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hell_p : bisherige veranstaltungen.

07-04 NEUE KRIEGE 1
die invasion im irak und die verpolizeilichung des krieges
souveraene polizei: militarisierung der politik, biologisierung des medialen

ausschnitte aus: >black hawk down<, ein film von ridley scott, usa 2001

I. LIBERATING BAGHDAD
dieser krieg basiert nur scheinbar auf einem widerspruch zwischen usa + europa. dennoch macht der weltweite widerstand ebenso wie dieses erstaunliche die-regierungen-der-welt-gegen-die-usa deutlich, wie bruechig die neue ordnung ist, in der krieg nicht als auseinandersetzung zwischen nationalstaaten, als besetzung und territoriale expansion, sondern als sicherung von hegemonie und ordnung funktioniert. auch wenn damit klar wird, dass sich das empire mit grossen widerspruechen konfrontiert sieht, ist der weltweite charakter der kritik bereits symptom fuer die durchsetzung globaler herrschaft. mit der invasion in den irak zeigt sich die aggressivitaet eines polizeikriegs, der als neuer typus hegemonialer kriegsfuehrung in einem globalen kapitalistischen innenraum auftritt. polizeikriege werden nicht gewonnen. die polizei ist immer da. in einem krieg, in dem nicht einfach ein territorium erobert und besetzt wird, sondern in dem ein territorium zugaenglich gehalten werden soll, gibt es kein definitives kriegsende. das macht die aktualitaet des platon-zitats am anfang von “black hawk down“ aus: “nur die toten haben das ende des krieges gesehen“. es geht darum, territorien als sicherheitsraeume zu garantieren und fuer waren-, dienstleistungs-, ressourcenstroeme durchlaessig zu halten. es ist sinnlos, nach einem ersten kriegsgrund zu forschen wie oel oder terrorbekaempfung. polizeikrieg ist ein definitiv hybridisierter krieg, in dem mehrere materielle, ideologische, kontrollpolitische straenge gleichzeitig verfolgt werden.

II. BLACK HAWK DOWN
>black hawk down< ist ein steadycam-film vom neuen frontabschnitt des so genannten anti-terror-krieges. er ist voller slow-mo, jump-cuts und einer wackel-kamera, die echtes du-bist-dabei-gefuhl vermittelt. der film wurde in marokko gedreht und wie >g.i. jane< vom pentagon offiziell ausgestattet. er bebildert die extreme abtrennung des humanitaeren vom politischen als sphaere der verwaltung und entrechtung: einsperren, um aufzuhalten. das von humanitaeren organisationen verwaltete lager ist mit dem gesellschaftlichen dadurch verbunden, dass es nicht dazu gehoert. zu beginn von ridley scotts film >black hawk down< faehrt die kamera durch eine flirrende wuestenartige leere, in der ausgehungerte schwarze koerper daemmern, lebende ruinen, seltsam zerstoerte koerper-gebaeude, aus denen noch der rauch der vergangenen schlacht aufsteigt. der status dieser koerper ist unklar. sind sie tot? sind sie verhungert? leben sie? sicher ist, dass sie nur noch koerper sind, blosses leben - ohne sprache, ohne sozialitaet - koerper an der grenze zwischen leben und tod, objekte des krieges, objekte humanitaerer verwaltung. wie anders sind dagegen die bilder der helfenden weissen, ihre sorgsam pflegende haende, ihre gesichter, die zur identifikation mit der anstrengung internationaler entwicklungsarbeit aufrufen. mit >black hawk down< hat der britische regisseur ridley scott hollywood punktlich zu 9/11 eine ideologietheoretische einfuhrung in die frage geschenkt, was neue kriege sind, und wie der hegemoniale blick das nackte leben sieht; jenes blosse leben unter humanitaerer verwaltung, red cross guaranteed life, das im imperialen kapitalismus eine der krassesten ueberlebensformen darstellt.

mo, 21-04-03, 9.p.m.
NEUE KRIEGE 2
cairo 2003. die antikriegsdemonstrationen in aegypten unter islamistischer hegemonie. eine diskussion mit heissam el-wardany.

in den 90er jahren begann die aegyptische regierung einen >low intensity war< gegen den politischen islam zu fuehren. der voran gegangene versuch, die islamisten als staatlich gelenkte waffe gegen die linke einzusetzen, hatte zu einer starken hegemonie politischer religion an den universitaeten und in teilen der gewerkschaften gefuehrt, die der regierungskontrolle entglitten war. die linksliberalen intellektuellen schwiegen zu diesem nicht erklaerten krieg, weil sie sich nicht zum fuersprecher politischer religion machen wollten. die position doppelter kritik - gegen die staatliche politik, gegen den politischen islam - blieb weitgehend unbesetzt. waehrenddessen versuchte die regierung, den islamismus dadurch zu normalisieren, dass sie eine staatliche version politischer religion entwickelte. so wurde zum beispiel die zeitung >mein glaube< gegruendet, in der eine moderate version des islams in relativ populärem stil - mit artikeln zu alltäglichen fragen und zum schick des schleiers fuer die islamische frau - entwickelt wurde. um den einfluss der islamistischen gruppen an den universitäten zurueckzudraengen, wurde ein studentischer verein ins leben gerufen, der erfolglos versuchte, einen farblosen zivilgesellschaftlichen diskurs der toleranz zu etablieren. in der oeffentlich gefoerderten buchreihe >reading for all< wurden unter anderem titel aus den 20er jahren ueber aufklaerung, frauenrechte oder eine nicht fundamentalistische religionsgeschichte zu super billigen preisen neu augelegt. diese staatliche normalisierungskampagne des religioesen blieb relativ erfolglos. ende der 90er, anfang 2000 kamen eine reihe islamistischer abgeordnete, die zum teil als parteilose oder auf anderen listen kandidiert hatten, ins aegyptische parlament. eine neue phase begann, in der die regierungsinstitutionen auf dem kulturell-religiös gebiet weit gehende zugestaendnisse machten und zum beispiel die zensur von romanen, in denen zwei, drei blasphemische saetze vorkamen, unterstuetzten. gleichzeitig spekulierten sie darauf, den einfluss des politischen islam aus dem politisch-oekonomischen feld fernhalten zu koennen. die strategien des aegyptischen staates gegenueber den verschiedenen stroemungen des politischem islam schwanken zwischen instrumentalisierung, normalisierung und repression. angesichts der invasionen in afghanistan und im irak stellt sich die frage, ob der >war on terrorism< in gewisser weise die kriegsführung der aegyptischen oder auch der algerischen regierung gegen den politischen islam globalisiert. ausserdem stellt sich die frage, welcher zusammenhang zwischen der marginalisierung der linken und dem aufschwung des politischen islams existiert. die linke in aegypten ist immer noch stark der politik der 60er und 70er jahre verpflichtet; ihr auftreten ist nostalgisch; eine erneuerung der politischen praktiken hat nicht wirklich statt gefunden. der politische islam scheint dagegen einen starken, massenmobilisierenden effekt auf eine neue phase globalisierter kapitalistischer vergesellschaftung darzustellen.

fortsetzung am 19-05 mit ausschnitten aus >alexandria, why?<, in autobiographischer spielfilm von youssef chahine, der paradigmatisch in die situation aeptens in den 40er jahren einführt, in das leben einer gruppe junger freunde kurz vor der unabhaeigkeit aeptens.

12-05 KURZE GESCHICHTEN VOM SEX 1
21 uhr
kurze geschichten vom sex. mit claudia basrawi (text) und florian braun (bilder).

Text-Fragmente als eine Montage aus Fiktivem, Erinnertem, Erzähltem, Dialogen, Filmsequenzen und Träumen. Alle Figuren werden in kurzen Passagen vorgestellt. Sie verschwinden und tauchen wieder auf, stilistisch ähnlich wie die Arbeiten des Regisseurs und Autors Harmony Korine.

Die Kühle des Films, die Möglichkeit des Vor und Zurückspulens, werden innerhalb der Lesung in Text und Einzelbilder umgesetzt.


Claudia Basrawi
Geboren in Beirut. Autorin, Fotografin. Mitglied der Autoren/Künstlergruppe Gruppe M. Psychogeographische Experimente und Vorträge. Gastsängerin bei den Goldenen Zitronen. Übersetzerin von Darius James. Veranstaltet seit 1994 selbst regelmäßig Klubabende. Zuletzt für den Maas Media Verlag im Kaffee Burger in Berlin. Bei diesen Veranstaltungen (Mixed-Media Vorträge und szenische Lesungen) werden internationale Autoren, Filmemacher und Künstler vorgestellt.

Ihren ersten Roman "Die Welt in der wir wohnten" schrieb Claudia Basrawi mit zwei Mitgliedern der Gruppe M. Teile des Romans wurden in verschieden Berliner Klubs mit Film und Musik aufgeführt, unterstützt von Angie Reed.

"Kurze Geschichten vom Sex" entstand in der Zusammenarbeit mit dem Fotografen Florian Braun, der "Alltagsbilder aus einer anderen Perspektive betrachtet und damit dem Alltag vielleicht eine andere Perspektive gibt" (taz).

Florian Braun
"Florian Braun befasst sich in seinen Arbeiten mit den ihn umgebenden AIltäglichkeiten. Beim Betrachten seines Werkes bekommt man jedoch den Eindruck, es handle sich dabei um die Aufzeichnungen eines Entdeckers einer fernen, fremden Kultur. Seine Arrangements von Alltagsobjekten erinnern an anthropologische Sammlungen, mit deren Hilfe sich jemand um die Lüftung der Rätsel einer untergegangenen Kultur zu bemühen scheint. Seine Fotografien wirken wie Zeugnisse eines zurückgekehrten Reisenden, der sich in eine ferne, ihm unerklärliche Welt begeben hatte und nun zu Hause im Labor versucht, aus den Fundstücken Erklärungen zu rekonstruieren." (Aus einem Artikel in der taz August 2002)


19-05 KOLONIAL/ POSTKOLONIAL 1
ausschnitte aus: >alexandria, why?< , ein film von youssef chahine, aegypten 1978(Silberner Bär 1979), 133 min.

The first film in Chahine's autobiographical Alexandria trilogy, ALEXANDRIA, WHY? was a widely banned revelation in Arab cinema for its use of first-person narrative and for testing boundaries of political, cultural and sexual questions. Yehia, a young Victoria College student, is obsessed with Hollywod and dreams of making cinema. It is 1942, Rommel's army nears Alexandria, the Germans are about to enter the city, some cheer the nazis, thought preferable to the presence of the British. Jewish friends are forced to leave and decide to settle in Palestine. Yehia’s cousin is gay and buys drunken British soldiers. This film focuses on two separate love affairs in the city of Alexandria. The first is between a Jewish woman and young Alexandrian man. The second is the relationship between a wealthy Arab man and an English soldier.

21-05 KURZE GESCHICHTEN VOM SEX 2
a critique of terrorist chic as porn. ein gespräch mit bruce la bruce über seinen neuen film >the raspberry reich<

26-05 DER OSTEN IST DIE ZUKUNFT 1
>connections<, ein film von jelena markovic, 2003

02-06 NEUE KRIEGE 3
ausschnitte aus: >vietnam: in the year of the pig<. dokumentarfilm von emile de antonio, usa 1969. diskussion mit sophia schmitz

09-06 NEUE KRIEGE embedded dying. journalisten berichten vom sterben. diskussion und fernsehen mit stephan geene.

20-06 BIOPOLITIK 2

Gespenstige Immanenz: das Soziale im Kapitalismus. Helmut Draxler spricht ueber die Filme von Mike Figgis und Fetischismus

Nachdem Mike Figgis in "Time Code" (2000) Arbeit, Leben und Liebe im Sinn der "gesellschaftlichen Fabrik" (Negri/Hardt) hatte in eins fallen lassen und den Betrachtenden nur mühsame Distanzgewinne erlaubte, führte er in "Hotel" (2001) wieder verschiedene Realitätsebenen ein. Die Art und Weise, wie diese offensichtlich gespenstischen, normalen und imaginären Ebenen miteinander interagieren macht jedoch klar, dass auch hier alles im Rahmen strikter Immanenz gedacht ist. Die klassichen Überschreitungs-Genres Melodram, Horror und Porno synthetisierend, gelangt Figgis zu einer Art Instanzenlehre des Transversalen. Die multiplizierten "Faltungen" von Film im Film im Film, die multiplen Persönlichkeiten der Schauspieler als reale Stars, als Schauspieler, die sie spielen und als Charaktere in dem Stück, das gefilmt wird, zielen, ebenso wie das Ausloten der digitalen Möglichkeiten hinsichtlich Aufnahmetechniken und Bildformaten, auf ein Thema: den Fetisch in Filmtheorie und politischer Theorie. Der Fetischismus setze Beziehungen zwischen Dingen statt Beziehungen zwischen Menschen, so die klassische Definition von Marx. Daraus resultierte der anti-fetischistische Impuls der Screen-Theorie in den 70er Jahren. Gegen die im Fetischismus festgeschriebene "Verneinung" des weiblichen Körpers versuchte Laura Mulvey den aufklärerischen Begriff der "Curiosity" stark zu machen. Bei Derrida sind dann die sozialen Beziehungen selbst gespenstisch, d.h. fetischistisch geworden. Da gibt es kein Entkommen mehr aus Verdrängung, Verschiebung, Verdichtung und Verneinung. Von der Kritik zur permanenten Krise. Dementsprechend bleiben bei Figgis nur unterschiedliche Grade des Gespenstischen erkennbar, deren Austausch immerhin erlaubt, Eigenes und Fremdes, (Geschlechter)-Differenz und Rivalität, die scheinbare Normalität als besondere Ebene der Klischees zu thematisieren, und schließlich den Fetischismus als queere Praxis zu behaupten. (HD)

23-06 NEUE KRIEGE 5
Unternehmen Krieg Dario Azzellini spricht über das erneuerte Verhältnis von Kapitalismus, Krieg und Staatlichkeit. Ausschnitte aus "Killer GmbH & Co.", ein Dokumentarfilm von Malte Rauch ueber internationale Sicherheitsdienstleister, BRD 1998 (58 min)

Die Formen der Kriegsfuehrung veraendern sich. Neben staatlichen Armeen treten verstaerkt private Militaerunternehmen, Paramilitaers, Warlords, Privatarmeen und Soeldner als Akteure des Krieges auf. Kriege selbst werden weniger zwischen Staaten und ihren Armeen geführt als vielmehr innerhalb von Staaten zwischen regulären und irregulären Truppen und vor allem gegen die Zivilbevölkerung. Mit dem Begriff "Neue Kriege" entstand sogar ein eigener Terminus, unter dem der neue Typus militärischer Konfrontation von Publizistik und Wissenschaft diskutiert wird. Meist wird das vermehrte Auftreten der privaten Gewaltunternehmen dabei als Symptom von "Staatszerfall", "Chaos" und "Anarchie" gedeutet, als ein Verlust des "Gewaltmonopols des Staates" in "gescheiterten Staaten", dem der Westen mehr oder weniger hilflos gegenueber steht. Wir wollen die Phaenomene in einer anderen Perspektive analysieren; wir wollen zeigen, wie es gerade die aus dem Westen betriebene Globalisierung des neoliberalen Kapitalismus ist, die in den Peripherien dieses Systems zu neuen Kriegen fuehrt.