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Mittelmeer Anämie -
Damaskus, Beirut; Kairo

Claudia Basrawi
Essays, 134 Seiten s/w, 10 Euro
ISBN 978-3-933557-96-4

"Inmitten der Stadt der Trughaftigkeit folgt das Wesen dem Gebot von Abscheu und Begierde, und findet niemals Rast, die Gleichheit zu erkennen." Milarepa




Obwohl Claudia Basrawi schon seit 7-8 Jahren ununterbrochen als Autorin von Prosa-texten und u.a. psychogeografischen Berichten hauptberuflich tätig ist, ist „Mittelmeer Anämie“ ihr erstes Buch. Für den Verlag bbooks ist es gleichermaßen auch ein erstes Buch, da es eher dem Roman verwandt ist, als der Theorie und Wissenschaft, also den Feldern, die bisher im Verlagsprogramm zu finden waren. „Mittelmeer Anämie“ ungestraft einen Roman zu nennen, ist falsch. Denn der Text ist weniger Behauptung als erlebte Erinnerung und Gegenwart. Eine Gegenwart- zum Zeitpunkt des Geschriebenen und danach- kondensiert, verfeinert zu einem Text, der sich wie ein fiktiver liest.

Gewissermaßen liest er sich als Reisetagebuch, bzw als zwei/drei Reisetagebücher, die die Autorin stets, nahezu permanent aneinander vergleicht. Es scheint, dass die Ich-Erzählerin, in diesem Fall die Autorin Claudia Basrawi, jede Feststellung, jedes Gefühl, jedes Urteil durch unaufhörliche Neuinterpretation von allem Dogmatischen entkrampft, mehre Male ausleuchtet und durchsiebt hat und dennoch bei aller Idiosynkrasie, Launenhaftigkeit, und Gefühlshaushalte, die der Leser anfindet, dabei einen , von der ersten bis zur letzten Seite, unverschämt lässigen Ton kreiert.


Reiseliteratur interessiert die Autorin schon lange, das geht zurück zu einer Zeit, als die studierte Arabistik/Politikwissenschaftlerin Basrawi für ihre Magisterarbeit in den 90ern ihren Blick auf die erotischen Gemälde Delacroix über das Land der Tausend und einen Nächte sowie Gustave Flauberts Faible für das Morgenland mittels der wissenschafts-kritischen Schriften Edward Saids , Peter Burkes und Elaine Showalters geschärft hatte. Claudia Basrawi ist als Tochter einer deutschen Mutter und eines irakischen Vaters in Deutschland aufgewachsen und in Beirut geboren und hat dort als Kleinkind die ersten 4 Jahre gelebt. Das analytische Wissen einer Arabistin sowie die Kindheitserinnerungen und aufgeschriebenen Reiseerlebnisse, die sie als blutjunge Studentin in Alexandria, Damaskus, Kairo gemacht hatte, sind das Gepäck, das sie 2004 als Autorin eines lang angelegten Reiseromans mit auf eine neue, hochreflektorische Reise nimmt. Mit von der Partie sind Nico und Alessio, zwei bbooks-Verlag -und Kollektiv-Mitglieder aus Berlin, um gemeinsam mit Claudia Basrawi, quasi als Nebenprojekt, einen Teil eines Omnibus-Films zu realisieren. Sie machen sich auf die Spur von Jean Genet, um die Wurzeln seiner Sympathien für die Palästinenser, das Interesse an einer schwulen und geheimen Kultur im Orient, seine Vorliebe für die armen kleinen Kinderdiebe und Jugenstricher zu erforschen. Und schon sind wir mitten in einem beschwingten Roman. Claudia Basrawis Text durchzieht von der ersten Zeile an, ein luftiger, schon fast heute verdrängter Ton der Boheme. Kein Wunder, denn ein Vorbild des kleinen Filmteams ist die Nouvelle Vague und die Ära der Camero Stylo. Ab der ersten Seite des Buches werden ununterbrochen, zumindestens von den Männern, Gitanes und Gauloises geraucht. Und überall ist die Sonne zu spüren.

Schon bald kommt die Hauptprotagonisten Fatima hinzu, eine syrische Palästinenserin, die in Kairo lebt und das Filmteam auf der Expedition begleitet. Was aus dem Film wird, erfährt man nicht, im letzten Kapitel ist dann Claudia Basrawi plötzlich zurück aus Berlin, aber diesmal allein, nach Kairo geflogen. Alles in diesem Buch ist stetigen kleinen Brüchen und Verwerfungen unterworfen, im Text, wie im Leben. Politisch hat die Autorin einen festen Standpunkt, der aber von ihr selbst sowie durch die Begebenheiten und von den Protagonisten stets ausgelotet und auseinander genommen wird. Wie die Autorin, so lernen wir als Leser, scheinbar nebensächlich, Neues über den Islam, über den Alltag im Orient und die politische Situation kennen.

Claudia Basrawi, hat während der ganzen Jahre, als Autorin anderweitige Texte verfasst, um sich für eben diesen(weil sie die Fallstellen des Blicks des Europäers auf den Orient aufgrund ihrer eigenen Studien so gut kennt) Muße und Ruhe zu nehmen. Sie hat sich Zeit gelassen. Somit durchweht jede Zeile dieses Buches diese einprägsame Lässigkeit im Ton.
Am ehesten würde ich dieses Buch mit einem Film, der in Mexiko spielt, vergleichen, mit Y MAMA TAMBIEN, ein Film von Alfonso Cuaron, der es schafft politische und soziale Analyse wie nebenbei zu erzählen.

Den Umschlag von „Mittelmeer Anämie“ ziert eine Zeichnung von Marc Brandenburg, ein mit einem Bleistift entworfenes Abbild eines Aschenbechers im Negativ-Verfahren gezeichnet. Sowohl die Titelschrift und die Zeichnung sind im Blauton gehalten, der Farbe des Mittelmeers. Das Meer und ein Aschenbecher –ein auf den ersten Blick seltsames schiefes Bild. Schon jetzt begibt man sich auf einen schwankenden Boden. So ist das eben- mit diesem: „auf den ersten Blick“.
Ich empfehle die Lektüre im Liegen zu lesen.

Mario Mentrup


Stichworte: Internationalismus, Literatur, Postcolonial