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Esen, Orhan / Stephan Lanz (Hg.)
metroZones 4
Self Service City: Istanbul
2005 · 424 S. · zahlr. s/w Abbildungen · 16 €
ISBN 3-933557-52-6

Lektorat: Kim Hörbe
Übersetzung: Dielek Zaptçioglu, Stefan Hibbeler, Kathrin Neumann (türk.); Christian Sälzer (engl.)
Gestaltung: sandy k. / bildwechsel, Pierre Maite u. Plamena Todorova (Mitarbeit)
Wissenschafts-Blatt München
Februar 2005
Markus Lanz
Istanbul, Wandel einer Metropole


Licus. Byzanz. Augusta Antonia. Antusa. Deutera Roma. Nova Roma. Urbis Imperiosum. Megalipolis. Konstantinoupolis. Konstantiniye. Dersaadet. Islambol. Istanbu.

Die Silhouette der Stadt mit ihren byzantinischen und osmanischen Bauwerken, mit ihren Palästen und Moscheen, ihren signifikanten Topographien trägt die reiche Geschichte der Stadt als einstige Hauptstadt dreier Weltreiche, als Jahrtausende altes Zivilisationszentrum, verbildlicht ihre dreihundert Namen im Wechsel der Zeit, im Wechsel der politischen Mächte, der Religionen und Sprachen. Der Bosporus, das Marmarameer und das Goldene Horn, die Hügel von Pera oder Galata bezeichnen die legendäre, einzigartige geographische Lage der Stadt und zeigen zugleich ihren Ursprung als „Knotenpunkt des Seehandels zwischen den historischen Wirtschaftsräumen des Schwarzen- und des Mittelmeeres“ (Orhan Esen).

Topkapiserail, der Große Basar, die Sultan Ahmet Moschee beschwören Bilder einer märchenhaften Metropole, den exotischen Hauch des „Orients“ am Ende des „Okzidents“. In diesem Bild der Stadt zeigt sich das mitteleuropäische Denken mehr als die städtische Realität. Es gründet auf einer süsslich, kolonialistisch gefärbten mitteleuropäischen Istanbul-, bzw. Orientrezeption und orientiert sich an Beschreibungen reisender Schriftsteller des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dieses Bild Istanbuls ist, so der Journalist und Buchautor Jean-Claude Guillebaud, „veralterter, als man glaubt“.

Istanbul ist seit zweitausend Jahren der weitaus größte Siedlungsraum seiner Art in der alten Welt. Im Zeitalter globaler Urbanisierung hat sich Istanbul zu einer Megalopolis, einem Metropolenraum entwickelt. Istanbul hat in den letzten 50 Jahren seine Einwohnerzahl auf heute 11 Millionen verzehnfacht. Migranten, aus vorwiegend ländlichen Gebieten des Ostens, mit eigenen Gesellschaftsmustern besiedelten informell einen überwiegenden Teil des urbanen Raums Istanbuls. Internationales Kapital drängt über intensivierte Beziehungen zu Europa und den Schwarzmeeranrainerstaaten in die Stadt. Seit 1950 entstand auf dem Boden Istanbuls eine „grundsätzlich neue Stadt; von einer Neugründung zu sprechen wäre keine Übertreibung“, so der Theoretiker und Stadtaktivist Orhan Esen.

Die Stadt entwickelte sich vor allem in den frühen Jahren dieser Megaurbanisierung planungs- und reglementierungsfrei. Das ständige und unabschätzbare Anwachsen und Verändern der Stadtregion lässt die, zudem unter dem Einfluss politischer Beziehungen stehende, komplexe Planungsstruktur scheitern: Die Stadt entwickelt sich nahezu als autopoietisches System. Trotz der Existenz eines Flächennutzungsplanes ist Istanbul Bild einer planlosen Entwicklung, eines sich selbst organisierenden Modells.

Gecekondu, flächendeckende informelle Wohnsiedlungen dörflicher Strukturen, Hochhausdistrikte mit internationalen Geschäftszentren auf zerstörten historischen Gebilden, staatlich genehmigte `gated communities? in Naturschutzgebieten, Quartier zerschneidende Verkehrsbauwerke: Die Stadtlandschaft zeigt sich zunehmend als Nebeneinander von heterogenen räumlichen Fragmenten und Existenzweisen, „die sich voneinander differenzieren, sich voneinander isolieren“, so der Stadtplaner Zekai Görgülü.

Angesichts dieser Entwicklungsprozesse sieht sich Istanbul in den sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und stadträumlichen Bereichen mit Problemen konfrontiert, die wir in Megacities des `Globalen Südens? beobachten. Die diesbezüglich von europäischer Civitas proklamierten urbanistischen Horror- und Untergangsszenarien scheinen aber auf Istanbul nicht zuzutreffen. Die „informelle Praxis der Stadtproduktion“ ist durchaus in einer Kontinuität der Entwicklung der Stadt zu sehen. Im Vergleich zu Metropolenräumen ähnlichen Ausmaßes und ähnlich rasanter Entwicklung ist das heutige Istanbul hinsichtlich der jahrzehntelangen Integration derart umfassender Zuwanderung „eine Erfolgsgeschichte, die städtische Experten mit Befriedigung und Zuversicht erfüllen müsste, selbst wenn man die sozialen, politischen und umweltbedingten Kosten dieser extremen und kaum gesteuerten Stadtentwicklung in Rechnung stellt“, konstatiert der Stadtplaner Stephan Lanz.

Die immensen stadträumlichen und stadtgesellschaftlichen Veränderungen der letzten 50 Jahre reihen sich in die 2700 Jahre währende Stadtentwicklung. Die Geschichte Istanbuls lebt von stetiger Überformung, Zerstörung und Neubau der Stadt. Die bauliche und räumliche Struktur Istanbuls zeigt sich als heterogenes Kleinstmosaik unterschiedlichster Lebenswelten. In parallelen und geschichteten Fragmenten ist nicht nur der rasante Wandel der letzten 50 Jahre sondern auch die permanente Überformung der Stadt über Jahrtausende bis ins architektonische Detail ablesbar. Bauliche Monumente, die signifikante Topographie, die drei Gewässer fassen, trotz oder gerade ob deren unterschiedlichen Benutzbarkeit, das Pulsierende vor Ort. Sie bilden urbane Räume hoher Qualität. Sie zeichnen ein unverkennbares Bild der globalen Metropolis am Goldenen Horn, von ehemals Byzanz, von ehemals Konstantinopel, von Istanbul.

Bewohner Istanbuls, quer durch ihre gesellschaftlichen Schichten stellen ihre Stadt als aggressiv und selbstsüchtig, verrückt, undurchschaubar und chaotisch dar, als Stadt die Spaß macht, lebendig, schön und bunt ist. JeanClaude Guillebaud sieht die entscheidenden Faktoren dafür, in der für Istanbul bezeichnenden Atmosphäre: „Eine unglaubliche Menge an Energie und dazu ein historisches Gedächtnis, das so weit zurückreicht, so hartnäckig und so ausdauernd ist, dass man es kaum mehr messen kann“.

Wenn enorme räumliche und gesellschaftliche Veränderungen zunehmend die Art und Weise bestimmen, wie wir unsere europäischen Städte organisieren und verstehen, dann müssen wir das System und deren zugrunde liegende räumliche Strukturen und Qualitäten verstehen, die Istanbul heute charakterisieren. Wir müssen uns für Räume interessieren, die den nicht-linearen Entwicklungen der Zukunft gerecht werden, unterschiedlichste Aneignungen in sich überschlagender Taktung des Wandels zulassen. Wir müssen Räume entwickeln, deren räumlich atmosphärische Qualitäten Bestand haben und unsere urbanisierten Landschaften als Neben- und Miteinander unterschiedlicher Lebenswelten greifbar und erlebenswert machen.
Berliner Zeitung
9. Februar 2005
Clemens Niedenthal
Die Karten offen legen
Kommentare zum modernen Leben: Neues von kleinen Berliner Verlagen

Bücher brauchen Räume. Räume, in denen sie entstehen. Und Räume, aus denen sie erzählen. Oder an denen sie sich, umgekehrt, auch einmal abarbeiten können. Der Berliner Stadtraum hat solche Räume in allen Epochen bereitgehalten. Und manchmal - von Alfred Döblins "Berlin, Alexanderplatz" bis zu Thomas Brussigs "Das kurze Ende der Sonnenallee" wurden ganze Bücher nach diesen Räumen benannt.

"Welches Berlin wird wohl nächsten Monat zwischen zwei Buchdeckel gepresst?", fragte sich der Berlin-Flaneur Bernhard von Brentano bereits in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wir fahnden auf dieser Seite nach dem Berlin derer, die den Raum zwischen den Deckeln mit Zeichen füllen - lesenswerte Neuerscheinungen aus kleinen Berliner Verlagen.

(...)

Angeeignete Orte: In einer ehemaligen Stehpizzeria in der Kreuzberger Lübbenstraße entstehen die Bücher des 1999 gegründeten Verlags b_books. Bücher, die immer wieder nach den gegenwärtigen Bedingungen des Wohnens, Arbeitens und Lebens suchen. In den auf Hochglanz polierten Mitten der Berliner Republik, aber auch in vermeintlichen Randlagen, die doch die wirklich urbanen Orte sind. Zwei aktuelle Sammelbände - erschienen in der engagierten Reihe Metrozones, einem weltumfassend angelegten Archiv der Großstadt im 21. Jahrhundert - widmen sich nun Istanbul beziehungsweise den beiden südamerikanischen Megacities Rio de Janeiro und Buenos Aires. Beide Bücher porträtieren das Leben an solch beschleunigten Orten, vor allem aber die Taktiken der Menschen, sich den Wucherungen und Veränderungen des Stadtraums zu stellen - oder zu entziehen. Beide Bücher sind wichtige Bausteine einer Urbanitätsgeschichte der unmittelbaren Gegenwart. Bücher, die etwa aus dem Alltag der Favelas, jener aus der Pragmatik schierer Not errichtetet Vorort-Slums, erzählen. Und nicht - aus der Vogelperspektive des Besserwissers - über diesen Alltag am Rande einer von Berlin aus vorstellbaren Welt.

Self Service City: Istanbul

City of COOP. Ersatzökonomien und städtische Bewegungen in Rio de Janeiro und Buenos Aires