ausgabe 1

berlinale 2007

   

 

 

Einführung : Verrat

von Katja Diefenbach
       

 

Pantoffelleben1969. Was macht eine antikonventionalistische Gruppe mit ihrer Konventionalität? Wie geht es dem Spießer in dir selber? 1969 kracht die antiteater-Gruppe, in der Fassbinder arbeitet,Theater macht und eine Reihe seiner frühen, manisch hintereinander weg gedrehten Filme verwirklichen wird, Liebe - kälter als der Tod, Katzelmacher, Götter der Pest, Rio das Mortes, Whity etc., 1969 kracht diese Gruppe in das Problem der Kollektivität, in das Problem der Langsamkeit, in das Problem des Wiederauftauchens der gleichen zähen sozialen Scheisse in Gruppenzusammenhängen. Gemeinsam arbeiten, gemeinsam leben - und was ist mit gegenseitiger Ausnutzung, Abhängigkeiten, Hierarchien? Wie verhindert man, dass die Gruppe die Familienkonstellation nachstellt? Fassbinder hat Filme darüber gemacht. Wie praktisch. Don't cry - work. Eine Schwierigkeit bannen, indem man aus ihr ein Thema gestaltet. Wer nicht mitmachen will, kann abhauen.

Die frühe Dynamik von Fassbinders Kino kommt aus dem gesellschaftlichen Aufbruch der Jahre 67/68. Und München war nicht Frankfurt oder Berlin, das darf man nicht vergessen, München war nicht bestimmt von SDS und Uni-Linker, München war eher ein Mischmasch aus einer sich radikalisierenden Kulturszene, Jugendrevolte, Politaktivismus, Kiffer, Prols.

1970 schreibt die RAF in ihrer ersten Erklärung, die die agit 883 abdruckt: "Sitzt nicht auf dem hausdurchsuchten Sofa herum und zählt die Lieben, wie kleinkarierte Krämerseelen. Baut den richtigen Verteilungsapparat auf, laßt die Hosenscheißer liegen, die Rotkohlfresser, die Sozialarbeiter, die sich doch nur anbiedern. Kriegt raus, wo die Heime sind und die kinderreichen Familien und das Subproletariat und die proletarischen Frauen, die nur drauf warten, den richtigen in die Fresse zu schlagen."

In entfernter Analogie betreibt Fassbinder die gleiche Infragestellung der Langsamkeit der Kommune. Leute, wir wollen nicht einschlafen. Nicht-Können, sich-nicht-trauen, gibt es nicht. In einer auf Produktion verschobenen Weise korrespondiert das mit der linksradikalen Frage von 68 - den Bruch Machen, wirklich Durchkommen. "Ich werfe keine Bomben, ich mache Filme", der Spruch, der schließlich das Plakat für seinen späten RAF-Film "Die dritte Generation" zieren wird, ist keine Ironie. Mann, Mann, Mann. Aus dem traurigen Teil der Erfahrungen von 1968, aus dem großen Ausbleiben des Ereignisses, aus dem Zerfall, aus der Angst macht Fassbinder Filme. Langsame Einstellungen auf Abhängigkeit und Schmerz.

Sein Produktionssystem ist forcierte Mobilmachung. 14 Filme in den ersten zwei, drei Jahren. Das ist irgendwie genial krass, Möglichkeit einer Gruppe, die immer wieder zum nächsten Film bereit ist, Selbstermächtigung, Selbstverausgabung, aber auch eine Falle. Heute zeigt sich klarer, inwieweit der Aufruf zur Produktivität in den Kommunismus des Kapitals führen kann. Dieser Aufruf ist zum ideologischen Amphetamin unserer beschissenen Gesellschaft mutiert: Mach was aus Dir. Tu-Nix und umherschweifende Haschrebellen sind lange vorbei. Wer nicht arbeitet, ist entweder ein armes Schwein oder gerade im Work-out. Denn alle sollen zum Unternehmer ihrer eigenen Fähigkeiten werden. Und wers nicht schafft kriegt, einen Ein-Euro-Job.

Fassbinder hat sich in die Krise der 70er hinein gefilmt. Bilder produziert, warum die Scheisse so weiterläuft, warum die Leute geniessen, sich fertig zu machen.

Seine Energie für das Kaputtgehen speist sich auch aus seinem romantischen Antikapitalismus, aus dem Glauben, dass wir etwas verloren haben. Vor der Nacht war das Licht der Liebe. So einfach ist das. Deshalb muss man schlichte Stories erzählen. Das Melodram politisch und Hollywood kritisch wenden. Fassbinders negative Energie kam außerdem aus dem Willen, die geile Abfahrt des enfant terrible zu nehmen. "Ich schiesse in jede Richtung." Ein Auftritt mit begrenztem Effekt. Aber immerhin. Kein Schwulenfilm, sondern die Gesellschaft homosexualisieren. Kein Ausländerfilm, sondern der Migrant als Liebesobjekt, den die Leute kaputt machen wollen. Kein Frauenfilm, sondern ihr Körper als Metapher für Abhängigkeit - was tendenziell doof gelaufen ist, weil damit eine herrschende Metapher verdoppelt wurde. Oder beginnt hier der Hass gegen das Bestehende? Mit der Verdopplung des Unerträglichen? Der Mann als Unfähigkeitsmonster, die Frau als Bindungmonster. Fassbinder zieht eine Wiederholungsschleife durch ihren Körper und spitzt bis zum Zahnschmerz alles auf die klaustrophobische Perspektive zu, in die Frau entweder Verkörperung von Anhänglichkeit wird oder ihre Unterwerfungserfahrung in ein nervtötendes Terrormittel verwandelt hat, weiblicher Blockwart spießigen Gemeckeres, bis in den "Bitteren Tränen der Petra von Kant" das ewig weibliche Abhängigsein den Frauenkörper zu verlassen beginnt und in diesem Fall Fassbinders eigene vergebliche Hingabe an Günther Kaufmann symbolisiert.

Und dann seine Filme über die Linke, Warnung vor Hypermissionarismus und Moralismus, vor Feigheit, die sich als Aktivismus tarnt, Sinnterror von linken Spießern. Wenn Fassbinder die andere Seite der Linken sein wollte, dann weil es die eine Seite schon gab. Lichtjahre vom Neue Mitte-Spruche "Linke sind Spießer" entfernt, versuchte Fassbinder, etwas Intensives und Brauchbares aus politischem Verrat zu machen. Der Grenzwert liegt darin, dass eine Überdruckkammer entsteht. Jede Szene verwandelt sich automatisch in eine neue Niederlage.

Fassbinder hat dafür tausend Einstellungen parat und die dazugehörigen Inneneinrichtungen: Schrankwand gewordene Bürgerlichkeit, in die er nacheinander nicht nur das Kleinbürgertum versetzt, sondern auch Schwule, DKP-Mitglieder und RAFler. Wer minoritär oder militant ist, ist kein besserer Mensch. Gummibaum, Spiegel, Angst vor der Angst - die Ausstattung vieler Fassbinder-Filme, die lange Zeit Kurt Raab übernommen hat, zeigt, hier leben Menschen, die gerne ersticken. Damit wählt Fassbinder einen umgekehrten Ausgangspunkt des Politischen, nicht die Freiheit, die kommen wird, sondern die Unfreiheit, die sich wiederholen wird. Der mikropolitische Kitt des Gesellschaftlichen besteht darin, dass die Leute Unterdrückung begehren, die eigene und die von anderen. Damit ist Fassbinder relativ nahe an dem, was Deleuze und Guattari Mikrofaschismus genannt haben. Dieses Thema schleift er durch alle Themen, wahrscheinlich ist es sein Lieblingsthema. Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil?

Selbst in Whity, Fassbinders own private Western, wo Günther Kaufmann, seine beschissene weisse Familie, in der er als Dienstbote arbeitet, erschlägt, geht niemand in die Freiheit. Kaufmann geht in die Wüste. Er nimmt seine Geliebte, Hanna Schygulla, mit. Sie werden verdursten. In der für den WDR produzierten Serie "Acht Stunden sind kein Tag" sieht man Metallarbeiter, wie sie Selbstbestimmung über die Produktion verlangen, und der Fabrikbesitzer locker darauf eingeht, weil er ahnt, dass Motivation eine kapitalistische Ressource ist. Es gibt keinen Horizont in Fassbinders Filmen. Es gibt keine Freiheit. In diesem Sinne ist sein Kino vollgeknallt von negativer Erlösungssehnsucht. Je hoffnungsloser ein Film ist, umso mehr schreit alles nach Veränderung. Der Messias kommt, wenn die Nacht am Tiefsten ist.

Fontane und Douglas Sirk: das Kaputte erzählen und Zärtlichkeit dafür entwickeln - mit einer Leidenschaft für die Gefühle der so genannten kleinen Leute. Emanzipation fängt bei ihm überhaupt mit Gefühlen an. Was passieren müsste, aber nicht passiert, ist das Ende gegenseitiger Terrorisierung, der Zeitpunkt, an dem die Leute gelernt hätten, zu gehen und gehen zu lassen, an dem die Leute aufhörten, sich immer wieder eine Familie zu schaffen. Wenn Fassbinder etwas positiv idealisiert, dann die Sehnsucht des Subproletariats und der Leute von der Ecke, Fox in "Faustrecht der Freiheit", seine Alki-Schwester, Brigitte Mira in "Mutter Küsters Fahrt zum Himmel". Aber die meisten von ihnen müssen sterben. Vielleicht ist "Querelle" über den Umweg Jean Genet ein wirklicher Einbruch in Fassbinders Kino, eine langsame Passage in die Homosexualisierung von Verrat, Passivität, Demütigung und Tod. Gefickt werden und Liebesverlust werden erotisiert, ohne dass das terroristische Drama des Familiären, der Ehe, der Psyche, der Gruppe, der Gesellschaft gänzlich im Zentrum steht. Leise ist dieses Drama zur Seite getreten und gibt einer Sexualisierung von Verlust und Verrat Raum, die nicht vor der Kulisse gesellschaftlicher Unterdrückung spielt und nicht in das große Unterwerfungs-Schlachthaus der bürgerlichen Gesellschaft führt. (Bersani?)

Wir begrüßen Euch zu "Keiner ist böse, keiner ist gut". Zwei schnelle Stunden zur Aktualität von Fassbinders Strategien.

 

 

berlinale blog
täglicher talk zur berlinale 2007, ab dem 8.2.