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Becker, Jochen / Stephan Lanz (Hg.)
metroZones 1
Space//Troubles
Jenseits des Guten Regierens: Schattenglobalisierung, Gewaltkonflikte und städtisches Leben
2003 · 232 S. · 12 € · ISBN 3-933557-51-8

Lektorat: Kim Hörbe
Gestaltung: sandy k. / bildwechsel


Rezensionen:


SPEX (Köln) #9/2003, S.64/65
Space//Troubles
Die angeblichen Ränder der Welt

Dietmar Kammerer

Die beiden kleinen schwarzen Flugzeuge, die der Layouter oder wer auch immer an Anfang und Ende des Buches gesetzt hat, stecken so was wie den konzeptuellen Rahmen der im Band versammelten Texte ab: den SPACE der Globalisierung ebenso wie die TROUBLES der so genannten "Neuen Kriege", die im Namen der Terrorismusbekämpfung nicht erst seit 9/11 und nicht nur von amerikanischen Militärstrategen, aber vor allem gegen städtische Gebiete ausgeheckt werden. Es herrscht die Begründung durch das Paradox: Angriffskriege gelten als Verteidigungsmaßnahmen, der Normalzustand wird als Dauerkrise unter Quarantäne gestellt. Oder wie es die "National Security Strategy" der Bush-Regierung vom September 2002 so unnachahmlich formuliert: "Managementsysteme für den Ausnahmezustand reagieren nicht nur effektiver auf Terrorismus, sondern auf alle gesellschaftlichen Risiken", wie z.B. "die Abfertigung des regulären Grenzverkehrs." Jeder Tourist ein potentieller Terrorist. Ein Flugzeug steht für Lufthansa, zwei für Al-Qaida.

"Good Governance", gutes Regieren, umfasst Steuerung, Lenkung, Kontrolle und Entscheidungsfindung im öffentlichen Sektor, im Unternehmensbereich und in der Gesellschaft und zielt auf den "aktivierenden Staat". Der wird dabei als ein Akteur unter anderen gesehen, der seine Entscheidungen nur im Dialog mit allen anderen - BürgerInnen, NGOs, UnternehmerInnen, soziale Gruppen - treffen kann. Seine Karriere beginnt das politische und ideologische Konzept, als die Weltbank in den 80er Jahren in den 'peripheren' Ländern nach marktfreundlicheren Formen staatlicher Intervention sucht. Kaum überraschend, dass der neoliberale Blick heute Modelle für "gutes" städtisches Regieren vorwiegend in den Megacities des Südens findet: kaum Staat, dafür viel Eigeninitaitive der Stadtbewohner in ihren täglichen Überlebensstrategien. Vom Süden lernen heißt, auch mal ohne Sozialstaat auszukommen. In diesem Sinne forderte die an die UNO gerichtete Erklärung der "Weltkonferenz zur Zukunft der Städte URBAN 21" in Berlin dazu auf, die Aufgaben des Staates einzuschränken, um die Städtbewohner zu mehr "Hilfe zur Selbsthilfe" anzuregen. Wie Mitherausgeber, Autor, Stadtforscher und -planer Stephan Lanz in seinem Einleitungstext nachweist, beruht der Mythos der harmonischen Kooperation des Staates mit der Zivilgesellschaft auf einem "simulierten Egalitarismus" - ungeachtet aller realen sozialen, ökonomischen, politischen Unterschiede werden letztendlich die Bewohner der favelas mit europäischen Großstädtern, lokal agierende Hilfsprojekte mit multinationalen Unternehmen gleichgesetzt. Da kann das freie Spiel der Kräfte sich entfalten und der Staat drückt gern mal beide Augen zu (und hält beide Hände auf).

Wie die Wirklichkeit des eigenermächtigten Lebens in den schwundstaatlichen städtischen Regionen, den Rissen im hegemonialen Gefüge dieser Welt aussieht, dazu haben Jochen Becker und Stephan Lanz ein Buch herausgegeben, das Texte versammelt, die in Megacities wie Mumbai, Luanda, Lagos oder Kampala entstanden sind und die nach den "urbanen Ordnungen jenseits des Guten Regierens" fragen: nach Schattenglobalisierung, Gewaltkonflikten, städtischem Leben und wie das alles zusammenhängt. Das Schöne an den Texten ist ihr Mix: erzählend, akademisch, reportagehaft, anhand von Filmen, persönlichen Begegnungen, Feldrecherchen, Interviews schreiben die AutorInnen über den Alltag an den angeblichen Rändern der Welt, die viel mehr mit der Vergangenheit und der zukunft des europäischen Stadtmodells zu tun hat, als mancher glauben möchte.

Dass trotz aller stringenten Analysen die Globalisierung dabei nicht das letzte Wort haben darf, war den Herausgebern wichtig. "Der strukturellen Perspektive die Erfahrungen des städtischen Alltaglebens entgegenstellen" nennt das Lanz. Die lokale Ebene beschreiben, die sich nicht von einem der zahlreichen im Umlauf befindlichen Schlagworte - Neoliberalismus, Empire, Neue Kriege, low intensity warfare - ableiten lässt. Weder den katastrophistische Blick der Medien, noch die neoliberale Beschwichtigung des Es-geht-ja-doch-irgendwie bedienen, sondern Zusammenhänge aufzeigen: inwieweit das (scheinbar) chaotische, anarchische, gewalttätige Leben in den Megacities des Südens und das (scheinbar) geordnete, ruhige Leben in den Städten des Westens historisch, ökonomisch, politisch miteinander verknüpft sind. Insofern hat das URBAN21-Papier schon Recht: Wir sitzen alle in einem Boot, bloss die einen rudern, während die anderen trommeln.

Der Staat zieht sich nicht zurück, er verwandelt oder maskiert sich. Julia Eckert hat in Mumbai aufgeschrieben, was es bedeutet, wenn der öffentliche und der private Sektor ununterscheidbar werden. "Shivsena" sind Regierungspartei und soziale Bewegung, kriminelle Gang, parastaatliche Ordnungshüter und Gerichtsbarkeit in einem. Kein Gegen-Staat, sondern Kooperationspartner, der durch "arbeitsteiliges Regieren" in "selektiver Staatlichkeit" überall dort auftritt, wo die demokratisch legitimierten Institutionen ein Machtvakuum hinterlassen haben. Die These von der Nicht-Mehr-Regierbarkeit der Megacities lässt sich nicht halten, zumindest die Polizei ist immer da. Der Staat existiert, aber in informellen Formen. Das Vage wird als Machtmittel eingesetzt.

Und dass nebenbei die alte heilige Kuh der Linken, das Ethos der Partizipation, vielleicht doch nur ein hohles Gefäß sein könnte, ist nur einer der Denkanstöße, die der Band zu einer dringend notwendigen Diskussion der Bedingungen emanzipativer Praktiken beiträgt. So plädiert Anne Jung, selbst aktive Campaignerin, dafür, die Rolle von Hilfsorganisationen in Krisengebieten zu überdenken, wenn selbst Flüchtlingscamps in militärische und kriegsökonomische Strategien einbezogen werden.

"Space // Troubles" entstand aus den Vorträgen und Diskussionen des Workshops "Jenseits des Guten Regierens", der im Rahmen des ErsatzStadt-Projekts an der Berliner Volksbühne stattfand. Es ist der erste Band in der Reihe "metroZones", zu der weitere Titel zur "Self Service City" Istanbul, zu "Architektur & Partizipation" und zu "Learning from *" in Planung sind. Am 13.September wird die gleichnamige Ausstellung in der Berliner Galerie NGBK eröffnet.



Springerin, Wien
SPACE // TROUBLES
Jenseits des Guten Regierens
Daniel Pies

Mit dem von Jochen Becker und Stephan Lanz herausgegebenen Band "SPACE // TROUBLES" liegt die erste Veröffentlichung der Reihe metroZones vor. metroZones begleitet über die nächsten zwei Jahre das an der Berliner Volksbühne stattfindende Projekt "ErsatzStadt", das in unterschiedlichsten Präsentationsformen und -foren "Metropolen im globalen Maßstab, ihre städtischen Alltagspraktiken und räumlichen Aneignungsformen" untersucht.

"SPACE // TROUBLES" dokumentiert das Ende letzten Jahres zum Projektauftakt abgehaltene Symposion "Jenseits des Guten Regierens: Schattenglobalisierung, Gewaltkonflikte und städtisches Leben".

Der im Titel verzeichnete Begriff des "Guten Regierens" bezieht sich auf das Konzept der "Good Governance", wie es maßgeblich durch die "Weltkonferenz zur Zukunft der Städte URBAN 21" (EXPO 2000) als weltweite kommunale Regierungsform propagiert wurde. Das Ziel der globalen Instituierung von "nachhaltigen städtischen Demokratien" wurde hier unter der Annahme verhandelt, dass divergierende soziale, politische und ökonomische Interessen scheinbar problemlos zu harmonisieren seien. Denn, so der Abschlussbericht "Die Stadt wiedererfinden - Urbane Zukunft 21": "Alle Menschen in allen Städten der Welt werden gemeinsame Anliegen teilen: Sie wollen bezahlbare Häuser besitzen, anständig entlohnte Arbeit finden, Zugang zu sauberer Luft, Wasser, modernen Sanitäreinrichtungen und bezahlbarer Gesundheitsversorgung haben, ihre Kinder in gute Schulen schicken […] und das Gefühl haben, dass sie als wahrhafte treuhändische Verwalter in ihren Städten leben." [1]

Im Dialog zwischen Politik, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft sollte die Umsetzung dieser Wunschliste des guten städtischen Lebens nach der zentralen neoliberalistischen Maßgabe erfolgen, dass regionale Märkte zu öffnen und staatliche Leistungen zu privatisieren wären, um die "internationale Wettbewerbsfähigkeit" der Städte als Motor des urbanen Wohlstands zu fördern.

Urbane Lebensräume jenseits der Ideologie des "Guten Regierens" zu denken, heißt hingegen für die in "SPACE // TROUBLES" versammelten Beiträge, abseits hegemonialer Zukunftsvisionen in detaillierten Fallstudien eine Bestandsaufnahme städtischer Raumordnungen, sozialer Konfliktlinien und lokaler Gewaltmärkte zu leisten, welche die unterschiedlichen (postkolonialen) Metropolen der Gegenwart prägen. In den Blick rücken somit die Schattenseiten der kapitalistischen Globalisierungsdynamik: die Kriegs- und Krisenökonomien des globalen Südens.

So beschreibt etwa Raul Zelik in einem dichten Essay die gewalttätigen informellen Prozesse sozialer und militärischer Organisation, die sich im kolumbianischen Medellín an der Schnittstelle zwischen lokalem und globalem Drogenhandel herauskristallisieren.

Julia Eckert analysiert den Aufstieg der "Shivsena" in Bombay, und zeigt, wie es dieser militanten Organisation der Hindu-Rechten gelang, die Erosion staatlicher Dienstleistungen und traditioneller zivilgesellschaftlicher Integrationsformen auf lokaler Ebene zu kompensieren und so große Teile der Hindu-Bevölkerung für ihre brutale Segregationspolitik gegen indische Muslime zu mobilisieren.

Ähnliche Logiken identitätspolitischer Mobilmachung, welche die Absenz oder Schwächung des staatlichen Gewaltmonopols ausnutzen, beobachtet Johannes Harnischfeger in Lagos und Klaus Schlichte in den Gewaltordnungen Kampalas.

Katja Diefenbach wiederum liest diese "Symptome einer neuen, nachstaatlichen Ordnung" im Kontext der westlichen Politik des "gerechten Krieges", und Anne Jung thematisiert die prekäre Rolle der NGOs in der Kriegsökonomie Angolas.

Insgesamt liegt die Leistung von "SPACE // TROUBLES" darin, in lokalen Diagnosen die jeweilige Spezifizität urbaner Gewaltordnungen und deren globale Bedingungsstrukturen herauszuarbeiten. Die Stadt im Zeichen des "Guten Regierens" "wiederzuerfinden" wird so bereits auf deskriptiver Ebene als ideologisches Phantasma entlarvt, das nur unter der Verdrängung der komplexen Realität bestehender Konfliktkonstellationen und im blinden Vertrauen auf die harmonisierende Kraft einer diskursiven urbanen Vernunft aufrecht zu erhalten ist, um den Prozessen eines globalisierten Neoliberalismus vorauseilenden Gehorsam zu leisten. Die Frage jedoch nach alternativen Konzepten der Konfliktvermittlung, die im Wissen um die Verflechtung lokaler wie auch globaler Gewaltzusammenhänge operieren, bleibt auch in "SPACE // TROUBLES" unbeantwortet.

1 Die Stadt wiedererfinden - Urbane Zukunft 21 (Zusammenfassung), www.bmgev.de/themen/urban21/summary.htm. Der vollständige Bericht findet sich unter: www.urban21.de/staedtebau/download/weltbericht.pdf



Derive, November 2003
Europäisierung der Städte
von Christoph Laimer

Der vorliegende Band ist das Ergebnis des Workshops "Jenseits des guten Regierens: Schattenglobalisierung, Gewaltkonflikte und städtisches Leben. "Gutes Regieren" bezieht sich dabei auf good governance. Groß diskutiert wurde das Konzept des good governance zuletzt im Rahmen der Weltkonferenz zur Zukunft der Städte URBAN 21", die 2000 in Berlin stattfand. (Das Berliner MieterEcho hat damals eine ausgezeichnete Broschüre veröffentlicht; siehe Besprechung "Die heile Welt des good governance" in dÈrive Nr. 2.)

Neben der "kritischen Analyse" wollen die Herausgeber des Buches, Jochen Becker und Stephan Lanz, "auch eine normative Frage diskutieren: Welche Kriterien lassen sich im Kontext bestehender urbaner Gewaltordnungen angesichts des vorrangig ideologischen Konzept des good governance, das auf städtischer Ebene weltweit nach staatlichen Interventionsformen sucht, um Märkte und Standortwettbewerbe zu regulieren, für emanzipative Praktiken sowohl städtischen Alltags als auch internationalen campaignings bestimmen (...) Welche Perspektiven jenseits des europäisch-neoliberalen Verständnisses einer ,Civitas' können hierbei eröffnet werden?" Ein Ansinnen, das etwas schwieriger als die "kritische Analyse" zu verwirklichen ist.

Stephan Lanz versucht in seinem einführenden Artikel die "Europäische Stadt" die gerne als "gefährdetes Vorbild" und als Rettung vor der Amerikanisierung der Städte gehandelt wird, in der"Gewaltsamkeit" ihrer "weltweiten historischen Ausdehnung darzustellen. So zeigt er die "sozialräumliche Segregation" als europäisches Exportprodukt, das in den Kolonialstädten seine brutale Anwendung fand. "Während die weißen Beherrscher für sie reservierte Bezirke als Abbilder ihrer jeweiligen Heimatmodelle errichteten und regierten, überließen sie das ,African Village', das räumlich durch einen cordon sanitaire davon getrennt war, zunächst sich selbst. (...) Da die Kolonialherren einheimische Architektur als ,Hütten und Bruchbuden' sowie die traditionell informelle Raumnutzung als ,unordentlich' und ,chaotisch' begriffen, konnten sie diese Räume als gesundheitsgefährdende Slums deklarieren."

Erfreulich an Lanz' Ansatz ist, dass in Zeiten in denen Noam Chomsky und Michael Moore die Bestsellerlisten anführen, AntiimperialistInnen sich mit jedem Idioten verbünden, der in der Lage ist, eine USA oder Israelfahne anzuzünden, Europa von vielen Linken plötzlich als politische Alternative gesehen wird, die Unterstützung verdient, Europa wieder einmal kritisch betrachtet wird.

An den "Frictionzones" des städtischen Alltags, wo "staatliche, parastaatliche und zivile Organisationsmuster ineinander greifen, um bestimmte Interessen durchzusetzen, wo lokal, national und global produzierte Ideologien zum Teil gewalttätig aufeinander prallen, wo die strukturelle Gewalt des Weltmarktes auf - ebenso häufig gewaltsam werdenden - ökonomische, soziale oder politische Behauptungsprozesse marginalisierter Gruppen trifft", soll die Frage, wie Städte "produziert, regiert und angeeignet" werden, diskutiert werden. Ein gelungenes Beispiel dafür ist Julia Eckerts Artikel Sundar Mumbai, der weiter vorne in diesem Heft nachzulesen ist. Hier wie in einigen anderen Artikeln auch wird deutlich, dass informelle Ökonomien, um die mancherorts ein ziemlicher Hype betrieben wird, sich nicht zwangsläufig in die oben angesprochenen "emanzipativen Praktiken" einreihen lassen.

Ein weiteres Thema in dem Buch sind beispielsweise die Verwicklungen zwischen internationalem Handel, (der Finanzierung von) Bürgerkriegsparteien und der Schwierigkeit der Hilfsorganisationen mit Kampagnen nicht ungewollte Unterstützung für eine Seite zu leisten.

AutorInnen des Buches sind neben den bereits erwähnten: Raul Zelik, Klaus Schlichte, Johannes Harnischfeger, Anne Jung, Markus Bickel, Katja Diefenbach und Jochen Becker.

Christoph Laimer



www.regioartline.org
und ak | analyse & kritik (Hamburg) # 475
Die Stadt als Combat Zone
Das Buch Space//Troubles untersucht Überlebensstrategien in den Metropolen des Trikonts
Matthias Reichelt

Seit dem Ende des Ostblocks und dessen Auswirkungen auf postkoloniale Länder kann sich das neoliberale Projekt ungehindert weltweit ausbreiten und beeinflusst damit auch Wachstum und Struktur der Städte des armen Südens. In Bombay, das 1996 unter Einfluss der regierenden Hindupartei in Mumbai umbenannt wurde, wird die Textilindustrie massiv gegen die Wand gefahren. Das Kapital und seine Produktionsstätten wandern ab in das Umland, wo sie ‚idealere' Lohnbedingungen fern von gewerkschaftlicher Kontrolle erhalten. Damit wiederholen sich die gleichen Entwicklungen, die wir auch aus Europa kennen. Diese Prozesse haben Verarmung und Ghettobildung zur Folge, während das Zentrum der Städte möglichst frei von sozialen Konflikten gehalten werden soll, da es gleichzeitig Machtzentrum ist, entsprechend des im Kolonialismus exportierten Stadtmodells europäischer Provenienz.

Das Konzept des "Guten Regierens" (Good Governance) geht auf den IWF zurück, dessen eigennütziges Bestreben eine Harmonisierung von Konflikten in den Metropolen des Trikonts vorsieht, um ideale Bedingungen für eine kapitalistische Prosperität zu schaffen. Kreditvergabe an Länder des Trikonts (aber auch an ehemalige sozialistische Länder, die zu Kleinstaaten mutierten) werden mit harten Bedingungen verknüpft, die sich vor allem auf Lohn- und Preispolitik, aber auch auf andere gesellschaftliche Sektoren wie Gesundheits- und Bildungswesen auswirken. Der Slogan "Good Governance" ist in dem hier besprochenen Buch Ausgangspunkt für eine kritische Untersuchung verschiedener metropolitaner Situationen. Wie organisiert sich Macht und Herrschaft und Gegenmacht in den Städten? Wie verhalten sich die Armen und Ausgebeuteten? Wie wirkt sich das internationale Kapital auf diese Städte aus? Welche Menschen sind marginalisiert und überleben mehr schlecht als recht in den Outskirts, den Barrios, den Armenghettos mittels informeller Strukturen und Schattenökonomien?

Das 2002 in Berlin begonnene ehrgeizige und auf die Dauer von zwei Jahren angelegte Projekt unter dem Titel "Ersatzstadt" gliedert sich in viele Aktionen, Diskussionen, Theaterprojekte, Diavorträge und Workshops und mündet in die geplante Publikationsreihe "metroZones" im Berliner Verlag b_books, wo vor kurzem dieser erste Band mit Beiträgen zu verschiedenen Städten des armen Südens (Bombay/Mumbai in Indien, Medellin in Kolumbien, Kampala in Uganda, Lagos in Nigeria, Sarajevo in Bosnien-Herzegowina) und Fotoessays erschienen ist.

Kritische Beobachter der Entwicklung nach Ende der Systemkonfrontation wird es nicht verwundern, dass die Aufsätze des vorliegenden Bandes in ihren Analysen keineswegs hoffnungsvoll stimmen. Ansätze für eine demokratische legitimierte Gegenmacht von unten in den entweder durch 'Neue Kriege' (Mary Kaldor) heimgesuchten, oder von den Auswirkungen der völlig entfesselten Macht des Neoliberalimsus gebeutelten Staaten sind kaum auszumachen. Die meisten informellen Strukturen sind entweder tribalistisch oder nationalistisch fundiert und basieren auf einer Abgrenzung bzw. Ausschluss des/der "Anderen". Die Übergänge zwischen Staat, organisierter Kriminalität und Gewalt sind fließend.

Raul Zelik beschreibt sehr plastisch die Situation von oppositionellen sozialen Aktivisten in dem von Krieg zwischen Drogenkartellen, Paramilitärischer Kräfte und Armutskriminalität gezeichneten Kolumbien. Die Übermacht der in unterschiedlichen Koalitionen teilweise mit Hilfe von multinationalen Konzernen und Drogenbossen operierenden Banden scheint ungebrochen und der Kampf dagegen aussichtslos. In solch einer Situation nimmt sogar ein Drogenkartell in dem von ihm beherrschten Gebiet sozialregulative Funktionen ein und sorgt für die Eindämmung von Bandenkriminalität. Unterstützung kommunitärer Einrichtungen, Gewährleistung eines "sozialen Friedens" dient dem ungehinderten Wirken für die Koka-Produktion, der nicht wenige ihre Existenzabsicherung verdanken. Solche Züge sind durchaus mit der lokalen Mafia in Italien vergleichbar. Die Verflechtung organisierter Kriminalität mit dem kolumbianischen Staat und der DEA (Drug Enforcement Agency) der USA führte zu einer Marktbereinigung und der Ausschaltung des Medellin-Kartells unter Pablo Escobar zugunsten des Cali-Kartells. Letztendlich war dies eine Restrukturierung des Drogenhandels. (Steven Soderbergh hat dieses Kapitel der US-Drogenpolitik in seinem Film "Traffic" aus dem Jahr 2000 thematisiert.) Zelik schlussfolgert: "In der organisierten Kriminalität werden die Ideen kapitalistischer Erneuerung geboren" und meint damit das Outsourcing von Dienstleistungen am Beispiel von Auftragsmorden an missliebiger Personen aus ökonomischen oder politischen Gründen. Das alles durchdringende Klima der Gewalt hat zur Folge, dass die Menschen, eingeschüchtert und verängstigt, möglichst unauffällig überleben wollen. Die Chancen für soziale Aktivisten sind da denkbar schlecht und sie müssen sich in ihren Wohnvierteln ruhig verhalten, anpassen und können nur in entfernteren Stadtvierteln Aktionen entfalten.

Juliane Eckert beschreibt das Wirken der militanten Hindu-Rechten und ihrer Organisation der "Shivsena", die viele parastaatliche Dienste anbietet und eine breite informelle Struktur geschaffen hat, die bis zur Konfliktschlichtung und Gewaltbekämpfung geht, aber letztendlich radikal anti-muslimisch orientiert ist. Leider fehlt hier eine Einschätzung der Rolle von Aktivistinnen wie z.B. Arundhati Roy, die sich international mit bemerkenswerten Aufsätzen und Kritik an Neokolonialismus und Imperialismus einen Namen gemacht hat.

Am Beispiel der ehemals funktionierenden multiethnischen Stadt Sarajevo, die infolge des mit dem Dayton-Vertags von 1995 beendeten Kriegs heute quasi als internationales Protektorat existiert, zeigt Markus Bickel die verheerende Auswirkungen neonationalistischer Kriege. Die Abwesenheit von Krieg bedeutet hier keineswegs Frieden. Die zerstörte Infrastruktur und ökonomische Zukunftslosigkeit zwingt bis heute viele Bewohner, darunter Angehörige der Intelligenz, sich in Belgrad Arbeit zu suchen. In einer politisch und ökonomisch völlig desolaten Situation muss sich die Bevölkerung mittels Grau- und Schwarzmarkt versorgen, während Jugendliche Identität und Heil in Drogen und fundamentalistischem Islam suchen. Eine Einschätzung zu den Ursachen für die plötzlichen "Erfolge" des militanten Nationalismus in Jugoslawien nach Tito, der vormals existierende und funktionierende multiethnische Gemeinschaften separierte, lässt Bickels Bericht vermissen und verweist in Nebensätzen nur auf den serbischen Nationalismus, als ob der allein die Ursache für die Kriege auf dem Balkan gewesen wäre.

Die Aufsätze dieses Buchs, die hier nicht alle vorgestellt werden können, sind in ihren kenntnisreichen und detaillierten Analysen eine Bestätigung einer generellen und sehr deprimierenden Entwicklung, die Wolfgang Pohrt 1997 in seinem Buch "Brothers in Crime. Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit. Über die Herkunft von Gruppen, Cliquen, Banden, Rackets und Gangs" (Edition Tiamat) diagnostizierte: "Wenn es zum Kampf kommt, kämpft keiner für Freiheit oder Sozialismus. Jeder kämpft gegen jeden, jeder kämpft für sich."