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Fezer, Jesko / Mathias Heyden (Hg.)
metroZones 3
Hier entsteht
Strategien partizipativer Architektur und räumlicher Aneignung
2004 · 256 S. + cd-rom · 14 € · ISBN 3-933557-53-4

Lektorat: Kim Hörbe; Christian Sälzer (Mitarbeit)
Übersetzung: Christian Sälzer (engl.)
Gestaltung: sandy k. / bildwechsel; Pierre Maite (Mitarbeit)
archplus. Zeitschrift für Architektur und Städtebau
Nr. 172 / Dezember 2004

Buchtip

›Hier entsteht‹ wird als Buchtip empfohlen.


Berliner Zeitung
15.12.2004
Ausgezeichnete Umschlagplätze
Die Stiftung Buchkunst hat die schönsten Bücher 2004 gewählt – viele sind aus Berliner Verlagen.


Man sollte ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen, so sagt es das bekannte Sprichwort. Genau dies aber macht die Stiftung Buchkunst einmal im Jahr und prämiert die "schönsten deutschen Bücher". Kriterien sind die Gestaltung, Konzeption und technische Verarbeitung der Werke. Unter den Preisträgern 2004 sind auch wieder viele Berliner Verlage, Berliner Herausgeber oder Themen aus Berlin. Die prämierten Bücher werden auf dieser Seite vorgestellt.
(...)

HIER ENTSTEHT: Eigentlich könnte man es für eine Selbstverständlichkeit halten, dass die Menschen beim Bau ihrer Häuser und Städte mitbestimmen. So ist es aber nur in wenigen Fällen, weshalb vor allem in den Sechziger- bis Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts weltweit Projekte realisiert wurden, die gängige urbane Prozesse in Frage stellten und alternative Modelle entwickelten. Architekten und Stadtplaner beteiligten sich daran ebenso wie Künstler, Theoretiker und politische Aktivisten. Jesko Fezer und Mathias Heyden haben in ihrem Buch "Hier entsteht" umfangreiches Material über Theorien und Bauten zusammengetragen, die beispielhaft für einen selbstbestimmten Umgang mit Architektur und Stadtplanung stehen. In Interviews kommen Architekten, Planer und Forscher zu Wort, deren Arbeit von einem partizipatorischen Ansatz geprägt ist. Grafisch besonders schön gelöst ist dabei der ausführliche Fußnotenteil. Er ist als Service-Block mit vielen Bildern und Skizzen über die eigentlichen Texte gesetzt. Ein Architekturführer, der im Anhang 44 wichtige westeuropäische Bauten vorstellt, die mit Nutzerbeteiligung errichtet wurden, sowie ein Plan der spezifischen Berliner Beispiele partizipativer Architektur machen das Buch nicht nur richtig lesenswert, sondern richtig nützlich. (loh.)


dérive. Zeitschrift für Stadtforschung
Nr. 18/ Januar 2005
André Krammer
Partizipation und Aneignungsstrategien

Im Rahmen von ErsatzStadt ist nun in der Reihe metroZones ein dritter Band erschienen, „Hier entsteht. Strategien partizipativer Architektur und räumlicher Aneignung“. Die Publikation ist als begleitendes Textkonvolut zu Aktionen und Diskussionen rund um einen temporären Anbau an die Berliner Volksbühne konzipiert. Dieser dient als Forum zu Diskurs und Praxis von Partizipation und Aneignungsstrategien in Architektur und Städtebau. Das Buch versammelt Theorien und Projekte zum Thema in Form von Beiträgen und Interviews, die gegenwärtige Prozesse umreißen, aber auch Rückblicke auf emanzipatorische Ansätze der Moderne und insbesondere auf Strategien partizipativer Architektur und Raumproduktion der sechziger und siebziger Jahre beinhalten. Einen weiteren Schwerpunkt nehmen wiederum informelle Stadtstrukturen der Metropolen des Südens ein (siehe metroZones 2: Learning from*, 2003). Eine CD-ROM mit audio-visuellem Material rund um die Aktionen im Pavillon am Rosa-Luxemburg-Platz liegt bei. Im Mittelpunkt steht die Gegenüberstellung einer (anachronistischen) Vorstellung von der Kontrolle und Planbarkeit der Stadt und der zunehmenden Unvorhersehbarkeit urbaner Prozesse beziehungsweise alternativen Formen kollektiver räumlicher Aneignung und Selbstorganisation.

Der Kontext hat sich verändert. Durch den schrittweisen Rückbau des Wohlfahrtsstaates sind neue Bedingungen entstanden: Runde Tische und Modelle der Mitbestimmung dienen heute oft als (Macht-)Instrument, um ein umstrittenes Projekt zu legitimieren. Alte Formen räumlicher Aneignung haben sich teilweise entpolitisiert. Zwischennutzungen (Hausbesetzungen) dienen oft schon als start-ups in eine (KünstlerInnen-)Karriere. Auf der einen Seite erlaubt die Öffnung von Planungsprozessen die Sichtbarmachung und Artikulation allgemeiner und partikularer Interessen, auf der anderen Seite definiert eine Ökonomie im Einfluss von Selbstorganisationstheorien das Subjekt als UnternehmerIn seiner oder ihrer selbst. Die Aufforderung zur Partizipation beinhaltet – worauf schon in der Einleitung hingewiesen wird – auch eine neue Regierungstechnik, die insgeheim eine gesamtgesellschaftliche Verantwortlichkeit aufgekündigt hat.

Erzählt wird auch von der traditionellen europäischen Sehnsucht nach vermeintlich ursprünglichen Stadt-und Wohnformen ferner Kulturen. Diese lässt sich auch durch das schwierige Verhältnis erklären, in dem sich eine emanzipatorische Moderne mit komplexen Alltagskulturen befand. Niederschlag fand die zunehmende Unzufriedenheit mit starren Dogmen der Planung in sehr unterschiedlichen Experimenten, in deren Mittelpunkt aber meist die Flexibilisierung von Raumelementen, Räumen und Nutzungen stand. (Angefangen bei flexiblen Fertigteilbauelementen, bis hin zu den techno-utopischen und reformistischen Ansätzen der sechziger Jahre). Die Grenzen der Planbarkeit von Stadt lassen auch heute Interesse an alternativen Strukturen entstehen, wie man sie in informellen Stadtstrukturen südlicher Metropolen findet. Interessant wird dieser immer auch exotistische Blick, wenn er die Kritik an eigener Planungspraxis fördert. Hingewiesen wird auf die Tatsache, dass selbstorganisierte Siedlungen schon längst in der Mitte in Europa entstanden sind, wie z. B. an der Peripherie von Rom, wo ZuwandererInnen „illegale“ Baracken errichten. Die Aufgabe einer zeiträumlichen Fixierung städtischer Entwicklung bringt eine – manchmal diffuse – Hoffnung auf prozesshafte Entwicklungen mit sich, die im Idealfall neue demokratischere Entscheidungsstrukturen beinhalten sollten.

Die AutorInnen weisen wiederholt darauf hin, dass das Berufsbild der ArchitektInnen im Wandel begriffen ist. FertighausproduzentInnen, GeneralunternehmerInnen und ProjektentwicklerInnen (ExpertInnen für ökonomisch verwertbaren Raum) treten heute als ErfüllungsgehilfInnen individueller Wunschproduktion auf. Die Rolle der ArchitektInnen bewegt sich in Richtung Moderation auf der Suche nach neuen gesellschaftlichen Allianzen. Der Band bietet eine Vielzahl an interessanten Theorien und Fallbeispielen. Zur Sprache kommen unter anderem so diverse Aspekte des Themas wie die Praktiken der Raumaneignung in DDR-Plattenbauten (Wolfgang Kil), feministische Perspektiven auf Raumproduktion (Yvonne Doderer) oder informelles Bauen in Mexico City (Eckhart Ribbeck).


taz 6/03
Kirsten Küppers
Auf diesen Stangen können Sie bauen!
Architektur für alle: Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Ersatzstadt" entsteht auf einem Grundstück vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz eine Work-in-progress-Konstruktion, an deren Bau jeder mitwirken darf

Gestern ist die Gerüstbaufirma vorgefahren. Mit einem Lkw voller Stangen und Metall ist sie vor die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gefahren, die Männer sind ausgestiegen und haben mit der Arbeit begonnen. Wenn sie mit ihrem Gestell fertig sind, kommen die Studenten und bauen weiter. Und mit ihnen die Künstler, Nachbarn, Buchhändler, Kinder, Anwohner, die Arbeitslosen, Musiker, Architekten und wer sonst noch alles will.

Die Menschen bringen Holz mit und Werkzeug und Möbel. Was genau sie damit bauen, kann man noch nicht sagen, denn das Projekt trägt den bezeichnenden Namen "Hier entsteht". Aber es gibt einen Bauplan: Verbaut werden soll demnach eine 200 Quadratmeter große Fläche auf vier Meter 50 Höhe. Die Terrasse ragt über das Dach des kleinen Glaspavillions neben der Volksbühne, sie ragt in die Straße hinein, ein riesiges Ding. "Die Fläche steht über der normalen Stadtstruktur und es ist unser eigenes Grundstück", erklärt Projektleiter Jesko Fezer.

Zusammen mit Studenten von der Universität der Künste hat er sich die Sache ausgedacht: "Ein Grundstück, in das man Nägel hämmern kann und Schrauben hineindrehen." Bis zum 12. Juli soll das Bauwerk stehen bleiben. Es gehört zur derzeit an der Volksbühne laufenden Veranstaltungsreihe "Ersatzstadt".

Die "Ersatzstadt" hat in den letzten Monaten bereits ein angenehmes Radioprogramm, einen Bombay-Abend und ein Istanbul-Wochenende initiiert. Bei "Hier entsteht" soll nun ein temporärer Raum geschaffen werden, der für alle ungeplanten Aktivitäten zur Verfügung steht, sagt Jesko Fezer. Vielleicht wird daraus eine Budenstadt. Vielleicht wird dort ein Garten angepflanzt, ein Club betrieben und ein Sonnenstudio eröffnet, vielleicht ein Dusch-Center installiert, eine Tischtennisplatte und eine Suppenküche aufgestellt. Alles ist noch ein bisschen unklar in der ersten Bauphase. Aber im Pressetext zu "Hier entsteht" ist ein Zitat des Architekten Giancarlo De Carlo von 1969 abgedruckt: "In reality architecture is too important to be left to architects." Und mit diesem schönen Satz lässt sich das Anliegen des Ganzen zumindest beschreiben.

Denn bei "Hier entsteht" geht es um Strategien partizipativer Architektur. Alle Menschen sollen kommen und mitmachen. Sie sollen an ihrem eigenen Gebäude mitplanen und mitbauen. Und es soll um mehr gehen als nur um Bedürfnisbefriedigung.

Das ist eine gute Forderung, auch wenn sie nicht neu ist. Spätestens in den 60er-Jahren wurde sie formuliert, als der universelle Anspruch der modernen Architektur mit der Unterschiedlichkeit der Lebensformen zunehmend in Widerspruch geriet. Radikaldemokratische, anarchische, techno-utopische und reformerische Ansätze wurden damals populär und blieben es bis weit in die Achtzigerjahre: Bewohner renovierten ihre Häuser in Selbsthilfe, sie setzten ihre Wohnungen nach eigenem Geschmack aus Fertigteilen zusammen, strichen die Garagen bunt, legten Teiche an. Die Ergebnisse solcher emanzipatorischen Versuche kann man in Kreuzberg, Wien und Brüssel besichtigen.

"Trotzdem ist das eine verdrängte Geschichte", meint Jesko Fezer. "Heute stellt sich eher die Frage, inwieweit die Flexibilisierung der Individuen der Ideologie des Neoliberalismus entspricht." Fezer hat daher gemeinsam mit seinen "Hier entsteht"-Kollegen für die Dauer des Experiments eine tägliche Vortragsreihe organisiert. Pioniere des partizipativen Bauens wie Lucien Kroll und Georg Knacke werden dort "Ökohaus"-Projekte vorstellen und Reden halten zu hübschen Themen wie "Homöopathische Architektur und tierischer Städtebau". Am 5. Juli wird es dann einen Fernsehabend geben, der historisches und zeitgenössisches Material zu partizipatorischen und interventionistischen Modellen vorführt. Und damit der Bogen zur Gegenwart auch wirklich gelingt, haben die "Hier entsteht"-Organisatoren Fachleute wie den Raumfahrtexperten Florian Böhm eingeladen. Anhand von Beispielen aus der Mode- und Autoindustrie will Böhm zeigen, wie sich heutzutage in der computergesteuerten Massenproduktion Einzelstücke fertigen lassen, die ganz und gar auf den individuellen Kunden zugeschnitten sind.

Das klingt nach großem Theorieprogramm. Wer es lieber komprimiert mag, kann sich zu Hause aus dem Internet auch eine MP3-Datei herunterladen: Das Stück "Architecture & Morality", komponiert von der Gruppe "Orchestral Manoeuvres In The Dark". Das Musikstück soll "zersägt" oder in irgendeiner anderen Form bearbeitet werden, und die neuen Soundvarianten sollen mitgebracht und dann am 12. Juli, dem Tag der Love Parade, vor Ort am Volksbühnen-Pavillion vorgespielt werden.

Und was noch? Zum Freizeitteil von "Hier entsteht" wird auch die stadtbekannte mobile "Flittchenbar" gehören. Und vielleicht kommt es ja so weit, dass die "Hier entsteht"-Reihe zu einer dieser Sommerveranstaltungen wird, wo die Menschen viele Stunden auf Baugerüsten und Bürgersteigen sitzen und sich sehr wohl fühlen dabei.
WOZ Die Wochenzeitung
13. Januar 2005
Selber bauen
Andreas Hofer

Text
(als jpg-Bild, 200 KB)
Literaturen
Nr. 1/2 II 2005
Tom Holert
Wen kümmert’s, wer baut?
Neue Bücher zur Architektur thematisieren die Rolle von Starkult und Markenbewusstsein bei Bauwerken im öffentlichen Raum.


(...)

Architektur ohne Architekten

Andere Vorstellungen von einer Architektur der Teilnahme und Beteiligung sind freilich radikaler. Der Architekt Yona Friedman beispielsweise ist vollkommen dagegen, Architekten dazu auszubilden, Denkmäler zu erschaffen. Für ihn ist es nicht damit getan, die Öffentlichkeit in den Diskussionsprozess um eine monumentale Bauaufgabe wie Ground Zero mit einzubeziehen. Friedman sagt vielmehr, eine Stadt werde nicht geplant, sie plane sich selbst. «Architekten sollten deshalb nur das Minimale tun, das, was technisch unbedingt notwendig ist.» In dem von den Architekten Jesko Fezer und Mathias Heyden herausgegebenen Band «Hier entsteht», der Gespräche mit Architekten und Stadttheoretikern wie Friedman versammelt, rückt eine Idee von Autorschaft in den Blick, die nicht den Architekten in den Mittelpunkt stellt, sondern die Bewohner und Nutzer der Gebäude. Die User mit ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten zur «Selbstplanung» und partizipativen Gestaltung von Umwelt werden zu den zentralen Akteuren der Architektur erklärt.

Fezer und Heyden knüpfen theoretisch und historisch an eine Bewegung aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an, die zwischen Moderne und Postmoderne eine «Architecture Without Architects» (so der Titel einer Ausstellung im Museum of Modern Art von 1963) gefordert und auch realisiert hat. Heute, im Zeitalter der globalisierten Ökonomien und Migration, in dem die Planbarkeit städtischen Wachstums längst der Vergangenheit angehört, hat das «selbstorganisierte, den Lebensverhältnissen entsprechende Bauen» eine unbestreitbare Relevanz. Denn an der sozialen und urbanen Praxis der Individuen sind die gebauten Visionen großer Einzelner eben meist weniger interessiert als an der Möglichkeit, Autorschaft über das eigene Leben zu erlangen.


SPEX. Das Magazin für Popkultur
Nr. 10/ 2004
Dietmar Kammerer
Gib mir die Steine, ich geb’ dir den Sand
Strategien partizipativer Architektur


Vom 28. Juni bis 12. Juli 2003 fand unter der Projektleitung von Jesko Fezer und Mathias Heyden in Berlin eine Ausstellung/Veranstaltungsreihe samt offenem Raum »für Spontansiedlung« in Berlin statt. Als neuer Band der »metroZones«-Reihe untersucht »Hier entsteht. Strategien partizipativer Architektur und räumlicher Aneignung« nun schwarz auf weiß das Potential architekturaler Mit- und Selbstbestimmung

»In reality, architecture is too important to be left to architects.« (Giancarlo DeCarlo, 1969)

Der Begriff »Architektur« besteht bekanntlich aus zwei Teilen, von denen der erste auf »Herrschaft, Regierung« zurückgeht, der zweite auf »Bauen«. Gebaute Herrschaft, Macht, die in den Raum gegossen wurde, Baukunst als Kunst des guten Regierens. Alle wissen, dass Architektur Macht symbolisch repräsentieren kann, und in den meisten Uni-Seminaren hat sich bereits herumgesprochen, dass gebaute Räume auch sehr konkret-materiell von Machtverhältnissen »durchzogen« (= penetriert) sind: Hier eine Brücke, die den Zugang nur für die ermöglicht, die sich ein Auto oder Taxi leisten können; dort eine Parkbank, die so entworfen wurde, dass man auf ihr höchstens sitzen, auf keinen Fall aber übernachten kann. Dass sich in räumlichen Wirklichkeiten immer auch die sozialen wiederfinden lassen, in und aus denen diese Räume geschaffen wurden, ist nicht weiter überraschend, wird sich wohl kaum verhindern lassen, und wozu denn auch. Entscheidend ist festzuhalten, wer wann wie die Chance hatte, auf diese Wirklichkeiten Einfluss zu nehmen, wessen Interessen, Eigenheiten, Wunschproduktionen in die Produktion von je spezifischem Raum eingegangen sind. Betrachtet man die Sache also nicht nur vom Ergebnis her (wenn es ohnehin zu spät ist), sondern als Prozess, wird schnell klar, dass Architektur normalerweise schon von Beginn an eine reichlich asymmetrische Verteilung von Einflussmöglichkeiten vornimmt. Aber was heißt schon »normal« in diesem Fall – wenn der Normalfall ist, dass diejenigen Leute, die ein Gebäude, einen Wohnblock, einen Park entwerfen, nicht diejenigen sind, die das Ganze später auch bewohnen oder benutzen oder sich darin zurechtfinden müssen. Die Bedingungen, unter denen Stadt- und Wohnraum entstehen, sind alles andere als demokratisch geregelt oder wenigstens einsichtig.

Dazu kommt, dass in den vergangenen Jahren nicht nur in den Megacities der so genannten Dritten Welt Metropolen jenseits der Planbarkeit entstanden sind, urbane Agglomerationen von gewaltigen Ausmaßen, die jeglichen zentralistischen Ansätzen von Stadtplanung Hohn sprechen. Wenn man sich in solch einer Situation nun wieder auf Modelle architekturaler Mitbestimmung besinnt, dann also nicht nur, weil solche Verfahren demokratischer, schöner oder irgendwie menschlicher sein können. Sie bergen auch das (wie auch immer einzuschätzende) Versprechen, den Komplexitätssteigerungen des Zusammenlebens – zumal unter neoliberalen, individualisierten Bedingungen – mit Selbstorganisation und flexibilisierten Baupraktiken begegnen zu können.

Beispiele für Partizipation, Teilhabe gibt es in der Architekturgeschichte zuhauf. Der Band »Hier ensteht: Strategien partizipativer Architektur und räumlicher Aneignung«, herausgegeben von Jesko Fezer und Mathias Heyden, versammelt in einem einleitenden Essay und ausführlich kommentierte Architekten-Interviews eine Art secret history der Nutzerbeteiligung an gebauter Umwelt, soziale und bauliche Experimente von den 20er Jahren bis in die Gegenwart. Ernüchternde Erkenntnis: Man war schon einmal weiter als heute. Vor allem zwischen 1960 und 1980 haben Architekten sich daran gemacht, ihre Tätigkeit neu zu definieren, nicht länger als Macher, sondern als Vermittler zu agieren in einem Bauprozess, in dem grundsätzlich die NutzerInnen es gemeinschaftlich aushandeln, unter welchen Bedingungen sie leben, wohnen, kommunizieren wollen.

Der »klassische technisch-künstlerische Mythos von Machbarkeit und Kreativität« (Fezer), der das Selbstverständnis vieler Architekten prägt, ist unter solchen Prämissen natürlich fehl am Platz. Viel ist im Buch folglich die Rede von der gewandelten Rolle des Planers, der zum »Integrator«, »Mediator«, »Ermöglicher« wird, der dafür sorgt, dass Statik und Mindeststandards eingehalten werden, sich ansonsten aber völlig heraushält. Ironischerweise war es dann die Postmoderne, die die kurze Geschichte der Partizipation zu beenden drohte, indem sie sich radikal von solch »funktionalistischen« Ansätzen verabschiedete und die Position des Architekten-als-Künstlers – Foster, Gehry, Eisenmann et al. –, dessen Entwürfe als autonom und damit undiskutierbar gelten müssen, erfand.

Histrorisch hat Partizipation alle möglichen Formen angenommen: von autonomer Selbsthilfe bis hin zu flexiblem Fertigteilbau, von bricolage mit einfachsten Mitteln und Materialien bis hin zu computergesteuerten Kommunikations- und Entscheidungsprozessen mit industrieller Fertigung, von anarchistischen und radikaldemokratischen Modellen bis hin zu technikzentrierten Utopien. Es ist kein Zufall, dass die meisten Experimente in partizipativer Architektur vor allem in einer Dekade unternommen wurden, in der Begriffe wie Kybernetik, Selbstorganisation, komplexe Systeme zu Leitfiguren wissenschaftlichen Denkens avancierten. Der Architekt Yona Friedman und der Computerexperte Nicholas Negroponte haben in den 60ern am MIT an »direct feedback«-Modellen gearbeitet, in denen Informationstechnologien auch Nicht-Architekten die notwendigen Mittel an die Hand geben sollten, den Bau- und Entwurfsprozess selbst zu gestalten. – Was nicht geklappt hat, aber über Umwege dafür andere Entwicklungen voranbrachte, wie »Computer Aided Design«-Programme. Heute beruft man sich auf »open source architectural practices«, um kollektive Entscheidungsprozesse zu beschreiben (während lustigerweise die Open-Source-Bewegung sich ihrerseits im Gegensatz von »Basar«/Linux vs. »Kathedrale«/Microsoft selbstbeschreibt).

Einem Einwand begegnen die Herausgeber bereits in der Einleitung: Die Frage, »inwieweit Mitbestimmung und Eigeninitiative vom Paradigma flexibler und aktiver Individuen dominiert werden und Bestandteil der Ideologie des Neoliberalismus sind«, inwieweit Teilhabe und Selbstverantwortlichkeit im flexiblen Kapitalismus die Zwänge des Systems gerade reproduzieren. Schon möglich – aber nicht zwangsläufig. In partizipativer Architektur überlagert sich »die Hoffnung auf gesellschaftliche Enthierarchisierung« mit dem »Versprechen der Effektivität und besseren Kontrolle«, indem die Subjekte als Unternehmer ihre eigene Selbstdisziplinierung vorantreiben. Fezer: »Partizipation muss nicht unbedingt besser sein«, aber »Fragen nach der Problematik von Selbstbestimmung stellen sich erst, wenn die Frage nach der Fremdbestimmung gestellt wurde.« Denn es gilt: »Kritisch verstandene Partizipation ist Teilhabe an Gesellschaftlichem, die die Bedingungen ihres eigenen Zustandekommens reflektiert und sie möglicherweise überschreitet.«

So beschreiben die Interviews von »Hier entsteht« aus Sicht der Herausgeber nicht nur spezifische gesellschaftliche Praktiken in Form eines Expertendiskurses, sondern »interdiszplinäres, prozesshaftes Denken von Raum« und »den Versuch, einen politisch-kulturellen Diskurs vorzustellen, bestimmte Fragen im Diskurs der Architektur zu stellen.«