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Jacques Rancière
Die Filmfabel
(A.d. Französischen v. Teodora Tabacki und Stephan Geene)
2014 . 286 S., s/w Abb. 978-3-933557-81-0 . 18 €
Jacques Rancières filmtheoretisches Hauptwerk endlich auf deutsch.


Der politische Gehalt eines Films, Ranciere sucht ihn weder im expliziten Inhalt noch im latenten, unbewussten. Er sucht ihn im Sichtbaren und dem politischen Regime, dem es sich verdankt. Das reine passive Intime Dasein der Dinge, das Film ausmacht, ob narrativ oder ästhetisch, ist aber nicht einfach die Wahrheit des Mediums, es verdankt sich immer nur den verschiedenen filmischen Formen, es zu durchkreuzen.

Ein Mädchen und ihr Mörder vor einer Schaufensterscheibe, eine schwarze Silhouette, die eine Treppe herabsteigt, eine Frau, die in eine Gewehrsalve hineinläuft: diese Bilder von Lang oder Murnau, Eisenstein oder Rossellini ikonisieren das Kino, aber auch seine Paradoxe. Das Zusammenfallen von künstlerischer Absicht, Story und dem teilnahmslosen Blick der passiven Dinge verursacht eine innere Unruhe im Kinematographischen, eine Zerrissenheit. Für Rancière liegt in den Gegensätzen von narrativem Drive und Passiv-Werden jedoch ein systematisches "Durchkreuzen", das schon im "ästhetischen Regime" der Romantik enthalten ist: ihre Philosophie hat es in Begriffe gefasst, der Roman und das Theater bereits auf ihre Weise zu realisieren versucht. Das Kino erfüllt diese Erwartungen aber nur zu dem Preis, ihm gleichzeitig zu widersprechen. Frühe Filmtheoretiker wie Jean Epstein bejubeln im Kino der 20er Jahreeine neue Sprache der Ideen, die fühlbar geworden sind, die die alte Kunst der Stories und Figuren überflüssig mache. Eingetreten ist das jedoch nicht. Dass das Kino -- nicht nur dasjenige Hollywoods -- die konventionellen Intrigen, die Prototypen und überholten Genres am Ende spektakulär wiederbelebte, die doch von moderner Literatur und Malerei in Stücke gerissen war, das ist für Rancière mehr als nur ein Roll-back, es entspricht der inneren Dynamik dieses Gegensatzes.

Für Jacques Rancière findet dieser Konflikt zwischen antagonistischen Poetiken, Jean Epsteins Traum und Jean-Luc Godards entzauberter Enzyklopädie, zwischen dem Abschied vom Theater und der Begegnung mit dem Fernsehen, mit James Stewart im Western und Gilles Deleuze im Land der Begriffe und er zeigt darin wie die Kinofabel eine durchkreuzte Fabel ist. Von hier ausgehend lösen sich für am Ende auch die Grenze auf zwischen Dokument und Fiktion. Traum des 19. Jahrhunderts, erzählt das Kino uns die Geschichte des 20. Jahrhunderts.



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