edel geformt, recht groß, ja breit in der Gegend des Hinterhauptes.“ Auch Jonathan wird von Dr. Seward, dem Arzt einer Irrenanstalt, als „ungewöhnlich klug, wenn man das nach einem Blick in sein Gesicht sagen darf“ eingeschätzt.

Dieser weiß zwar nicht, „ob er seinen eigenen Sinnen glauben durfte“, beurteilt Van Helsing jedoch aufgrund der Form seiner Augenbrauen. „Sie sind also Physiognom“, antwortet Van Helsing, der daran verzweifelt, dass in diesem „aufgeklärten Zeitalter, [...] die Menschen nicht einmal mehr glauben, was sie mit ihren eigenen Augen sehen.“


3. Schreibmaschinentypologien

Das erste Gegenmittel gegen Irrationalismus, Schwäche und Krankheit ist die genaue Beobachtung. Sind die Zeichen der ‚Entartung’ erkannt, können sie auch bekämpft werden, indem sie aufgeschrieben und von Wissenschaftlern dank des Buchdrucks verbreitet werden. In seiner Doppelfunktion als Arzt und Journalist will Nordau die Entartung mittels seiner Schriften bekämpfen und auch bei Stoker wird der Gegenangriff mit den Mitteln der Aufzeichnung vorbereitet. Jonathans Heilung beginnt damit, dass Mina sein in Stenographie verfasstes Tagebuch abtippt und es damit von den Aufzeichnungen eines Kranken zum Beweisstück wird. Mina konsumiert vampiristisch alle vorhandenen Aufzeichnungen und saugt ihnen das Leben aus, indem sie sie zu Dokumenten macht. So auch Dr. Sewards Tagebuch, in dem er neben seiner unglücklichen Liebe zu Lucy, den wahnsinnigen Diskurs seines Patienten Renfield mit seinem Phonographen festhielt, um „das Geheimnis seines Gehirns zu erforschen“. Die LeserInnen vernehmen nicht nur den Wahnsinn des Patienten ausschließlich durch die Worte seines Psychiaters, sondern dank Minas Abschrift hört auch niemand mehr Dr. Sewards ängstlichen Herzschlag, den Mina noch beim Abhören des Phonographen vernehmen konnte.

Die Aufzeichnungsmedien wie Schreibmaschine und Photographie wurden in der Kriminalanthropologie und Medizin genutzt, um Verbrecher und Kranke zu identifizieren und typologisieren. Bei der photographischen Visualisierung von Devianz konnten bislang nicht erkennbare Merkmale ‚entdeckt’ werden. Nordau hebt an der „Augenblicks-Photographie“ hervor, dass die „Zerlegung und Verzeichnung der flüchtigsten, den menschlichen Sinnen unmittelbar nicht fassbaren Erscheinungen gestatten und für die Erkenntnis der Natur fruchtbar machen zu versprechen.“ Für ihn, wie für andere Wissenschaftler seiner Zeit, ist Wissenschaft lediglich das empirische Beobachten, die Aufzeichnung der ‚Tatsachen’, die durch die Beobachtung oftmals jedoch erst entstehen.

Der photographischen Erfassung würde der Vampir vermutlich entgehen, da sein Bild auch in einem Spiegel nicht eingefangen werden kann. Statt den Vampir, sieht Harker nur sein eigenes Spiegelbild. Zu Beginn des Romans scheint noch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Vampir und den Engländern zu existieren: der Graf wird als Kenner Englands vorgestellt, als ein ‚Okzidentalist’, der die englische Sprache „vorzüglich“ beherrscht und willens ist, sie so zu sprechen, dass ihn niemand als Fremder erkennt. Doch die moderne bürokratische Stenographie, die Harker benutzt, damit der Graf seine Aufzeichnungen nicht lesen kann, bleibt ihm wie eine moderne ‚Geheimschrift’ verschlossen. Um sich im modernen England wirklich zu integrieren, mangelt es ihm an ‚Anpassungsfähigkeit’, wie es Nordau ausgedrückt hätte, und mit der Gegenwehr mittels Textvervielfältigung hat er zunächst nicht gerechnet. Als er es mitbekommt, verbrennt er die Textdokumente mitsamt des Phonographen, doch es ist zu spät: Mina hat bereits zwei weitere Kopien angefertigt. Die kleine Gruppe, angeleitet von ihrem „autoritären“ Führer Van Helsing, beginnt „Informationen erstens zu bündeln, zweitens zu demokratisieren und drittes absolut sicher zu lagern.“ Die Vernichtung des Vampirs wird mit bürokratischen Mitteln vorbereitet: „Alles muß festgehalten“, alles genau notiert werden, „nichts ist zu unbedeutend“, denn „in dieser Angelegenheit sind Daten alles“. Für die Angreifer gilt, was Nordau erst für die Zukunft vorausgesehen hat, nachdem die Stärksten sich den neuen technologischen Bedingungen angepasst haben: „Das Ende des 20. Jahrhunderts wird also wahrscheinlich ein Geschlecht sehen, dem es nicht schaden wird, täglich ein Dutzend geviertmeter Zeitungen zu lesen [...].“ Die Aktivitäten des Lesens und Schreibens im Roman sind zentral, um eine ‚imaginäre Gemeinschaft’ herzustellen, die es schafft, den modernen Anforderungen gerecht zu werden. Diese Funktion übernimmt auch Dracula als einer der ersten massenhaft verbreiteten Romane selbst, indem er auf damals gängige Stereotypen zurückgriff, um den Vampir als den aus dieser Gemeinschaft Auszuschließenden zu kreieren.

 

4. Entspricht Graf Dracula einem
antisemitischen Stereotyp?

Während die Schreibmaschine die Kluft zwischen Druckvorlage und Buch beseitigt, wurde ab 1860 im Buchdruck ein Gerät verwandt, welches das Druckverfahren beschleunigte: das Stereotyp, eine Art Stempel, der der Patrize des Buchdrucks entsprach. Diese Begriffsgeschichte des Buchdrucks zeigt, dass nicht der nur nationale Gemeinschaften, sondern auch deren Gegenbilder, einschließlich des Stereotyps des „Juden“, „zeitgleich mit der Rotationspresse und dem massenhaften Einsatz des ‚Bildstocks’ in der Presse aufkommen.“

In Dracula wird Mina buchstäblich mit einer Hostie ein Stempel auf die Stirn gedrückt, nachdem sie von dem Vampir ‚verführt’ wurde. Dieses ‚Stigma’, ein „Mal der Scham“ ihres „verdorbenen Fleisches“, (461) zeichnet sie bis zum „Tag des Jüngsten Gerichtes“, an dem „es Gott gefällt“, den Vampir vernichten zu lassen. Bei dem Grafen scheinen sich die ‚Stigmata der Entartung’ erst nachträglich herauszubilden. Mit der Aufzeichnung der Erinnerungsspuren Jonathan Harkers, beginnt eine Suche, die sicherstellt, „daß es bestimmte nie dagewesene Spuren überhaupt gibt.“

Die Spuren, die Bram Stoker vielleicht nur unbewusst in dem Roman legt, verbinden den Vampir mit bestimmten Diskursen, die einem zeitgenössischen Antisemitismus zugeordnet werden können. Zunächst erinnert der blutsaugende Vampir, dessen Opfer im Roman vor allem Kinder und Frauen sind, an die damalige Wiederbelebung der Ritualmordbeschuldigungen gegen Juden, die in England nachweislich zum ersten Mal 1144 erhoben wurden. Die Legenden von Ritualmorden im 19. Jahrhundert verbreiteten sich auch über die Presse, so dass Stoker auch von den Ritualmordanklagen in Osteuropa gewusst haben könnte, die in den 1880er Jahren zu Festnahmen und Folterungen an Juden und zu antisemitischen Ausschreitungen führten. Mit den Mordanschuldigungen war die Vorstellung verbunden, dass das Blut der Opfer für religiöse Zeremonien oder magische und medizinische Zwecke benutzt würden. „Als Folge der Ritualmordbeschuldigungen wurde aus dem Juden also ein Vampir, der sich vom Blut des armen Christen ernährt.“ In Dracula wird der Vampir als jemand beschrieben, der sich parasitär mit dem Blut anderer regeneriert, so äußert Van Helsing: „[...] er kann blühen und gedeihen, solange ihm das Blut der Lebenden zugänglich ist. [...] er ernährt sich nicht wie andere.“

Die christlichen Ritualmordanklagen hatten unter anderem die Funktion, Gläubige wieder enger an die Kirche zu binden: sie fanden vermehrt in Zeiten statt, die von Glaubenskrisen geprägt waren und wurden oft von Kirchenobersten gestreut. Dieser Effekt kann auch in Dracula beobachtet werden. Während Jonathan zu Beginn des Romans Kruzifixe als „ketzerisch“ ansieht, gewinnt der christliche Glauben im Verlauf des Romans tragende Bedeutung. Im Kampf gegen den Vampir werden die Männer „zu Vollstreckern von Gottes eigenem höchsten Willen“ und „ziehen aus, wie die Kreuzritter von einst, um noch mehr Seelen zu retten“. Van Helsing, der in diesem Zusammenhang auch das christliche Menschenopfer, „Gottes Sohn“, der für die Menschen starb erwähnt, meint, dass bereits eine Seele gerettet werden konnte, die von Lucy, der er den Kopf abgeschnitten hat und die brutal von einem Pfahl durchbohrt wurde. Eine andere Funktion der Ritualmordanschuldigung kann in der Projektion der eigens verübten Morde auf das zum Christentum konträr Konstruierte gesehen werden. Die Abneigung des Vampirs gegen Kruzifixe und Hostien, die gegen ihn eingesetzt werden, macht deutlich, dass der Vampir keinesfalls dem Christentum zugetan ist, sondern eine Antipode dazu bildet. Der Vampir scheint das „Andere selbst“ zu verkörpern, er wird gleichzeitig zu einem ;Unterentwickelten’ mit einem Kinderhirn, wie auch zu einem „Mann mit Nerven wie aus Eisen, einem so fähigen Gehirn und einem Herz so tapfer, wie es sonst niemand vorzuweisen hatte. Dies geht einher mit diabolischen Kräften, die zweifellos auf seiner Seite sind.“ Diese Ambivalenz, die Dracula als überdurchschnittlich intelligent und geistig unterentwickelt, als abstoßend und verführerisch konstruiert, kennzeichnet Stereotypen im allgemeinen und antisemitische Vorurteile im besonderen und zeigt, wie sehr sie Produkte einer Projektion sind, die mehr über diejenigen aussagen, die sie produzieren, als über die Stereotypisierten.

Die Identifizierung der Protagonisten mit christlichen Werten verbindet sich mit einem modernen wissenschaftlichen Diskurs, der auch antisemitische Stereotypen veränderte. Im Roman lässt sich dieser Wandel von einer christlichem Judenfeindlichkeit zu einem rassistischen Antisemitismus, der in wissenschaftlichem Gewand auftrat, daran ablesen, dass der Vampir in Begriffen von Blut und Vererbung gefasst wird, die sich in seinem spezifischen Charakter und seiner Physiognomie äußern. Die Auseinandersetzung um ‚Rasse’ im 19. Jahrhundert ist mit dem Gedanken verbunden, dass einige ‚Rassen’ schwächer, ‚degenerierter’ und anfälliger als andere für bestimmte Krankheiten waren als andere. Während Nordaus Theorie der Entartung sich nicht primär auf ‚Rassenunterschiede’ stützte, kennzeichnete der ‚jüdische Körper’ für viele andere nicht-jüdische Wissenschaftler der Zeit das Bild vom degenerierten Stadtbewohner. Ein anderes Exempel der Entartung stellte der ‚Ostjude’ dar. Viele der damals erschienen Berichte über die physische Andersartigkeit des jüdischen Körpers kamen aus Osteuropa. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Stoker den Vampir gerade zu dieser Zeit als aus Osteuropa emigrierend zeichnet, als zudem noch in London über das Problem der einwandernden Juden aus dem Osten diskutiert wurde.

Im 19. Jahrhundert setzte sich die Vorstellung durch, dass Juden eine eigene ‚Rasse’ bildeten, dessen Blut nicht nur anders, sondern auch ‚unrein’ sei. So schrieb Houston Stewart Chamberlain, gebürtiger Engländer, der später Deutscher wurde und eine Tochter Richard Wagners heiratete: „Das Hauptergebnis des anatomischen Befundes ist, daß die jüdische Rasse zwar eine permanente ist, zugleich aber eine durch und durch bastardisierte.“ Zu Beginn des Romans rühmt sich der Graf selbst, dass in seinen Adern „das Blut vieler edler Rassen“ fließt, er aus dem osteuropäischen „Schmelztiegel der Rassen Europas“ stamme. Während der Vampir aus einem ‚Rassengemisch’ hervorgegangen ist, wird dem einzigen Protagonisten, der als Jude direkt benannt wird, zugeschrieben, er sei „vom adelphischen Typus (adelphisch = aus Inzucht hervorgegangen [...]) mit einer Nase wie ein Schaf [...]“. Die Vorstellung von der ‚Blutschande’ taucht also in zweifacher Bedeutung auf:

Hatte diese einst die Sünde, mit dem eigenen Blut zu verkehren bezeichnet [...], so fand im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine seltsame Verkehrung statt, die aus der ‚Blutschande’ nunmehr die Sünde des Verkehrs mit dem anderen, dem fremden Blut machte. Wo der Begriff ‚Blutschande’ auftauchte, war mit diesem ‚fremden’ Blut immer das ‚jüdische’ Blut gemeint.

Die Angst vor einer Vermischung von eigenem und fremden Blut wird buchstäblich verdeutlicht, als der Vampir nicht nur Minas Blut trinkt, sondern sie zwingt, auch sein eigenes zu sich zu nehmen, damit sie fortan zu „Fleisch von seinem Fleisch, Blut von seinem Blut wird“. Die Verführung christlicher Mädchen durch jüdische Männer ist ein antisemitischer Topos, der die Jahrhunderte durchzieht, im 19. Jahrhundert wird er zu einer ‚Rassenschande’, die das eigene Fleisch und Blut, die Nation verkörpert durch die Frau, gefährdet.

Zu der Konstruktion ‚jüdischen Blutes’ gehörte auch eine spezifische Physiognomie, die jüdische Menschen sichtbar und biologisch erfassbar machen sollten. Auch die „markante Physiognomie“ des Vampirs wird an mehreren Stellen herausgestellt, zudem verbreite er einen Gestank „wie ins alte Jerusalem“. Der Vampir wird nicht nur mit einer Physiognomie ausgestattet, die antisemitische Züge trägt, er verfügt darüber hinaus über die Fähigkeit, seine Gestalt zu ändern, als Wolf oder Fledermaus zu erscheinen oder als Nebel unsichtbar zu werden.

Diese Wandlungsfähigkeit könnte Ängste hinsichtlich der zunehmenden Assimilation von Juden und ihrer Ununterscheidbarkeit ausdrücken, die nicht nur Antisemiten dazu brachte, sichtbare ‚jüdische’ Merkmale zu propagieren, sondern auch einige der auf diese Weise Stigmatisierten, wie Max Nordau, gingen dazu über, von einer Andersartigkeit der ‚jüdischen Rasse’ zu sprechen.


5. Schluss

Der eskalierende Antisemitismus im Zuge der Dreyfus-Affäre in Frankreich 1895 veranlasste Max Nordau dazu, sich mit seinem Jüdisch-Sein und der ‚Judenfrage’ auseinander zu setzen. „Das Anwachsen des Antisemitismus“ weckte in ihm nicht nur „das Bewusstsein der Pflichten gegenüber meinem Volke“, Antisemitismus sei auch erst „ein ausreichender Grund [...] ein Volk zu werden.“ Die Erfahrung habe gezeigt, dass selbst die größten jüdischen Assimilationsbestrebungen den Antisemitismus nicht überwinden könnten. Daher sah Nordau, der mit Theodor Herzl den modernen Zionismus begründete, den einzig möglichen Schutz der Juden vor antisemitischen Angriffen in einem Judenstaat.

Mit seinem Engagement für die zionistische Idee verbunden war Nordaus Charakterisierung insbesondere der assimilierten Juden in den Großstädten und der osteuropäischen Juden mit den Merkmalen der Entartung. In der Assimilation der großstädtischen Juden sah er nun „den Keim des Untergangs“, der emanzipierte Jude verleugne, „dass es ein jüdisches Volk gibt“, sei „innerlich [...] verkrüppelt, äußerlich wird er unecht“. Diese Formen der Entartung seien zwar auch durch soziale Umstände wie das Großstadtleben oder den Antisemitismus bedingt, seine Argumentationen ähnelte aber dennoch denen der Antisemiten selbst, da er die Annahme einer essentiellen auch physiologischen Andersartigkeit der „jüdischen Rasse“ übernahm und statistische Erhebungen vorschlug, um diese Andersartigkeit genau zu erfassen. Um die kritische Verfassung des jüdischen Körpers zu verbessern, forderte Nordau den „neuen Muskeljuden“, die Wurzellosigkeit und die Folgen der Verstädterung sollten mit einer ‚Rückkehr auf’ und in das eigene Land behoben werden.

Nordau blieb dem fortschrittsgläubigen, westlichem Rationalismus verpflichtet, der die Grundlage für einen säkularen jüdischen Staat bilden sollte. Einen zwingenden Zusammenhang zwischen einer rationalistischen positivistischen Wissenschaft und einem pathologisierenden, rassentheoretischen Antisemitismus sah er nicht. Sein Buch Entartung beantwortete die Stereotypisierung des jüdischen Körpers in der Medizin noch damit, dass Entartung nicht etwas spezifisch jüdisches sei, sondern, wenn überhaupt, auf Antisemiten zuträfe. Zu der Degeneration des deutschen Volkes schrieb Nordau: „Die deutsche Hysterie gibt sich im Antisemitismus kund, dieser gefährlichen Form des Verfolgungswahns, in welcher sich der für verfolgt Haltende zum wilden, des Verbrechen fähigen Verfolger wird.“ Diese Beschreibung träfe wiederum auf die zu, die sich von dem Vampir verfolgt fühlen und vor nichts zurückschrecken, um ihn zu vernichten. Aber man kann bezweifeln, ob sich Stoker dieser Assoziation bewusst war.

Max Nordau: Entartung, Bd. II, Berlin 1992/93, S. 528.

Bram Stoker: Dracula, Bergisch-Gladbach 1993, S. 530. Die englische Originalausgabe erschien unter demselben Titel erstmals 1897.

Vgl. Bénédict-Augustin Morel: Traité des dégénérescences physiques, intellectuelles et morales de l’espèces humaines, Paris 1857.

Etymologisch lässt sich das französische Wort ‚crétin’ auf ‚Christ’ zurückführen. Vgl. Wolfgang Pfeifer (Hg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 2. Auflage. Berlin 1993, S. 732. Die Krankheit bezeichnet eine ‚psychische Unterentwicklung’, die auf eine Schilddrüsenfehlfunktion zurückgeführt wird.

Daniel Pick: Faces of Degeneration: a European disorder, Cambridge 1989, S. 48.

Morel: Traité des dégénérescences (wie Anm. 3), S. 5.

Morel widmete sich sowohl der Degeneration nicht-europäischer, wie europäischer ‚Rassen’, wobei er, wie andere Entartungstheoretiker, europäische Entartete mit ‚wilden Primitiven’ verglich. Vgl. Pick: Degeneration (wie Anm. 5), S. 40f.

Michel Foucault bezeichnete diese politischen Technologie als ‚Bio-Macht’. Vgl. Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt 1977, S. 170.

Vgl.: Mariacarla Gadebusch Bondio: Die Rezeption der kriminalanthroplogischen Theorien von Cesare Lombroso in Deutschland von 1880-1914, Husum 1995, S. 81. Daniel Pick behandelt ausführlich die Rezeption von Entartungstheorien bei Balzac, Zola, Dickens und anderen. Vgl. Pick: Degeneration (wie Anm. 5).

Der Niedergang der Zivilisation wurde bereits in der Antike beklagt, eine moderne Version der Entartung durch Zivilisation findet sich bereits 1755 bei Rousseau. Vgl. Pick: Degeneration (wie Anm. 5), S. 20.

Dieser Fortschrittsglaube traf vor allem auf Nordau und Lombroso zu, andere Entartungstheoretiker wie Langbehn und Lagarde vertraten kulturpessimistischere Ansichten.

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 372.

Auch Lombroso beschäftigte sich zunächst mit dem Kretinismus, später steht die Analyse der anatomisch-pathologischen Merkmale von Verbrechern im Zentrum seiner Forschung. Lombrosos Hauptwerk war: L’uomo delinquente studiato in rapporto alla Antropologia, alla Medicina Legale e alle discipline carcerarie, 1. Aufl., Milano 1876, das in mehreren Auflagen erweitert wurde. Auch in Deutschland erschien es mehrfach aufgelegt unter dem Titel: Der Verbrecher in anthropologischer, ärztlicher und juristischer Beziehung.

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 176.

Ebd., S. 529.

Ebd., S. 530.

Für eine Analyse zeitgenössischer Diskurse über die ‚Entartung von Frauen’ in Dracula vgl. Salli J. Kline: The Degeneration of Women, Rheinbach-Merzbach 1992.

Max Nordau: Entartung, Bd. I (wie Anm. 1), S. 56.

Ders.: Degeneration, translated from the 2nd German edition, London 1895.

Nordau geht zumindest nicht genauer darauf ein, was er unter einer „fin de race“ versteht. Vgl. Nordau: Entartung. Bd. I (wie Anm. 1), S. 2.

Vgl. P.M. Balwin: Liberalism, Nationalism, and Degeneration: The Case of Max Nordau. In: Central European History 2 (1980), S. 102.

Ebd., S. 101. Er bezeichnete sich in Entartung selbst als deutschen Schriftsteller. Vgl. Nordau: Entartung, Bd. II (wie Anm. 1), S. 414.

Gadebusch Bondio zufolge, vertraten die beiden sogar gegensätzliche Auffassungen. Vgl. Gadebusch Bondio: Kriminalanthropologischen Theorien (wie Anm. 9), S. 118.

Nordau: Entartung, Bd. I (wie Anm. 1), S. 64.

Ebd., S. 62.

Ebd., S. 64.

Ebd., S. VII.

Nordau: Entartung, Bd. II (wie Anm. 1), S. 560f.

Nordau: Entartung, Bd. I (wie Anm. 1), S. VIII.

Vgl. Ebd., S. 28f.

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 115.

Ebd., S. 280.

Ebd., S. 176.

Vgl. Nordau: Entartung, Bd. I (wie Anm. 1), S. 66.

Ebd., S. 46.

Ebd., S. 65.

Nordau: Entartung, Bd. I (wie Anm. 1), S. 99.

Ebd., S. 91.

Vgl. Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 164.

Ebd., S. 60.

Nordau: Entartung, Bd. I (wie Anm. 1), S. 92.

Die Physiognomik als Lehre, nach der man von den Gesichtszügen und Körperformen eines Menschen auf dessen Charakter schließen könne, wurde vor allem von Johann Caspar Lavater in: Von der Physiognomik (1772) und Hundert physiognomische Regeln, Frankfurt/M. 1991, entwickelt, wobei die geistesgeschichtliche Entwicklung bis Aristoteles zurückreicht.

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 283.

Ebd., S. 350.

Ebd., S. 293.

Ebd., S. 498.

Auf diesen vampiristischen Aspekt maschineller Textverarbeitung weist Jennifer Wicke: Vampiric Typewriting: Dracula and its Media. In: The Horror Reader. Hg. Ken Gelder, New York/London 2000, S. 172-187.

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 112.

Vgl. Ebd., S. 346.

Vgl. den Band: Anthropology & Photography. Hg. Elisabeth Edwards, London 1992 und Susanne Regener: Ausgegrenzt. Die optische Inventarisierung des Menschen im Polizeiwesen und in der Psychiatrie. In: Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotographie 38 (1990), S. 23-38.

Nordau, Entartung, Bd. I (wie Anm. 1), S. 169.

Vgl. dazu Bondio: Kriminalanthropologische Theorien (wie Anm. 9), S. 89: „Die ungefähre Beschreibung konnte nun durch Sichtbares ergänzt werden, und die Wissenschaft erhielt die Möglichkeit durch genaue Bilder das Pathologische und das Abweichende zu visualisieren.“

Vgl. Stephen D. Arata: The Occidental Tourist. Dracula and the anxiety of reverse colonisation. In: Horror-Reader. Hg. Gelder (wie Anm. 47), S. 161-172. Arata bezeichnet Dracula als „Okzidentalist“ und zugleich „westlichsten“ Charakter des Romans.

Vgl. Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 34.

Mina beschwert sich eines Tages von Van Helsing „herumkommandiert“ zu werden. In: Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 538

Friedrich Kittler: Draculas Vermächtnis. Technische Schriften, Leipzig 1993, S. 41.

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 450.

Ebd., S. 187.

Ebd., S. 349.

Ebd., S. 530.

Dieser Begriff ist dem englischen Titel Imagined Communities von Benedict Anderson entnommen, das auf deutsch als Die Erfindung der Nation: zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, erweiterte Neuausgabe, Berlin 1996, erschienen ist.

Kittler: Draculas Vermächtnis (wie Anm. 56), S. 43.

Christina von Braun: Versuch über den Schwindel. Religion, Schrift, Bild, Geschlecht. Zürich/München 2001, S. 448.

Ebd., S. 448. Zum Zusammenhang von Buchdruck und der Entstehung der Idee der ‚Nation’ vgl. Anderson: Die Erfindung der Nation (wie Anm. 61).

Kittler: Draculas Vermächtnis (wie Anm. 56), S. 36.

Die Auffassung, dass Stoker unbewusst antisemitische Diskurse in seinen Dracula-Mythos integrierte, vertritt Jules Zanger: Dracula and the Jews. In: English Literature in Transition 34:1 (1991), S. 43.

Vgl. Friedrich Lotter: Innocens Virgo Et Martyr. Thomas von Monmouth und die Verbreitung der Ritualmordlegende im Hochmittelalter. In: Die Legende vom Ritualmord. Zur Geschichte der Blutbeschuldigung gegen Juden. Hg. Rainer Erb, Berlin 1993, S. 25-73.

Nach Judith Halberstam war Stoker sogar mit Richard Burton befreundet, der ein Traktat über Menschenopferungen unter sephardischen oder Ostjuden verfasste. Vgl. Judith Halberstam: Skin Shows. Gothic Horror and the Technology of Monsters, Durham/London 1995, S. 86. Zu den Ritualmordanschuldigungen in Osteuropa Ende des 19. Jahrhunderts vgl. Rainer Erb: Zur Erforschung der europäischen Ritualmordbeschuldigungen. In: Legende vom Ritualmord. Hg. Erb (wie Anm. 67), S. 9-17.

Vgl. Erb: Ritualmordbeschuldigungen (wie Anm. 67), S. 9.

Christina von Braun: Und der Feind ist Fleisch geworden. Der rassische Antisemitismus. In: Ludger Heid/Christina von Braun: Der ewige Judenhass, 2. verbesserte Auflage, Berlin/Wien 2000, S. 173.

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 373.

Vgl. Lotter: Die Verbreitung der Ritualmordlegende im Hochmittelalter. In: Ritualmord. Hg. Rainer Erb (wie Anm. 67), S. 30.

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 13.

Ebd., S. 496.

Ebd., S. 496.

Zu dem Zusammenhang des christlichen Menschopfers und den Ritualmordanklagen, vgl. Braun: Der rassistische Antisemitismus (wie Anm. 70), S. 153. Vgl. auch Utz Jeggle der schreibt: „Diese Vertauschung von Opfer und Täter bestimmt die ganze Geschichte der Ritualmorde.“ Utz Jeggle: Tatorte. Zur imaginären Topographie von Ritualmordlegenden. In: Ritualmord. Hg. Erb (Wie Anm. 67), S. 245.

Mit den Ritualmordanklagen war häufig auch die Beschuldigung der ‚Hostienschändung’ verbunden, nach denen Juden auf Hostien einstießen bis diese bluteten. In Dracula dagegen fungiert die Hostie als Vampirabwehr.

Vgl. Halberstam: Skin Shows (wie Anm. 68), S. 88.

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 496.

Zur Ambivalenz des Stereotyps vgl. Homi K. Bhabha: Die Frage des Anderen: Stereotyp, Diskriminierung und der Diskurs des Kolonialismus. In: Die Verortung der Kultur, Tübingen 2000, S. 97-125. Zum „projektiven Prinzip“ der Ritualmordgedanken vgl. Jeggle: Tatorte, (wie Anm. 67), S. 247.

Vgl. Sander Gilman: Rasse, Sexualität und Seuche. Stereotype aus der Innenwelt der westlichen Kultur, Reinbek bei Hamburg 1992, S. 181.

Vgl. Ebd., S. 198.

Vgl. Zanger: Dracula and the Jews (wie Anm. 65), S. 46f.

Vgl. insbesondere das Kapitel: Die Diskussion über Juden als ‚Rasse’. In: Klaus Hödl: Die Pathologisierung des jüdischen Körpers: Antisemitismus, Geschlecht und Medizin im Fin de Siècle, Wien 1997, S. 233-275.

Houston Steward Chamberlain: Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts, 24. Auflage (erstmalig erschienen 1899), München 1938, S. 441.

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 47

Ebd., S. 542.

Braun, Schwindel (wie Anm. 63), S. 460.

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 448.

Vgl. Rainer Erb, Die Wahrnehmung der Physiognomie der Juden: Die Nase. In: Das Bild des Juden in der Volks- und Jugendliteratur vom 18. Jahrhundert bis 1945. Hg. Heinrich Pleticha, Würzburg 1985, S.125.

Bereits der Begründer der modernen physiognomischen Lehre Lavater behauptete, Juden besäßen eine spezifische Physiognomie zu der auch eine ‚Habichtnase’ gehöre. Vgl. Erb: Die Wahrnehmung der Physiognomie der Juden (wie Anm. 90), S. 117.

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 31.

Mehrfach wird die „Adlernase“ des Vampirs genannt, vgl. Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 31, 215, 446. Zum Stereotyp der ;jüdischen Nase’ vgl. Erb: Wahrnehmung der Physiognomie der Juden (wie Anm. 90). Jules Zanger analysiert die Ähnlichkeit von Graf Dracula mit der von Antisemitismus geprägten Figur Svengali in George Du Mauriers Roman Trilby, der 1895 erschien und dem gleichnamigen Theaterstück, das in London großen Erfolg hatte. Vgl. Zanger: Dracula and the Jews (wie Anm. 65).

Stoker: Dracula (wie Anm. 2), S. 355.

Max Nordau: Meine Selbstbiographie. In: Zionistische Schriften, 2. Aufl., Köln 1923, S. 486.

Ders.: Ein Tempelstreit (1897). In: Zionistische Schriften, Köln/ Leipzig, 1909, S. 9.

Während Nordau mit den „erniedrigten Nachkommen einer edlen Rasse“ in den „zurückgebliebenen Ländern“ des Ostens Mitleid hat und zu Solidarität aufruft, verachtet er die „Abgestumpftheit, die Entartung oder die Abwesenheit des jüdisch-nationalen Geistes bei einer Minderzahl entnationalisierter Verbrecher.“ Max Nordau: Zionismus und Antisemitismus (1899), In: Zionistische Schriften (wie Anm. 96), S. 302f.

Max Nordau: Der Zionismus (1902). In: Zionistische Schriften (wie Anm. 96), S. 20.

Ebd., S. 20.

Ders.: 1. Kongressrede (1897). In: Zionistische Schriften (wie Anm. 96), S. 51.

Ders.: V. Kongressrede (1901). In: Zionistische Schriften (wie Anm. 96), S. 114. Viele jüdische Wissenschaftler übernahmen die zeitgenössischen Rassen- und Entartungstheorien und modifizierten sie, in dem sie z. B. die Entartung des ‚jüdischen Körpers’ milieubedingt erklärten. Vgl. Hödl: Pathologisierung (wie Anm. 84), S. 282f. Gilman: Rasse, Sexualität, Seuche (wie Anm. 81), S. 193f.

Vgl. Max Nordau: Muskeljudentum (1900). In: Zionistische Schriften (wie Anm. 96), S. 379-382.

Nordau: Entartung, Bd. I (wie Anm. 1), S. 325.