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Der philosophische Moment

Zur negativen Dialektik der Figur »französischer Meisterdenker«, von Nicolas Siepen
 
   

»… es gehört zum Schicksal sämtlicher aufgeworfener Probleme, dass sie zu Schlagworten degradiert werden«1 (Michel Foucault)

 

Es wird also zwischen 1934 und dem Ende des 20. Jahrhunderts einen »französischen Moment der Philosophie« gegeben haben. So sieht es der Old-Newcomer Alain Badiou in aller Bescheidenheit: »Ich möchte also eine ebenso historische wie nationale These aufstellen: Es gab oder gibt – je nachdem, wo ich mich platziere – einen ›französischen Moment der Philosophie‹, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stattfand«. Vom frühen Sartre von das »Das Sein und das Nichts« bis zum späten Deleuze von »Was ist Philosophie?« umfasst dieser Moment immerhin siebzig Jahre und versammelt Namen wie Gaston Bachelard, Maurice Merleau-Ponty, Claude Lévi-Strauss, Louis Althusser, Michel Foucault, Jacques Derrida und Jacques Lacan, also das Who Is Who des Strukturalismus und Poststrukturalismus und vielleicht auch Alain Badiou selbst: »wir werden sehen. Wenn es einen ›französischen Moment der Philosophie‹ gibt, dann besteht meine spezifische Position darin, vielleicht dessen letzter Repräsentant zu sein«.

Es lohnt sich, an Badious »Abenteurer des Begriffs«2 überschriebenen Artikel einige Fragen zu stellen, zumal er die angekündigte Klärung seiner Position an der Grenze des »Moments« bis zum Ende des Text fast schuldigt bleibt – er ziert sich. Etwas, das sonst eher Jacques Derrida mit voller Absicht als Aufschub inszeniert hat. Badious »Dissémination« verweist jedoch auf etwas anderes, aber davon später. Wir haben also zunächst eine Reihe qualifizierter Namen: »Dieses Ensemble stellt meiner Ansicht nach einen neuen, einzigartigen und singulären, gleichzeitig aber auch allgemeinen Moment der Philosophie dar. « Es liegt in der Natur einer solchen Betrachtungsweise, dass man die Liste beliebig fortsetzen könnte und die Aussparungen dennoch symptomatisch sind. Auf jeden Fall gehören in dieses Ensemble auch: Maurice Blanchot, Pierre Klossowski, Jean Genet, Félix Guattari, Jean-Luc Nancy, Etienne Balibar, Guy Hocquenghem, Jacques Rancière, Michel de Certeau, Roland Barthes, Paul Veyne, Fernand Braudel, Daniel Bensaϊd, George Bataille, Emanuel Lévinas, Pierre Bourdieu, Paul Virilio, Guy Debord, Jean-François Lyotard, Jean Baudrillard, aber auch Michel Leiris und viele mehr. In Badious Auswahl ist also ein Selektionsmechanismus, ein Raster am Werk, das, neben der notwendigen Komprimierung eines kurzen Textes, eine Auswahl trifft. Die Rasterung wird von dem Begriff »Philosophie« bereits überkodiert und ausdifferenziert. Einige sind einfach keine Philosophen, weil sie Historiker, Soziologen, Schriftsteller, Dromologen, Situationisten, Schwulenaktivisten, Psychoanalytiker, Ethnologen, Marxisten oder einfach Postmodernisten sind. Das trifft aber auch explizit auf Foucault, Lévi-Strauss, Althusser und Lacan zu. Und wo wir schon mal beim Name-dropping sind, was ist eigentlich mit Simone de Beauvoir, Hélène Cixous, Sarah Kofman, Luce Irigaray, Monique Wittig und Julia Kristeva? Bei dieser Auslassung zählt das Argument der Fachgrenze noch weniger. Sie dem Ensemble komplett vorzuenthalten ist mehr als eine Unachtsamkeit, sondern das Symptom für den patriarchalischen Diskurs an sich. Es reicht ein Zitat von Luce Irigaray aus den 70er Jahren um diesen Blindenfleck ins rechte Licht zu rücken: »Dieses Geschlecht, das sich nicht sehen lässt, das nicht ein Geschlecht ist, wird als kein Geschlecht gezählt: als Negativ, Gegenteil, Kehrseite, Mangel … Deshalb kann es nicht darum gehen, eine neue Theorie auszuarbeiten, deren Subjekt oder Objekt die Frau wäre, sondern der theoretischen Maschinerie selbst Einhalt zu gebieten, ihren Anspruch auf Produktion einer viel zu eindeutigen Wahrheit und eines viel zu eindeutigen Sinn zu suspendieren.« Als Freund der Mengenlehre sollte Badiou wissen, dass Feminismus und Philosophie keine distinkten Mengen bilden, sondern vielfältige Schnittpunkte aufweisen, die die Philosophie in besonderem Maße herausfordert. Die hart erkämpfte Möglichkeit in seinem eigenen Namen sprechen und schreiben zu können, betrifft explizit die Kategorie der Wahrheit und ihren Allgemeinheitsanspruch.

Um diese signifikante Leerstelle in der Darstellung Badious zu verstehen, muss man sich die formale und inhaltliche Bestimmung des »philosophischen Moments« genauer ansehen. Und auch wenn Badiou den Begriff nicht explizit verwendet, lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass der Philosoph als Freund der Weisheit und »Meisterdenker« eine männliche Figur ist. No Sister! Während Badiou sich mit Deleuze wahrscheinlich darauf einigen könnte, das Spinoza – vermutlich würde er jedoch Platon vorziehen – die Verkörperung des Philosophen in Reinform und dessen »Ethik« eine unerschöpfliche Quelle der Philosophie darstellt, weist etwa Luce Irigaray darauf hin, dass die Substanz bei Spinoza ein maskulines Konzept ist und damit eine getrübte Quelle. Foucault knüpfte sein philosophisches Pathos lieber an Polizeiakten, und Derrida war für solche Feststellungen einfach zu vorsichtig – letzterer reiht sich jedoch indirekt in diese Logik ein, wenn er seinen zärtlichen Nachruf auf Deleuze mit »Wir haben die Philosophie geliebt« betitelt und feststellt, dass sie dieselben Feinde gehabt hätten. Die Feinde der Philosophen sind die Feinde der Philosophie.3

Aber was genau qualifiziert diese spezifischen Philosophen als »Meisterdenker«? Oder mit Badiou gefragt: »Was hat sich im Umkreis jenes knappen Dutzends der soeben zitierten Namen ereignet?« Antwort: Die Philosophie selbst, »sie wendet sich ›ohne Ausnahme‹ an alle. […] Die Philosophie ist also ein allgemeines Streben nach Vernunft, und gleichzeitig manifestiert sie sich in vollkommen einzigartigen Momenten.« Ihr aristokratisches Auftreten ist äußerst selten. Zwar wendet sie sich an alle, kann aber nicht von allen zu jeder Zeit praktiziert werden. Dementsprechend ereigneten sich solche Momente zwischen dem 5. und dem 3. Jahrhundert v. Chr. von Parmenides bis Aristoteles; zwischen dem Ende des 18. und dem Anfang des 19. Jahrhunderts von Kant bis Hegel und schließlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Sartre bis Deleuze/Badiou – natürlich »unter Wahrung aller Größenverhältnisse«. Zwischen außergewöhnlichen philosophischen Momenten bestehen selbstverständlich Hierarchien, denen so unterschiedliche soziokulturelle Milieus wie die griechische Sklavenhaltergesellschaft, der preußische Staat und das zweite revolutionäre Paris als Schauplatz dienen.

Soweit die formale Bestimmung, aber was macht den einzigartigen Moment aus? Badiou isoliert vier grundlegende Operationen: »Der besagte ›französische Moment der Philosophie‹ bestand also erstens in einer neuen Aneignung des deutschen philosophischen Schaffens, zweitens in einer schöpferischen Sicht der Wissenschaft, drittens in einer politischen Radikalität sowie viertens in der Suche nach neuen Formen der Kunst und des Lebens. […] All diese Philosophen haben versucht, einen neuen Stil zu entwickeln, neue Schreibweisen zu erfinden; sie wollten Schriftsteller sein. Bei Deleuze oder bei Foucault etwa finden Sie eine völlig neue Bewegung des Satzes; es liegt ein ganz und gar originelles Verhältnis zwischen dem Denken und der Bewegung des Satzes vor, […] wir haben es mit einem affirmativen Rhythmus zu tun. […] Bei Derrida wiederum haben wir es mit einer komplizierten und geduldigen Beziehung der Sprache zu sich selbst zu tun. […] und das Denken vollzieht sich gerade in dieser Arbeit der Sprache an sich selbst. Bei Lacan schließlich stoßen wir auf eine spektakuläre komplexe Syntax, die letzten Endes nur der Syntax von Mallarmé gleicht.« Das stimmt! Aber gerade in der Neubestimmung der sprachlichen Arbeitsweisen hätten die nach Deleuze »stroboskopische Schreibweise« von Hélène Cixous, aber auch die Stilistiken von Sarah Kofman, Luce Irigaray, Monique Wittig und Julia Kristeva ebenso ihren Platz und ließen sich von hier aus mit den genannten Operation ins Verhältnis setzten. Revolt, she said. Dass Badiou sie einfach unter den Tisch fallen lässt, zeigt ganz deutlich, dass die Bestimmung »für alle« zu allgemein ist. Sie übersieht mit Absicht, denn sonst ließe sich die Definition nicht halten, dass zwischen dem Universalitätsanspruch und dem singulären Ort seiner Artikulation eine perspektivische Verzerrung stattfindet. Unter Verwendung des eigenen, gesellschaftlich verorteten Namens kann man nicht im Namen von »allen« sprechen, ohne sich in den Fallstricken der Repräsentation zu verfangen. Erweitert man also seine Beschreibung um alle weiteren Namen und Operationen, wird das Bild des »Moments« nicht einfach komplettiert, sondern ändert seinen Charakter. Man müsste dann zeigen, wie sich unter der Oberfläche des vermeintlich Gemeinsamen ein komplexer antagonistischer Raum öffnet, in dem sich die Allgemeinheit in einen Widerstreit verwandelt: »while police involves the attempt to reduce all differences to partialities within the communitarian whole – to conceive any difference as mere particularity, and refer the moment of universality to a pure, uncontaminated instance (the philosopher-King of Plato, state bureaucracy in Hegel, the proletariat in Marx) politics involves an ineradicable distortion, a part that functions simultaneously as the whole.« 4

Weil es Badiou in dem Text jedoch offensichtlich um Versöhnung geht, behandelt er Aspekte, die seiner Vorgehensweise konträr sind, nur am Rande. Man könnte nämlich auch zeigen, dass viele der TheoretikerInnen, um die es hier geht, einem ausgeprägten anti-platonischen bzw. anti-hegelianischen Impuls gefolgt sind und die Idee der »konkreten Allgemeinheit« Hegels radikal in Frage gestellt haben.

 

 

Der Verfaulungsprozess des absoluten Geistes

So augenfällig, seltsam und interessant die Dichte an »französischen Denkern« in diesem Zeitraum auch scheinen mag, es bleibt fragwürdig, ob die retro-aktive Synthetisierung der Philosophie als »französisch« nicht allzu künstlich und letztlich kontraproduktiv ist. Das weiß Badiou natürlich selbst alles, und seine Texte, die gerade in schneller Abfolge übersetzt und auf Deutsch publiziert werden, geben darüber detailliert Auskunft. Dass Badiou sich mit einigem Recht zu dem Ensemble rechnen kann, liegt auf der Hand. Interessanter ist jedoch, warum er gleichzeitig auch nicht dazu zählt und so fintenreich einen Endpunkt für sich beanspruchen kann, der über das Ensemble hinausreicht. Dazu muss jedoch das Ensemble erweitert werden. In einem »Streitgespräch«, das dem Gurren von Verliebten gleicht, kommen Badiou und Slavoj Žižek darin überein, das man aktuelle Philosophen wie zu Zeiten Platons (ein ähnlicher Gedanke findet sich in »Was ist Philosophie?« von Deleuze/Guattari) vor den heutigen Sophisten jedweder Couleur in Schutz nehmen muss.5

Der Clou an Badious Selbstpositionierung, an der Grenze zu dieser philosophischen »Epoche«, besteht also darin, ihre grundlegenden Problemstellungen teilweise zu annullieren und mühsam dekonstruierte, patriarchale Muster, die der abendländischen Philosophie immanent sind, zumindest dem Gestus nach, wieder zu rehabilitieren.

Das garantiert ihm, Žižek und anderen einen Eklektizismus, der es ermöglicht, von den griechischen Erfindern der Philosophie über den deutschen Idealismus hin zu den Franzosen den Zusammenhang »Philosophie« als eine sprunghafte und gegenseitige Bezugnahme von »Meisterdenkern« über die Jahrhunderte hinweg zu inszenieren. Und in der Tat, sie schreiben sich Postkarten (Derrida und Platon), schießen Pfeile ab (Nietzsche und Foucault), lassen eine frische Prise aufkommen (Spinoza und Deleuze) oder senden sich Grüße (Marx und Althusser). Unnötig nochmals zu betonen, dass die Philosophen ohne Ausnahme männlich, mehr oder weniger weiß, aber nicht unbedingt »straight« sind. Die »Operation«, die Badiou hier ausführt, gelingt, weil sie nicht von außen herangetragen, sondern der Philosophie eingeschrieben ist. Das soll nicht heißen, dass wir es hier mit einer reinen Machowelt zu tun haben – obwohl Žižeks lacanianischer Akt und Badious platonisches Wahrheitsereignis dem sehr nahe kommen –, denn einige Ensemblemitglieder, namentlich Deleuze, Derrida und Foucault, versuchen auf sehr unterschiedliche und sich oft widersprechende Weise, »mit den Mitteln der Philosophie über die Philosophie hinaus zu gelangen« und das Paradox einer affirmativen Kritik zu realisieren. Eine Form der affirmativen Kritik sucht Badiou auch, aber in der Philosophie und unter der Flagge eines seltsam absoluten Wahrheitsanspruchs. Selbst wenn Badious Behauptung stimmen sollte, dass Deleuze nicht, wie es das Klischee will, der Denker des Singulären, Differenten und Multiplen, sondern des Einen ist, müsste dennoch zugestanden werden, dass er die Ereignisse nicht in die Wahrheit mit einschließt. Das ist eine Frage des Stils. In diesem Punkt ist Badiou theoretisch außerordentlich suggestiv. Er nimmt für sich in Anspruch Multiplizität als solche ohne Überbau als einziger zu denken und verteidigt gegen die Antiplatoniker den universellen Anspruch der Philosophie. Wenn man schon diesen philosophischen Urstreit bemüht, dann kommt alles darauf an, dass man sich seine Sophisten gut auswählt. Stehen der Reinheit des politischen Projekts, wie Badiou und Žižek ziemlich paranoid behaupten, die vermeintlichen Partikulareninteressen des Feminismus, der Queer-aktivistInnen oder Cultural Studies etc. im Weg, dann ist die Wahrheit nichts wert. Und genau in diesem Punkt stellen sie einen Rückschritt gegenüber dem »französischen Moment der Philosophie dar«. Aber vielleicht lässt sich die Philosophie letzten Endes von in ihrem Wahrheitsanspruch gar nicht wirklich trennen.

Man wird das Gefühl einfach nicht los, dass der Ballast der Philosophiegeschichte, aus der all diese Operationen und Manöver ihr jeweiliges Material gewinnen, sich ihnen gleichzeitig massiv in den Weg stellt, kurz: Man kann Hegel wirklich nicht entkommen! Denn aus »Werkzeugkisten« lässt sich immer wieder der absolute Geist destillieren: »Es handelt sich allerdings um ein interessantes Ereignis: um den Verfaulungsprozess des absoluten Geistes.« (Karl Marx, Die Deutsche Ideologie). Badious Position an der Grenze besteht einfach darin, dass er das Werkzeug mit dem absoluten Geist amalgamieren und versöhnen will. So forget Hegel!

Ich glaube, es war Etienne Balibar, der in einem Interview auf den Widerspruch hingewiesen hat, dass Foucault – der »Philosoph mit der Maske«, der am liebsten anonym geschrieben hätte und die universalistischen Größenwahn der Philosophen verabscheute – einer der wenigen seiner Generation ist, der ein philosophisches »Werk« von klassischem Format hinterlassen hat. Foucaults Arbeit pendelt in der Tat permanent zwischen den Ansprüchen der akademischen Welt, die er virtuos beherrscht wie kein zweiter, und den Kämpfen der Straße, denen er teilweise ein neues Gesicht gegeben hat. Aber wahrscheinlich macht gerade diese Spannung ihn so anziehend. Die publizistische Geschäftigkeit, die Foucault, Deleuze und Derrida allmählich der Vollständigkeit zuführt und die Sekundärliteratur ins Uferlose wachsen lässt, ist nur ein Indiz für das vermeintliche Ende dieses philosophischen Moments, und wahrscheinlich drückt nichts die negative Dialektik der Figur des französischen »Meisterdenkers« besser aus als die Auswahl der Klappentexte auf der Rückseite des vierbändigen Opus Magnum »Dits et Ecrits«, in der alle Interviews, Artikel und kleinen Texte, die Foucault je veröffentlicht hat, versammelt sind. Auf Band Eins steht ein Zitat seines Freundes, dem Historiker Paul Veyne: »Das Werk Foucaults scheint mir das bedeutendste Denkereignis unseres Jahrhunderts zu sein.« Andere würden hier Derrida den Vorzug geben oder wie Badiou Deleuze als seinen eigentlichen Konkurrenten um diesen Platz favorisieren. Band Zwei schmückt ein Zitat von Foucault selbst: »Ich möchte, dass meine Bücher Skalpelle, Molotowcocktails oder Mienengürtel sind und dass sie nach Gebrauch wie ein Feuerwerk zu Asche zerfallen.« Das Buch, auf dem dieser Satz gedruckt ist, gleicht einem Ziegelstein und steht dem Gebrauch noch offen. Band Drei lässt Foucault sagen: »Wer kämpft gegen wen? Wir kämpfen alle gegen alle. Und es gibt stets etwas in uns, das gegen etwas anderes in uns kämpft. « Das ist leider wahr! Von Band Vier aus fragt er uns: »Was geschieht heute? Was geschieht jetzt? Und was ist dieses ›Jetzt‹, innerhalb dessen wir die einen und die anderen sind und das den Zeitpunkt bestimmt, an dem ich schreibe?« Genau das wüsste man gerade im jetzigen Moment gerne.

Am Ende seines Textes entschließt sich Badiou doch, Teil des von ihm ausgemachten Ensembles zu sein, und gibt auf die Frage eine melancholische Antwort: »Ich glaube, dass wir etwas ganz Besonderes wünschten, das in Wirklichkeit problematisch ist: Wir wollten Abenteurer des Begriffs sein.« Dass »Problematische« markiert den dialektischen Umschlag: »Nach der Zeit der Abenteurer kommt im allgemeinen die Zeit der Ordnung. Das ist das Problem. Man versteht es: Diese ganze Philosophie verfügte über eine piratenhafte Seite, Deleuze nannte sie gerne ›nomadisch‹. ›Abenteuer des Begriffs‹ – dies scheint die Formel zu sein, die uns alle versöhnen könnte …«

Der nächste »philosophische Moment« kommt bestimmt. Vielleicht in fünfhundert Jahren. Die Spielräume für radikales Denken und Handeln werden allerdings langsam eng und Feinde schießen in der Form von »Freiheit«, Mini-Denkern, Straight Minds, Neokapitalisten, Fundamentalisten sowie militärisch-industriellen und kuratorisch-kulturellen Komplexen wie Pilze aus dem Boden. Man wird die »Werkzeugkisten« also schon bald wieder aus der Asche oder dem Bücherregalen nehmen und öffnen müssen …

»Es gibt eine Freiheit, die das Signum einer Clique und damit schon Slogan einer Propaganda ist. […] Die demokratische Freiheiten, die bei der Beurteilung einer Gesellschaft als einziges Kriterium angesehen werden; die Demokratien, die von allen hier und dort verübten Gewalttaten freigesprochen sind, weil sie ja das Prinzip der Freiheit anerkennen und diese zumindest im Innern praktizieren; kurz, die paradoxerweise zum Prinzip der Trennung und des Pharisäertums gewordene Freiheit ist eine kriegerische Handlung. «. (Maurice Merleau-Ponty, Humanismus und Terror, 1947)

[…]

 

»Wegen der Frage, ob das politische System der Inkas sozialistisch oder totalitär war, ist schon genug Tinte geflossen. «

(Claude Lévi-Strauss, Rasse und Gesellschaft, 1952)

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»Darüber hinaus konnte man beobachten, wie innerhalb eines Jahres der Althusserismus den Mini-Denkern des Revisionismus als theoretische Rechtfertigung ihrer »antigauschistischen« Offensive und der Verteidigung des akademischen Wissens diente. «

(Jacques Rancière, Wider den akademischen Marxismus, 1969)

[…]

 

»Dieses Geschlecht, das sich nicht sehen lässt, das nicht ein Geschlecht ist, wird als kein Geschlecht gezählt: als Negativ, Gegenteil, Kehrseite, Mangel … Deshalb kann es nicht darum gehen, eine neue Theorie auszuarbeiten, deren Subjekt oder Objekt die Frau wäre, sondern der theoretischen Maschinerie selbst Einhalt zu gebieten, ihren Anspruch auf Produktion einer viel zu eindeutigen Wahrheit und eines viel zu eindeutigen Sinn zu suspendieren.«

(Luce Irigaray, Das Geschlecht das nicht eins ist, 1974)

[…]

 

»…die Sprache diktiert uns ihr Gesetz, das ein Gesetz des Todes ist: sie diktiert uns ihr Familienmodell, sie diktiert uns ihr Ehemodell …«

(Hélène Cixous, Die unendliche Zirkulation des Begehrens, 1977)

[…]

 

»Es gibt keinen universellen Kapitalismus, keinen Kapitalismus an sich, der Kapitalismus liegt im Schnittpunkt von allen möglichen Formationen, er ist von Natur aus immer Neokapitalismus und noch schlimmer: er erfindet ein orientalisches und abendländisches Gesicht und die Umbildung beider.«

(Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus, 1980)

[…]

 

»We must produce a political transformation of the key concepts that is of concepts which are strategic for us. «

(Monique Wittig, The Straight Mind, 1992)

[…]

 

»The warders of the labour movement now agree to deal with the family and with desire just as long as the issue is confined to sterilized institutional objects: the »quality of life« and other nonsense. But as soon as other objects, dynamite carries come into the picture – homosexuality, criminality, abortion – they call in the cops!

The capitalist is interested only in the different machines of production that he can connect to his machine of exploitation: your arms, if you a janitor; your brains, if you are an engineer; your looks, if a cover-girl. Not only doesn’t he give a damn about the rest, but he won’t hear a word about it. To speak in the name of the rest would upset – could only upset – the normal process of his production.«
(Felix Guattari, Chaosophy, Semiotext(e) - MIT press 1995)

[…]

»Die Philosophie gleicht einem Speicher, in dem man in schwierigen Zeiten Vorräte sammelt, Werkzeuge ablegt, wo man ein paar Messer schleift. Sie ist das, was für alle anderen Formen des Denkens einen breiten Vorrat an Mitteln bereitstellt. Diesmal gilt es, aufseiten der Affirmation und des Unendlichen Vorräte, Werkzeuge und Messer auszuwählen und zu sammeln.
(Alain Badiou, Philosophische Überlegungen zu einigen jüngsten Ereignissen in Terror des Systems, 2002)

[…]

1 Michel Foucault, Dits et Ecrits – Band 4. Frankfurt am Main 2005, S. 551

2 Alain Badiou, Abenteurer des Begriffs. Über die Einzigartigkeit der jüngeren französischen Philosophie, in: Lettre International, Nr. 71.

3 Jacques Derrida, Wir alle haben die Philosophie geliebt, in: Süddeutsche

Zeitung 259, 1995

4 Ernesto Laclau, On Populist Reason, London 2005

5 Vgl. Alain Badiou, Slavoj Žižek, Philosophie und Aktualität. Ein Streitgespräch, Wien 2005.