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Manfred Hermes
Deutschland hysterisieren
Fassbinder, Alexanderplatz
2011 · 248 S. · 18 €
ISBN 978-3-933557-75-9
»Berlin Alexanderplatz« spielt in Fassbinders Werk eine Schlüsselrolle. Die narrative Strategie dieser Serie beruht auf Aneignung und Wiederholung. Döblins Roman hat der Verfilmung von 1979 Figuren und Themen, eine subproletarische Soziologie und eine nicht-dramatische Struktur
vorgegeben. Er hat Fassbinder auch mit Material versorgt, um einen Avantgardismus der 1920er Jahre zu historisieren und das Verhältnis von Utopismus und Volkstümlichkeit neu zu bestimmen. Seine Übertragung musste auf der dafür unwahrscheinlichsten Bühne stattfinden, dem fiktionalen Film im Fernsehen. Wie bei Döblin ist die Dispersion von Stimmen auch der Rohstoff von Fassbinders filmischer Fiktion. Seine Aneignungsbewegung hat aber eine veränderte Konzeption von Realismus, eine andere Zeitmodellierung und damit eine von Döblin unabhängige geschichtliche Rahmung hinzugefügt. Für beide war jedoch die Traumatisierung eine unhintergehbare Voraussetzung persönlicher und gesellschaftlicher Umwälzungen. Sie wird gedacht als masochistisch genossene Unterwerfung unter das am wenigsten Akzeptable, Kastration und Tod. Dabei hat Fassbinder seine Vorlage, von Döblin entlang psychoanalytischer Modelle entworfen, zu den avanciertesten Bedingungen zeitgenössischen Denkens politisiert. Schon Döblin hat seine Hauptfigur als Hysteriker angelegt. Eine Hysterisierung des Zuschauers war aber die zentrale Ambition von Fassbinders gesamter Produktion. Das gilt vor allem für Arbeiten aus dem zeitlichen Umfeld von »Berlin Alexanderplatz « wie »Der Müll, die Stadt und der Tod« und »In einem Jahr mit 13 Monden«. In ihnen hat Fassbinder einen jüdisch-deutschen Drehspiegel errichtet, dessen Achse der Holocaust bildet. In acht Kapiteln und sieben Anhängen verschränkt Manfred Hermes eine analytische und konzentrische mit einer exzentrischen und umherschweifenden Bewegung, deren Ausgangsund Anschlusspunkt Fassbinders Fernsehserie ist.

Inhalt: Nicht alles findet in der Kontinuität und in nur einem Bezugssystem statt – Die Themen
liegen (nicht) auf der Straße – Nuancen der Modernität – Mit Apparaten diese eigenartige
Sache herstellen, die man Bilder nennt – Welches Soziale, und wie? – Knicke des Historischen –
Auf der Bühne größtmöglicher Ambivalenz – Arc de cercle (Anhänge: Berlin, Super-Stadt – Dt.
Miseren 1980-2010 – »Jüdisch«: Traditionsaneignung/ »Der Müll, die Stadt und der Tod«/ Repräsentation – Döblins »Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende« – »Kunstwerke«)